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Thorium-Reaktor in Hamm-Uentrop

Einmal Atomkraft und zurück

Von Reiner Burger, Hamm-Uentrop
 - 12:33
Der stillgelegte Reaktor in Hamm-Uentropzur Bildergalerie

Bevor Andreas Reisch zum Kern seiner Arbeit vordringen kann, muss er immer erst Rücksprache halten. Wie schon seit 28 Jahren greift Reisch also zum Hörer eines wetterfesten, ziemlich klobigen Telefons, das wie aus der Zeit gefallen an der Außenwand des Reaktorhilfsanlagengebäudes hängt, und wählt die Nummer der Pforte des Kraftwerks Westfalen. Als die Verbindung steht, sagt er: „Wir gehen jetzt in Raum 159 rein.“ Der seit mehr als 20 Jahren stillgelegte Thorium-Hochtemperatur-Reaktor 300 (THTR) in Hamm-Uentrop ist noch immer gesichert wie eine Festung. „Sämtliche Türen sind öffnungsüberwacht. Nur mit der Rückmeldung kann der Pförtner erkennen, dass wir berechtigt sind, einzutreten“, sagt Reisch und schaltet den schrillen Signalton das erste Mal ab. Auch als der Ingenieur das Licht anknipst und dann auch noch den Aufzug aktiviert, schrillt es jeweils so lange, bis Reisch wieder bestätigt. Der 55 Jahre alte Reisch ist ein Fachmann des „Ausstiegs“. Die Überschrift seines beruflichen Werdegangs heißt: Einmal Atomkraft und zurück.

Der THTR 300 war der Prototyp einer neuen Reaktorlinie, die einmal als Trumpfkarte für die Zukunft galt. Der mit dem radiologisch nicht aktivierbaren Edelgas Helium gekühlte Reaktor brauchte keine Brennstäbe, sondern 675.000 tennisballgroße Brennstoffkugeln. Der THTR 300 hieß deswegen auch Kugelhaufenreaktor. Die Politik feierte ihn nicht nur deshalb als wahre Wundermaschine, weil die Zusammensetzung des Reaktorkerns so gewählt war, dass es allein schon aufgrund physikalischer Gesetze nicht zu einer Kernschmelze wie in Tschernobyl oder Fukushima kommen konnte. Als äußerst hilfreich erschien der sozialliberalen Bundesregierung während der ersten Ölpreiskrise sein technisches Potential.

Als der THTR schließlich 1985 nach langen, durch erweiterte Sicherheitsanforderungen hervorgerufenen Verzögerungen offiziell in Betrieb genommen wurde, lobte auch der damalige Bundesforschungsminister Heinz Riesenhuber (CDU): „Über die reine Stromerzeugung hinaus können Hochtemperatur-Kernkraftwerke künftig Prozessdampf und Prozesswärme bis 900 Grad Celsius für viele Anwendungsmöglichkeiten bereitstellen, beispielsweise für Kohlevergasung, chemische Verfahren und Fernwärme.“ In Nordrhein-Westfalen pries die Regierung Rau den Kugelhaufenreaktor als „Meilenstein“. Die Kernenergie, so hofften die Sozialdemokraten, werde helfen, die heimische Kohle zu retten. K-und-K-Konzept hieß das damals. Die nordrhein-westfälische CDU glaubte selbstverständlich ebenfalls daran. Ein wesentliches Ziel sei „die Neu- und Weiterentwicklung von Kohleveredelungstechniken und damit eine langfristige Reduzierung von Energie-Importen“, äußerte der damalige nordrhein-westfälische Wirtschaftsminister Reimut Jochimsen (SPD). Auf insgesamt vier Milliarden Mark hatten sich die Kosten für den THTR 300 mittlerweile summiert. Das meiste hat die öffentliche Hand übernommen: Rund 63 Prozent trug der Bund, etwas mehr als elf Prozent das Land.

Die erste sich selbst erhaltende nukleare Kettenreaktion

Ingenieur Reisch drückt den obersten Knopf der Steuerleiste. Ruckelnd setzt sich der Lastenaufzug in Bewegung. Es ist ein Modell aus dem Jahr 1970, denn mit dem Bau der Anlage war ja schon im Mai 1971 begonnen worden. Es war ein langer Weg durch die Instanzen, mit immer wieder neuen Auflagen und Umplanungen. Der Genehmigungsaufwand für den THTR 300 war etwa tausendmal höher als für den direkt neben ihm stehenden 300-Megawatt-Steinkohle-Block. Die Gesamtdokumentation des THTR füllt einen 600 Quadratmeter großen Raum. 22.000 Ordner sind mit Papieren gefüllt - darunter rund 200.000 Zeichnungen.

