Fall Guttenberg

Wie gut ist die Doktorandenbetreuung?

Von Heike Schmoll, Berlin
03.03.2011
, 07:00
Ex-Doktorand Guttenberg - gab es überhaupt regelmäßige Gespräche mit dem Doktorvater?
In Bayreuth haben sämtliche Qualitätssicherungssysteme der Wissenschaft versagt. Hat der emeritierte Doktorvater die Arbeit nur quergelesen? Oder war es eine seltene Melange von parteipolitischem Filz, Sympathien und Sponsoring?
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Auch nach dem Rücktritt Verteidigungsministers zu Guttenberg (CSU) ist die Frage nach den Standards der Doktorandenbetreuung und ihrer Qualitätskontrolle nicht geklärt. Die deutsche Wissenschaft wäre gut beraten, die Chance beim Schopfe zu ergreifen und auch selbstkritisch zu fragen, ob die in der Plagiatsaffäre zu Recht verteidigten hohen Qualitätsmaßstäbe des Wissenschaftssystems auch wirklich überall greifen. Es gibt neben den Professoren, die Doktorandenbetreuung ausgesprochen ernst nehmen, regelmäßige Kolloquien abhalten, ständig im Kontakt mit ihren Doktoranden sind und die Arbeit kapitelweise vorbesprechen, auch unter den Doktorvätern schwarze Schafe, die Arbeiten ohne Betreuung annehmen.

Es soll sogar Doktorväter geben, die Arbeiten ihrer Doktoranden gar nicht selbst lesen, sondern einen Habilitanden mit der Lektüre betrauen und nach Aussage des Münchner Plagiatsexperten Volker Rieble selbst solche, die Doktoranden das Votum für ihre Dissertation selbst schreiben lassen. Das dürfte aber die absolute Ausnahme sein.

Den wissenschaftlichen Ghostwritern zuleibe rücken

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Weniger selten allerdings kommt es vor, dass Dissertationen bis zu zwei Jahre liegen bleiben und dann binnen einer Woche gelesen werden müssen, was eine sorgsame Lektüre ebenso ausschließt wie die stichprobenartige Prüfung des Textes auf Plagiate. Von einer generellen Plagiatskontrolle rät Rieble trotzdem ab. Für die betroffenen 5 Prozent der Doktoranden sei sie einfach zu kostspielig.

Für viel wichtiger hält er, den wissenschaftlichen Ghostwritern zu Leibe zu rücken, die wesentlich besser fälschten, als das in der Textcollage Guttenbergs geschehen sei. Externe Doktoranden, die womöglich auch noch berufstätig sind, schreiben ihre Dissertation in jeder Hinsicht unter schwierigeren Bedingungen als immatrikulierte Doktoranden. Das entschuldigt freilich nicht grundlegendes wissenschaftliches Fehlverhalten.

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Gab es keine regelmäßigen Gespräche zwischen Häberle und Guttenberg?

Warum nur konnten sämtliche Qualitätssicherungssysteme der Wissenschaft im Falle Guttenberg so kläglich versagen? Das ist die Frage, die Wissenschaftler und mit Promotionsverfahren Betraute am meisten umtreibt. Darauf konnte die Erklärung des Doktorvaters Peter Häberle auch keine Antwort geben. Gab es womöglich keine regelmäßigen Gespräche zwischen Häberle und seinem Doktoranden, die gezeigt hätten, was Guttenberg liest, wie er denkt, welche Ideen er entwickelt, weil der Doktorand zu beschäftigt war?

Man wüsste es gern und kann sich mit Häberles Auskunft, er habe den Werdegang seiner Arbeit, wie bei all seinen Doktoranden, „ohne jede äußere Beeinflussung nach besten Kräften betreut“ nicht zufriedengeben. „Im Blick auf die Originalität der Fragestellung und die Intensität der inhaltlichen Ausarbeitung hielt ich jede Form eines Vorwurfs für ausgeschlossen - zumal Herr zu Guttenberg stets zu meinen besten Seminarstudenten gehörte“, schreibt Häberle weiter.

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Dass die Fragestellung der Dissertation („Verfassung und Verfassungsvertrag: Konstitutionelle Entwicklungsstufen in den USA und der EU“) eine Untersuchung wert ist, bestätigen alle Juristen, auch der Zweitgutachter, der Europarechtler Rudolf Streinz. Peter Häberle ist ein Professor vom alten Schlag, der seine Doktoranden begeistern wollte, der nicht nur literarisch interessiert, sondern wirklich belesen ist, sich für klassische Musik - möglicherweise auch für den dirigierenden Vater seines ehemaligen Doktoranden - begeistert und Klavier spielt, dem der Kulturstaat ein Anliegen ist und der seinem Doktoranden vertraut hat. Er konnte es sich nicht vorstellen, so hintergangen zu werden, und es wäre ihm gar nicht in den Sinn gekommen, elektronische Plagiatssoftware - so wirkungslos sie auch immer sein mag - einzusetzen.

