Das Leben zu Guttenbergs

Die Last, Elite sein zu müssen

Von Eckart Lohse und Markus Wehner, Berlin
01.03.2011
, 22:07
Die Guttenbergs bei einem Empfang zu Ehren Prinz Charles' im April 2009
Karl-Theodor zu Guttenberg wollte immer großartiger sein, als er war. Sein familiärer Hintergrund half ihm bei seinem rasenden Aufstieg und ebnete ihm den Weg in den Boulevard. Aber er war auch eine Last, die Guttenberg nicht schultern konnte.
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Die meisten Menschen wachsen nicht in einem Schloss auf. Wer hat schon einen Diener, einen Stallmeister, eine Hausdame, zwei Köchinnen, zwei Haushälterinnen, Chauffeur und Gärtner, so wie es heute noch auf Schloss Guttenberg der Fall ist? Wem wird das Mittagessen von einem livrierten Diener mit weißen Handschuhen gereicht? Wer kann die Vorfahren aus Jahrhunderten auf Ölgemälden im Ahnensaal seines Zuhauses betrachten?

Karl-Theodor zu Guttenberg ist mit dem Bewusstsein eines zukünftigen Schlossherrn aufgewachsen. Er ist aber auch mit dem Anspruch aufgewachsen, Elite zu sein. „Elite nämlich – und das soll doch Adel sein – ist nie, wer sich absondert; oder gar, wer das Anderssein mit Bessersein verwechselt. Elite ist nur, wer sich im Heute und unter den Heutigen als solche ausweist und sich bewährt durch das, was er ist und durch das, was er tut. Einen alten Namen zu tragen ist also nichts weiter als ein Auftrag. Eine Last, kein Privileg. Ein Inhalt, keine Hülle, ein Müssen und niemals ein Dürfen.“

So hat es Karl Theodor zu Guttenberg (ohne Bindestrich), der Großvater des am Dienstag zurückgetretenen Verteidigungsministers, in seiner Tischrede zur Hochzeit seines Sohnes Enoch formuliert. Und dieser, der Vater des bisherigen Lieblingspolitikers der Deutschen, hat den hohen moralischen Anspruch der oberfränkischen Adelsfamilie in die Worte gefasst, man müsse „für das, was man für richtig hält, zur Not auch sterben können“.

Schloss Guttenberg in Guttenberg in Oberfranken
Schloss Guttenberg in Guttenberg in Oberfranken Bild: dapd

Dieser Anspruch war nicht abstrakt. Da gab es den Urgroßonkel von Karl-Theodor zu Guttenberg, Karl Ludwig zu Guttenberg, der als Widerstandskämpfer von den Nationalsozialisten verhaftet und in den letzten Kriegstagen in der Nacht vom 23. auf den 24. April 1945 von der SS ermordet wurde. Da gibt es die Verbindung zu den Stauffenbergs durch mehrere Heiraten, nicht zuletzt hat eine Tante von Karl-Theodor zu Guttenberg einen Sohn des Hitler-Attentäters geheiratet.

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Da gibt es den CSU-Politiker Karl Theodor zu Guttenberg, den Großvater, der sich mit Franz Josef Strauß anlegte und mit dem SPD-Politiker Herbert Wehner befreundet war, mit dem er die Große Koalition einfädelte. Zuletzt kam durch die Heirat mit Stephanie zu Bismarck-Schönhausen noch der große Deutsche des 19. Jahrhunderts, Reichskanzler Otto von Bismarck, als Ururgroßvater der Ehefrau Guttenbergs ins Spiel. Mehr historischer Glanz geht nicht!

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Der familiäre Hintergrund hat Guttenberg bei seinem Aufstieg geholfen

Das alles hat Karl-Theodor zu Guttenberg bei seinem rasenden Aufstieg geholfen, hat ihm den Weg in den Boulevard und die bunten Blätter der Republik geebnet, wo er und seine Frau so präsent sind, wie es zuvor kein Politiker in Deutschland gewesen ist. Aber es war auch eine Last, die Guttenberg nicht schultern konnte.

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Denn trotz der scheinbar günstigsten Startbedingungen hatte Karl-Theodor zu Guttenberg eine schwierige Kindheit. Seine Eltern trennen sich früh. Als Christiane zu Guttenberg, geborene Gräfin zu Eltz, sich von ihrem Mann trennt, ist Karl-Theodor etwa drei Jahre alt. Der Vater, bei dem er und sein anderthalb Jahre jüngerer Bruder Philipp bleiben, ist als Dirigent viel unterwegs.

Die Söhne werden von einer liebevollen Kinderfrau großgezogen, die als Kind von Vertriebenen in die Ortschaft Guttenberg kam und bis heute in der Familie lebt. Die Mutter, die in Frankfurt die Filiale des Auktionshauses Sotheby’s leitet, besucht zwar die Söhne, ist aber in der Regel weit weg. Die Erziehungsmuster des Adels, welche die Betreuung durch eine Kinderfrau einschließen, prägen auch Karl-Theodors Kindheit – nur dass in seinem Fall die Kinderfrau auch die Ersatzmutter ist.