Der Fahrgastkorb schiebt sich den nackten Betonschacht empor. 1983 kam Reisch als Jung-Ingenieur nach Hamm-Uentrop - mitten hinein in die Aufbruchstimmung. Am 13. September 1983 fand die erste sich selbst erhaltende nukleare Kettenreaktion statt; gut zwei Jahre später floss erstmals elektrische Energie aus dem Kugelhaufenreaktor ins öffentliche Netz. „Dann war ich Ingenieur für Instandhaltung und Abschnittsingenieur in der Beschickungsanlage“, erzählt Reisch, während an der Schachtwand ein schwarzes Graffito erscheint: „Höher geht's nimmer.“ Bei Meter 39 öffnet Reisch die Tür und tritt in die nur von ein paar schwachen Lampen ausgeleuchtete Reaktorhalle, die noch einmal so hoch ist wie eine Kathedrale, weil der gelbe 100-Tonnen-Kran im Gebälk die 17 Meter hohen Dampferzeuger irgendwie in den Reaktor hineinhieven musste.

Die Maschine scheint noch zu atmen. Doch das leise Lüftchen, das im schutzverpackten THTR zirkuliert, gehört zum „Restbetriebssystem“. Der Kugelhaufenreaktor ist seit September 1988 abgeschaltet. Nicht einmal drei Jahre, umgerechnet gerade einmal 423 Volllaststage, waren ihm beschieden. Es war die Katastrophe von Tschernobyl im April 1986, die das Ende des THTR einläutete. Als es nur knapp eine Woche später in Hamm zu einem Kugelstau und zum Austritt von Radioaktivität kam, wandte sich die öffentliche Stimmung endgültig gegen den Reaktor. Der genehmigte Grenzwert war dabei nicht überschritten worden. So gering war die Menge, dass sie nicht messtechnisch, sondern nur rechnerisch ermittelt werden konnte.

Noch in seiner Regierungserklärung zu Tschernobyl und seinen Folgen sagte Ministerpräsident Johannes Rau (SPD) am 4. Juni 1986 zwar: „Innerhalb der Kernenergie, die wir noch für eine begrenzte Zeit brauchen, hat der Hochtemperaturreaktor wegen seiner kohlepolitischen und seiner chemiepolitischen oder seiner chemieindustriellen Verwendbarkeit Vorrang.“ Doch Ende August beschloss die SPD dann auf ihrem Nürnberger Parteitag den Ausstieg aus der Atomenergie. Nicht die kleineren Mängel, die im Rahmen einer Revision im September 1988 an dem Prototyp festgestellt wurden, waren dann der Grund, weshalb der THTR nicht wieder hochgefahren wurde. Vielmehr konnten sich Bund und Land nicht mehr über die weitere Finanzierung einigen.

Jedes Jahr 150 wiederkehrende Prüfungen

Seither ist Reisch nicht mehr Instandhalter oder Beschicker des Kugelhaufenreaktors. Jahrelang half er am Rückbau des Kernkraftwerks und an der Herstellung des sogenannten sicheren Einschlusses des THTR mit. 1991 wurde der imposante, eigentlich denkmalwürdige Trockenkühlturm gesprengt. Zwischen Ende 1993 bis Anfang 1995 wurden die Brennelement-Kugeln aus dem Reaktor geholt; im April 1995 ging der letzte Castor-Transport ins Zwischenlager Ahaus. Im Februar 1997 meldeten Reisch und seine damaligen Kollegen dann: „Anlage sicher eingeschlossen.“ Seither ist der Ingenieur für den Betrieb des „sicheren Einschlusses“ zuständig.

Gemeinsam mit nur einem weiteren Kollegen muss er Jahr für Jahr 150 sogenannte wiederkehrende Prüfungen organisieren, disponieren oder selbst vornehmen. Die Anlage muss auf dem Stand der Technik gehalten werden. Mal geht es um komplizierte Messungen, mal muss Reisch den Dachdeckermeister Gockel zum Ausbessern holen, damit es nicht hineinregnet. Rund drei Millionen Euro kostet der „Erhaltungsbetrieb der sicher eingeschlossenen Anlage“ Jahr für Jahr. Nach der abrupten Kehrtwende der Bundesregierung in der Atompolitik wird der „sichere Einschluss“ auch wegen der noch immer ungelösten Endlagerfrage wohl bald auch für viele andere Kernkraftwerke angewandt. „Wer den direkten Weg zur grünen Wiese geht, hat ein Lagerproblem“, sagt Reisch. Komplett zurückgebaut sind schon die Anlagen Niederaichbach und Kahl (das erste Atomkraftwerk in Deutschland). Im Rückbau befinden sich derzeit die Kraftwerke Würgassen, Stade, Obrigheim, Mülheim-Kärlich, Gundremmingen A und Greifswald. Wie der THTR im „sicheren Einschluss“ ist die Anlage in Lingen.