In der Naturwissenschaft ist vieles einfacher

Aus seiner schriftlichen Mitteilung spricht die pure Fassungslosigkeit: „Die in der Promotionsschrift von Herrn zu Guttenberg entdeckten, mir unvorstellbaren Mängel sind schwerwiegend und nicht akzeptabel. Sie widersprechen dem, was ich als gute wissenschaftliche Praxis seit Jahrzehnten vorzuleben und auch gegenüber meinen Doktoranden zu vermitteln bemüht war.“ Häberle ist bekannt dafür, dass er seine Doktoranden besonders intensiv betreut, auch wenn er ihnen häufig zu gute Noten geben soll. War Häberle im Fall des externen Doktoranden Guttenberg einfach zu gutgläubig? Die Universität Bayreuth will nun auch mögliche Versäumnisse Häberles untersuchen. Bis zum Abschluss der Untersuchung darf sich kein Vertreter der Universität mehr äußern.

Rieble kann sich nicht vorstellen, dass Häberle die Fremdtexte in Guttenbergs Doktorarbeit bekannt waren. Der Vorgang sei peinlich, könne aber jedem Doktorvater passieren. „Ich lese eine Doktorarbeit nicht mit dem fundamentalen Vorbehalt, was ist denn da geklaut?“, meint Rieble. Es müsse ein Vertrauen in die wissenschaftliche Redlichkeit des Doktoranden geben. Ihn könnte das genauso erwischen. Allerdings handle es sich dabei um einen extremen Vertrauensbruch durch den Doktoranden. Bei Naturwissenschaftlern, die ihre Doktoranden ständig bei Versuchen im Labor begleiten, ist vieles einfacher. Da wird über einzelne Ergebnisse ständig diskutiert.

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Eine seltene Melange Filz, Sympathie und Sponsoring?

Der Zweitgutachter Streinz (CSU), der Vertrauensdozent der Hanns-Seidel-Stiftung ist, hat die Arbeit vor allem auf die europarechtlichen Implikationen durchgesehen. Er werde sich in Zukunft gut überlegen, welche Zweitgutachten er annehme, und sich Dissertationen grundsätzlich elektronisch geben lassen und erst nach einer Überprüfung mit der Lektüre beginnen. Natürlich hätte er nicht jede Fußnote prüfen können, sagt Streinz im Gespräch mit der F.A.Z. . Das wäre ohnehin ergebnislos gewesen, wenn die Fußnoten zu den plagiierten Texten fehlten. Stilbrüche habe er nicht feststellen können.

Ein Zweitgutachter hat ohnehin immer die Aufgabe, das Votum des Erstgutachters auf seine Vertretbarkeit zu prüfen. Er weiche nur ab, wenn er gar nicht dazu stehen könne, so Streinz. Eine parteipolitische Beeinflussung bestreitet er ebenso wie der amtierende Dekan der Rechts- und Wirtschaftswissenschaftlichen Fakultät der Universität Bayreuth, Möstl. Die Universität allerdings erwarte, dass zu Guttenberg seine Ankündigung, sich an der Aufklärung der gegen ihn erhobenen Vorwürfe zu beteiligen, nun auch in die Tat umsetze, hieß es nach dessen Rücktritt in Bayreuth. Dabei wird nicht nur wissenschaftliches Fehlverhalten des Doktoranden zu klären sein.

Transparenz bei der Notengebung

Vielmehr stellt sich auch die Frage, ob in Bayreuth nicht eine seltene Melange von parteipolitischem Filz, Sympathien und Sponsoring dazu geführt hat, dass eine Gefälligkeitspromotion mit Bestnote vollzogen wurde. Oder hat der vielbeschäftigte emeritierte Doktorvater die Arbeit nur quergelesen? Auch das wird Bayreuth zu klären haben. Sicher ist, dass die Bestnote summa cum laude inzwischen längst nicht mehr so selten vergeben wird wie früher, sondern in vielen Fächern eine wahre Noteninflation ausgebrochen ist.

Der Präsident des Deutschen Hochschulverbandes, Kempen, schlägt Transparenz bei der Notengebung auch bei Seminararbeiten vor. Wer seine Studenten ständig nur mit ausreichend benote, sei nicht minder auffällig als Kollegen, deren Notenskala nur bis zur Note „gut“ reiche. Transparenz sei ein wirksames Verfahren, solche Einseitigkeit zu beenden. Sollte in der Wissenschaft ein selbstkritisches Nachdenken über solche Mechanismen beginnen, hätte die Plagiatsaffäre am Ende noch ihren Sinn gehabt.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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