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Neuer Worldwatch-Bericht

Kehraus mit der Kernkraft

Von Joachim Müller-Jung und Regina Mönch
 - 17:58
Die Zukunft gehört den regenerativen Energien: Windkraft ... zur Bildergalerie

Das nennt man ein gefundenes Fressen: Auf einer Berliner Veranstaltung der den Grünen nahestehenden Heinrich-Böll-Stiftung ist jetzt der Schwanengesang auf die Atomkraft mit einer besonders schmackhaften Zugabe zelebriert worden. Das Worldwatch-Institut in Washington hat, vorab und exklusiv, den letzten Entwurf ihres für die nächsten Wochen geplanten Statusberichts zur Lage der weltweiten Nuklearindustrie freigegeben. Tenor: Schon vor Fukushima war die Atomkraft faktisch ein Auslaufmodell.

Das stimmt natürlich so pauschal nicht, wenn man sich die ausführliche Analyse vor allem einzelner nukleartechnisch prosperierender Länder wie Indien ansieht. Aber den Autoren ging es natürlich um das Gesamtbild. Und da weist die Bestandsaufnahme doch einige bemerkenswerte Entwicklungen zuungunsten der Atomindustrie auf, die nicht nur wegen ihrer Aktualität die Politik aufhorchen lassen dürfte.

Die Zukunft gehört Wind, Sonne und Biomasse

„Es ist jetzt klar, dass die Entwicklung der Atomenergie mit der Geschwindigkeit des Ausbaues erneuerbarer Energien nicht mehr Schritt halten kann.“ Mit dieser Feststellung wird eine Phalanx an Statistiken aufgeboten, die vor allem eines klar machen sollte: Die Zukunft gehört den regenerativen, gehört Wind, Sonne und Biomasse. Die wichtigsten Befunde in dem Report:

- Zum ersten Mal in der Geschichte hat im Jahr 2010 die installierte Stromkapazität der regenerativen Energiequellen (ohne Staudamm-Wasserkraft) jene der Atomkraftwerke überschritten. Alle Regenerativen zusammen besitzen eine Nennkapazität von 381 Gigawatt, (Milliarden Watt) die der Atomkraftwerke - vor dem Fukushima-Desaster - von 375 Gigawatt. Allerdings: Die tatsächliche Stromproduktion liegt wegen der schwankenden Einsetzbarkeit von Solar-, Wind- und Biomassekraftwerken immer noch deutlich unter den uranbetriebenen Kraftwerken.

- Zum 1. April dieses Jahres waren global gesehen 437 Atomreaktoren in Betrieb - sieben weniger als im Jahr 2002.

- Im Jahr 1979, dem Spitzenjahr der Atomindustrie, wurden 233 Reaktoren gebaut. Laut Internationaler Atomenergie-Organisation IAEO sind zur Zeit 64 Reaktoren in 14 Ländern im Bau. In der Europäischen Union werden gegenwärtig 143 Reaktoren betrieben, im Jahr 1989 waren es noch 177.

- Mit 2558 Terawattstunden Strom wurden im Jahr 2009 rund zwei Prozent weniger Elektrizität nuklear produziert als im Jahr davor. Die Stromproduktion der Atomkraftwerke war damit vier Jahre hintereinander rückläufig.

- Der Anteil der Atomenergie schrumpft seit Jahren und liegt derzeit bei rund 13 Prozent weltweit. 16 der 30 Nationen mit Atomenergie hielten den nuklearen Anteil an der Stromproduktion ungefähr konstant, bei fünfen hat der Anteil der Atomkraft zugenommen, während er bei den neuen restlichen Ländern abgenommen hat.

- China, das den globalen Trend seit den achtziger Jahren mit dem Bau vieler neuer Kernkraftwerke durchbrochen hatte, hat nach der Fukushima-Katastrophe einstweilen alle neuen Atomprojekte auf Eis gelegt. Gleichzeitig werden die erneuerbaren Energiequellen massiv ausgebaut: 2011 soll zum ersten Mal mehr Strom aus Windanlagen produziert werden als von allen chinesischen Kernraftwerken zusammen. Insgesamt ist die installierte Leistung der Windräder inzwischen viereinhalb Mal so groß wie die der Atomkraftwerke.

„Fukushima dürfte das letzte Kapitel der Kernenergie einleiten“, davon gab sich Mycle Schneider in Berlin überzeugt, ein international bekannter Energie- und Umweltberater und einer der drei Autoren des Wordwatch-Reports.

Atomkraftwerke als Plutoniumquelle?

Gesondert behandelt wurde auf dem Heinrich-Böll-Symposion die Frage nach der weiteren Verbreitung von Atomwaffen, die so lange akut ist wie Kernkraftwerke gebaut werden. Gespannt war man vor allem auf die amerikanische Expertin Sharon Squassoni, Direktorin des Proliferations- und Präventionsprogramms am Zentrum für Strategische und Internationale Studien (CSIS) in Washington.

Sie vertrat die These, dass die Verhandlungen über eine Verhinderung der Weiterverbreitung festgefahren seien. Außerdem sei schwer auszuschließen, dass sich die zahlreichen Länder, die derzeit immer noch den Wunsch haben, weitere Kernkraftwerke zu bauen, verpflichten, diesen „Fortschritt“ niemals für die Produktion von waffenfähigem Material zu verwenden. Guter Wille werde leicht demonstriert, man schaue sich nur den Atomwaffensperrvertrag an, den ja alle außer drei Ländern ohne Not unterschrieben haben. Bedenklich sei, dass unter den Ländern, die neue Kernkraftwerke bauen wollen, viele Nichtdemokratien sind, viele Probleme mit dem Terrorismus haben - eine potentielle Gefahr auch für die Zukunft.
Fukushima bremse vielleicht etwas die Lust an der Atomenergie, aber vor allem verstärke der Wunsch nach neuen Atomkraftwerken das ungelöste Problem der Endlagerung von Atommüll. Sie empfiehlt für die zivile wie militärische Nutzung strenge Standards und multinationale Projekte und Verträge, weil dann von vornherein nationale Sonderwege wie der des Iran ausgeschlossen oder wenigstens erschwert würden.

Quelle:
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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Regina Mönch
Freie Autorin im Feuilleton.
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