Schon als Kind hat er ein Bierzelt in Minuten im Griff

Die Ehe seiner Eltern wird sechs Jahre nach Karl-Theodors Geburt geschieden, ein Jahr später annulliert. Durch die Berufstätigkeit des Vaters müssen die Söhne mehrfach umziehen. Der Vater will den Söhnen das vermitteln, was ein Guttenberg können muss – eisern und kompromisslos. Dazu gehört auch, schon frühzeitig, etwa im Alter von zwölf, dreizehn Jahren, selbst öffentlich im Namen der Familie aufzutreten, etwa auf Familienfeiern von Betriebsangehörigen. Karl-Theodor fällt das leicht. Wie ein Guttenberg ein Bierzelt in fünf Minuten im Griff hat, das hat er schon als Kind gelernt. Sein Auftreten, seine Manieren, wohl auch das Pathos, das diese Auftritte begleitet, wurzeln in dieser Kindheitserfahrung.

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Doch nicht alle Dinge liegen Guttenberg so gut wie der öffentliche Auftritt. Etwas zu durchdringen, es systematisch anzugehen, sich in die Einzelheiten und Details zu vertiefen, ist seine Sache nicht. Fleißig ist er nach eigenen Aussagen in der Schule, im Ignaz-Günther-Gymnasium in Rosenheim, nicht gewesen. „Ich habe es immer geschafft, mit relativ geringem Aufwand relativ weit zu kommen“, sagt er.

Kein Abschluss in Politikwissenschaften

So ähnlich scheint es in seinem Leben später auch oft weitergegangen zu sein. Wie viele Söhne aus Adelsfamilien entscheidet er sich für Jura. Guttenberg beginnt sein Studium 1993 in Bayreuth, wechselt an die Universität München, bleibt aber in Bayreuth eingeschrieben. In der Landeshauptstadt studiert er parallel noch Politikwissenschaften, macht aber keinen Abschluss in dem Fach. Das Studium schließt er 1999 mit einem „kleinen Prädikat“ ab – ein „befriedigend“, wie es in Bayreuth etwa die Hälfte der Jura-Studenten schaffen.

Ein Referendariat und ein zweites Staatsexamen macht er nicht. Der Doktortitel ist dann das Mittel, um diesen Makel einer nicht abgeschlossenen Berufsausbildung zu tilgen. Guttenberg, schon von 2002 an Bundestagabgeordneter, hätte ihn nicht nötig gehabt, so wie er es nicht nötig gehabt hätte, seine Praktika als Student zu „beruflichen Stationen“ aufzubauschen und seine bis heute unbekannten Tätigkeiten für das Familienunternehmen herauszustellen. Schließlich ist es möglich, auch ohne eine höhere Bildung in der Politik ganz nach oben zu kommen, siehe Joschka Fischer.

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Wenn nötig, wird die Großartigkeit gespielt

Doch Guttenberg muss immer grandios sein, auf allen Gebieten. Und wo die Großartigkeit nicht auf realem Können und Wissen beruht, da muss sie gespielt werden. Vielleicht ist auch das ein Schlüssel zum Verständnis Guttenbergs, dass er alle seine Rollen großartig mimte, um seine eigene innere Instabilität zu verdecken. Guttenberg ist ein Meister der Inszenierung – aber die hat oft überdeckt, dass es dem Politiker an Substanz gefehlt hat.

Oliviero Toscani, jener italienische Fotograf, der in den neunziger Jahren die provokative Werbung für den Modekonzern Benetton machte und mithin ein Fachmann in Sachen Inszenierung ist, äußert sich wenige Tage nach dem ersten Frontbesuch Guttenbergs in Afghanistan im August 2010, nach dem coole Bilder des halbuniformierten Ministers veröffentlicht werden, kritisch über diesen. Die Fotografien hätten die „lächerliche Seite“ des Ministers preisgegeben. Toscani versucht zu erklären, warum Guttenberg so auftritt: „Wenn er zu der Art Politiker gehört, die inszenierte Bilder lieben, heißt das vielleicht, dass er nicht so gern die Wahrheit sagt.“

Mit wenig Aufwand relativ weit kommen – so hat es auch der Minister Guttenberg gehalten. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit als Wirtschaftsminister hat er mit einem geschickten Auftritt in der Opel-Nacht maximale Wirkung erzeugt, ohne ein Konzept zu haben, wie es weitergeht. Als Verteidigungsminister erzielte er den gleichen Effekt, als er den Krieg in Afghanistan auch genau so nannte. Er vertrat damit durchaus eine verbreitete Meinung, sein Instinkt hat funktioniert. Die Frage, wie viel politische Substanz er besitzt, wurde durch diese Auftritte nicht beantwortet.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Lohse, Eckart
Eckart Lohse
Leiter der Parlamentsredaktion in Berlin.
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Markus Wehner
Politischer Korrespondent in Berlin.
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