Kommentar

Das Erbe der Oktoberrevolution

EIN KOMMENTAR Von Reinhard Veser
05.11.2017
, 09:31
Denkmal für den sowjetischen Revolutionsführer und Staatsgründer Lenin in St. Petersburg.
Von dem Versprechen des Kommunismus bleibt die Erinnerung an eine Diktatur. Doch die Sowjetunion hat heute noch ein gefährliches Nachleben – nicht ideologisch, sondern politisch.
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In der an Kontrasten und Widersprüchen überaus reichen Geschichte Russlands war die erste Zeit nach der Oktoberrevolution die vielleicht in sich widersprüchlichste Periode. Der kommunistische Umsturz im Herbst 1917 setzte riesige intellektuelle und kreative Energien frei: Literatur, bildende Kunst und Theater erfuhren einen explosionsartigen Modernisierungsschub, der weit über Russland und die damalige Zeit hinaus große Wirkung hatte. Quellen aus jenen Jahren bezeugen, dass sich damals viele junge Russen mit Enthusiasmus dem Aufbau einer neuen Gesellschaft verschrieben.

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Gleichzeitig erlebte Russland einen Zivilisationsbruch: Die an die Macht gelangten Revolutionäre erklärten den Terror gegen ihre tatsächlichen und vermeintlichen Gegner zum Herrschaftsprinzip und ließen Hunderttausende ermorden; infolge der Kämpfe des Bürgerkriegs und der daraus resultierenden Hungersnot verloren mehr als zehn Millionen Menschen ihr Leben. Beide Entwicklungen in einem einzigen Bild zu erfassen ist nur schwer möglich.

Das Experiment, das vor hundert Jahren in Russland begonnen wurde, war von extremen Gegensätzen geprägt – zwischen der Idealisierung des neuen Menschen und dem gleichzeitigen Appell an seine niedersten und gemeinsten Instinkte. Auf dem Weg in die von den Kommunisten versprochene lichte Zukunft einer gerechten und freien Gesellschaft versank Russland in Gewalt und Elend. Dennoch übte die Idee, die in der Sowjetunion verwirklicht werden sollte, große Anziehungskraft auf Idealisten aller Länder aus. Verlässt man für einen Augenblick die sichere Position unseres heutigen Wissens über die Katastrophen des 20. Jahrhunderts, dann wird verständlich, warum das so war: Millionen Tote waren in Europa nach Jahren des Kriegs, des Hungers, der Epidemien nichts Neues. Die Aussicht, die Not breiter Massen durch ein „letztes Gefecht“ (wie es im kommunistischen Kampflied, der „Internationale“, heißt) zu überwinden, war verlockend – und im Namen dieses Ziels konnte man vieles hinnehmen, übersehen oder rechtfertigen.

Mit der Oktoberrevolution wurde ein Staat geboren, der für sich in Anspruch nahm, mit allem zu brechen, was bisher war – und der doch zugleich an ein tief in der europäischen Geistesgeschichte verwurzeltes Streben nach einer idealen Ordnung anknüpfte. Hundert Jahre später, ein gutes Vierteljahrhundert nach dem kläglichen Scheitern der Sowjetunion, ist davon die Erinnerung an eine Diktatur geblieben, zu deren Kennzeichen in den ersten Jahrzehnten ihres Bestehens nicht nur exzessive Gewalt gehörte, sondern auch die systematische geistige Manipulation ihrer Anhänger durch die totale Umwertung von Worten. Denunziation, Verrat, Lüge und Hinterhältigkeit wurden unter anderer Bezeichnung in den Rang höchster Werte erhoben – und Millionen glaubten mit fanatischer Ergebenheit daran, oft sogar dann noch, nachdem sie selbst zu Opfern geworden waren.

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In der Auseinandersetzung mit seinem feindlichen Zwilling, dem Nationalsozialismus, war der Kommunismus gerade deshalb überlegen, weil er mehr zu bieten hatte als nur nationalen Egoismus und rohe Gewalt. Er verband die Vernichtung ganzer Bevölkerungsgruppen mit hehren universellen Idealen – und konnte so auch viele intelligente, wohlmeinende Menschen verführen. Selbst manche Gegner billigten ihm zu, doch wenigstens das Gute gewollt zu haben.

Es war kein Zufall, sondern logisch, dass die Mäßigung der Herrschaftsmethoden des Sowjetkommunismus nach Stalins Tod mit einem Nachlassen seiner intellektuellen Anziehungskraft einherging: Die Utopie wurde durch eine Heile-Welt-Idylle ersetzt, die Beschwörung der Ideale verkam zu bürokratischer Routine. Den Untertanen eröffnete das die Möglichkeit, in einer Welt des Mangels nach Nischen für ihr privates Glück zu suchen. Das änderte aber nichts an der im Erbgut liegenden Bösartigkeit des Systems, zu dessen Wesen es weiter gehörte, Kritiker psychisch und körperlich zu brechen oder zu töten. Bei vielen nach innerweltlicher Erlösung suchenden linken Intellektuellen wurde die Stelle von Stalins Sowjetunion unterdessen von Maos China übernommen – bis dieses ebenfalls in ruhigere Fahrwasser fand.

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Im europäischen Kulturraum waren das die vorerst letzten Zuckungen eines quasireligiösen Glaubens an politische Ideologien. So besteht das gefährliche Nachleben der sowjetischen Diktatur nicht aus einer untoten Gedankenwelt, sondern vor allem aus dem höchst lebendigen Wirken jener Institution, welche die russischen Kommunisten unmittelbar nach ihrem Sieg im Herbst 1917 zur Bekämpfung ihrer Gegner gegründet haben. Aus ihr, die im Laufe der Geschichte unter anderem die Namen Tscheka, NKWD und KGB trug, entstammt – mit Präsident Putin an der Spitze – ein großer Teil der Mächtigen im heutigen Russland. Ihr Verständnis von Politik und ihre Methoden sind von dem geprägt, was sie dort gelernt haben. Deshalb geht von Moskau noch immer eine Herausforderung für demokratische Gesellschaften aus.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Veser, Reinhard
Reinhard Veser
Redakteur in der Politik.
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