„Sicherer Einschluss“, weil es kein Endlager gibt

„Wir haben uns 1989 für den sicheren Einschluss entschieden, weil zwar seit vielen Jahren Planungen für ein Endlager existierten, aber weil es bis heute noch kein Endlager gibt“, sagt Reischs Chef Günther Dietrich. Dietrich ist einer der Geschäftsführer der THTR-Betreiberin, der Hochtemperatur-Kernkraftwerk GmbH (HKG). Er wurde einst promoviert beim Physiker Rudolf Schulten, dem Vater des deutschen Hochtemperaturreaktors. Dietrich, der wie der frühere Forschungsminister Riesenhuber stets Fliege trägt, ist 66 und eigentlich schon im Ruhestand. Doch akribisch plant er weiter. Auf dem „Zeitstrahl“, von dem Dietrich spricht, ist für 2023 vorgesehen, die Genehmigung für den Rückbau der Anlage einzureichen.

Einen Vorteil immerhin hat die lange Dauer: Wäre der THTR gleich nach der Stilllegung komplett zurückgebaut worden, wären 22.000 Kubikmeter verstrahlten Materials angefallen. Bis 2030 wird die Strahlung dann so weit abgeklungen sein, dass „nur“ noch 6000 Kubikmeter anfallen. Trotzdem wird der Rückbau des THTR nach derzeitigen Planungen noch einmal 388 Millionen Euro kosten. Die zwölf Jahre zwischen 2030 bis 2042 veranschlagt Dietrich für die Demontage und den Transport in ein Endlager, für die die HKG bis zum Jahr 2080 Zahlungen von insgesamt 193 Millionen Euro leisten muss. Ist bis 2030 noch immer kein Endlager ausgewiesen, könnte alles an Ort und Stelle bleiben. „Denn der sichere Einschluss ist laut Genehmigung terminlich nicht fixiert“, sagt Dietrich.

Es ist ein Sinnbild der Zeit

Auf der 21-Meter-Ebene gelangt man direkt an die fünf Meter dicke Spannbetonwand des Reaktors, in dem einst nicht nur die Brennelementkugeln lagerten, sondern in dem bis heute alle Hauptkomponenten des Atomkraftwerks verschlossen sind. Der THTR 300 ist sein eigenes Zwischenlager. Reisch und Dietrich laufen vorbei an einem großen, vergilbten Konstruktionsplan. Ein Arbeiter hat in großen Lettern darauf geschrieben: Es war eine schöne Baustelle. Die beiden Ingenieure bleiben bei den imposanten Modellen des Reaktorinnenlebens stehen. Die Szene erinnert ein wenig an einen Besuch im Deutschen Museum in München. Zumal das größte der Modelle von einer Plexiglasvitrine umfasst wird. Rote, grüne, gelbe Leitungen führen kreuz und quer durch das aufgeschnittene AKW-Modell im Wohnzimmerformat. Weil es seinerzeit noch keine Computersimulationsprogramme gab, halfen die Modelle den Kraftwerksmitarbeitern, die Orientierung nicht zu verlieren.

Dietrich bleibt ganz nüchtern und präzise. „Als Ingenieur kann ich nicht verhehlen, dass ich mit dieser Technik groß geworden bin und sie für richtig halte.“ Ein wenig Genugtuung lässt sich erahnen, als Dietrich davon berichtet, dass China sich intensiv für die Hochtemperaturreaktortechnik interessiere und auch Reaktoren betreibe. „Einen Export der Technik können Atomkraftgegner gar nicht mehr verhindern.“ Ansonsten aber hält sich Dietrich zurück. Dabei hätte er noch darauf hinweisen können, dass der Brennstoff des THTR 300 nur zu einem Zehntel aus Uran bestand und ansonsten aus Thorium, das nicht nur viermal häufiger in der Erdkruste vorhanden ist als Uran, sondern vor allem auch nicht waffenfähig ist. Er hätte darauf hinweisen können, dass die Hochtemperaturtechnik heute Wissenschaftlern als Chance nicht nur für Schwellen-, sondern auch für Entwicklungsländer gilt.

Der Chef greift selbst zum Hörer. „Wir gehen jetzt raus“, teilt Dietrich der Pforte mit. Sein Kollege Reisch schaltet wieder den schrillen Signalton ab. „Hast du das Licht ausgemacht?“, fragt Dietrich. „Ja.“ Dann stehen beide Männer wieder vor dem, was vom THTR übrig geblieben ist. Es ist ein Sinnbild der Zeit: Der THTR scheint sich auf dem Gelände der Kraftwerke Westfalen wegzuducken. Eingekeilt liegt er zwischen den erst im Februar endgültig stillgelegten Kohlekraftwerksblöcken A und B und Block C aus dem Jahr 1969, der noch läuft. Und nur einen Steinwurf entfernt entsteht ein topmodernes Mega-Kraftwerk. Es wird wieder mit Steinkohle befeuert werden. Aber der heimische Steinkohlebergbau ist trotzdem nicht mehr zur retten. Eben erst hat der Bundestag festgelegt, dass dieser Ausstieg 2018 unumkehrbar sein soll. Der Brennstoff für die neuen Blöcke kommt aus Übersee.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Burger, Reiner
Reiner Burger
Politischer Korrespondent in Nordrhein-Westfalen.
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