Unterschiedliche Sphären?

Wissenschaft und Politik

EIN KOMMENTAR Von Heike Schmoll
07.03.2011
, 14:02
In der Plagiatsaffäre um Guttenbergs Doktorarbeit zeigt sich die Kluft zwischen Wissenschaft und politischer Öffentlichkeit
Die Trennung von Politik und Wissenschaft ist falsch - sie stehen in wechselseitiger Beziehung und Abhängigkeit: Politik kommt nicht ohne wissenschaftliche Expertise aus, Wissenschaft ist keine unpolitische Veranstaltung.
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Selten hat sich die Kluft zwischen Wissenschaft und politischer Öffentlichkeit schärfer gezeigt als in der Plagiatsaffäre Guttenberg. Wenn Baden-Württembergs Ministerpräsident Mappus sagt, Deutschland habe andere Probleme als Fußnoten und die Kanzlerin ihre Zwei-Personen-Theorie dahingehend erweitert, dass Guttenbergs Dissertation Teil eines früheren, von seiner Ministertätigkeit völlig getrennten Lebensabschnitts sei, kann es um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik nicht zum besten stehen.

Ausgerechnet von einer Kanzlerin, die selbst Wissenschaftlerin war und jede Gelegenheit nutzt, den Wissenschaftsstandort Deutschland zu rühmen, hätten Forscher mehr Anerkennung für die Prinzipien der Wissenschaft erwartet. Nicht, dass die Politik sich wissenschaftliche Prinzipien zu eigen machen sollte; aber sie kann sie nicht in Frage stellen, ohne selbst Schaden zu nehmen.

Können sie verhöhnt werden?

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In der Klimapolitik, in der Energiepolitik, in der Gentechnik und ihrer Risikobewertung und in der Rentenpolitik sind sachgemäße Entscheidungen ohne wissenschaftliche Erkenntnisse gar nicht mehr denkbar. An der Politikberatung sind nicht nur Universitäten und außeruniversitäre Forschungseinrichtungen, Akademien und Stiftungen beteiligt.

Wenn Stefan Mappus sagt, Deutschland habe andere Probleme als Fußnoten, kann es um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik nicht zum besten stehen
Wenn Stefan Mappus sagt, Deutschland habe andere Probleme als Fußnoten, kann es um das Verhältnis von Wissenschaft und Politik nicht zum besten stehen Bild: dpa

Frau Merkel läßt sich von der Deutschen Akademie für Technikwissenschaften Acatech beraten, Bundesbildungsministerin Schavan bevorzugt die eigens zur Politikberatung gegründete Nationalakademie Leopoldina. Politik nutzt wissenschaftliche Erkenntnisse zum Machterhalt. Und wenn wissenschaftliche Prinzipien dann der Parteiräson entgegenstehen, können sie verhöhnt werden? Das schmälert nicht nur die Glaubwürdigkeit der Bildungsrepublik.

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Politische Entscheidungen werden auf der Grundlage empirischer Daten, wissenschaftlicher Deutungen und Risikoabwägungen, politischer Interessen und persönlicher Urteilen getroffen und zielen meist auf einen Kompromiss. Demokratische Systeme brauchen den politischen Streit nach festgelegten Regeln so sehr, dass die Berufung auf wissenschaftliche Erkenntnisse politische Entscheidungen niemals ersetzen kann. Das haben nicht nur die Kultusminister erfahren, die ihre völlig gegensätzlichen schulpolitischen Entscheidungen mit Leistungserhebungen wie Pisa oder Iglu zu legitimieren versuchen, sondern auch die Umweltpolitiker.

Die Verachtung der Fußnoten

Wissenschaftliche Erkenntnis gibt keine Handlungsanweisung, Schlussfolgerungen bleiben dem Handelnden überlassen. Wissenschaft muss vielstimmig, oft auch widersprüchlich bleiben, weil miteinander konkurrierende Wahrheitsansprüche ihr Wesen ausmachen. Ihre Stärke bezieht sie aus dem besseren Argument und ihrer methodischen Klarheit und Nachprüfbarkeit. Das zeigt sich selbst an einem Fach, dessen Wissenschaftlichkeit immer am stärksten angezweifelt wurde, an der Theologie und deren Rationalisierung religiöser Aussagen. Spätestens seit der Aufklärung kann es in der Wissenschaft nicht mehr um letzte Gewissheiten gehen. Wissenschaftler, die eindeutige Handlungsempfehlungen formulieren und dabei ihre eigenen Prinzipien um den Preis öffentlicher Anerkennung verkaufen, sollten misstrauisch machen.

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Die Alltagswirklichkeit wird durch technische Errungenschaften beherrscht, aber auch durch wissenschaftliche Deutungen der Lebenswelt bestimmt. Deshalb ist es nicht zu verstehen, wie sehr sich die Volksmeinung auf die Verachtung der Fußnoten festgelegt hat. Hätte die Öffentlichkeit selbst im Falle Guttenbergs nicht ganz anders gedacht, wenn es sich um Blaupausen für die Industrie gehandelt hätte? Politik kommt nicht ohne wissenschaftliche Expertise aus und Wissenschaft ist keine unpolitische Veranstaltung.

Wechselnde Beziehung und Abhängigkeit

Deshalb ist eine Trennung von Politik und Wissenschaft in unterschiedliche Sphären genauso vormodern wie die Berufung auf Weisheitswissen. Politik und Wissenschaft stehen in wechselseitiger Beziehung und Abhängigkeit. So sehr die Politik auf wissenschaftliche Erkenntnisse angewiesen ist, so sehr ist die Wissenschaft darauf angewiesen, dass die Politik ihr Infrastruktur und Forschungsfinanzierung und vor allem die nötigen Freiräume zur Reflexion gewährt. Nirgendwo zeigt sich das deutlicher als bei der Exzellenzinitiative.

Außerdem ist es kein Geheimnis, dass die politische Agenda für Forschungsschwerpunkte unmittelbar in die wissenschaftliche Prioritätensetzung eingreift. Wissenschaftler formulieren ihre Forschungsanträge so, dass sie Aussicht auf Erfolg haben, weil es sich um ein Forschungsthema handelt, das die Politik als besonders förderungswürdig erkannt hat. Das gilt insbesondere für Klimaforschung, erneuerbare Energien, Endlagerung, Gesundheitsforschung (Krebsforschung und Alzheimer), sowie das Elektroauto. Wenn sich Politiker weiterhin auf wissenschaftliche Erkenntnisse zur Legitimierung ihrer Entscheidungen und zum eigenen Machterhalt berufen wollen, müssen sie dafür sorgen, dass die Geltungsprinzipien der Wissenschaft anerkannt werden und sie vor allem selbst anerkennen. Ohne diese Prinzipien gäbe es gar keine wissenschaftliche Expertise.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schmoll, Heike
Heike Schmoll
Politische Korrespondentin in Berlin, zuständig für die „Bildungswelten“.
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