FAZ plus ArtikelEuropas Idee

Warum soll nur der Papst eine Mission haben?

Von Massimo Cacciari
Aktualisiert am 12.09.2020
 - 10:06
Was kann und soll Europa in der heutigen Welt „bedeuten“? Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen im EU-Parlament.
Europa hatte nach dem Fall der Mauer eine große Idee: Einheit aller Einzelnen zu sein. Heute herrscht ein beschränkter Markt-Realismus. Ein Gastbeitrag.

Ist ein politischer Organismus ohne Ziel und Zweck denkbar? Kann es einen politischen Körper geben, der seine eigene Struktur nicht für irgendwie „vorbildlich“ hält – selbst wenn er die Grenzen seiner Macht realistisch einschätzt? Die Personen, die nach dem Selbstmord Europas und seiner Abdankung in der ersten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts den Prozess auf den Weg gebracht haben, aus Europa eine Gemeinschaft zu machen, hätten mit Sicherheit geantwortet: Nein, das gibt es nicht. Diese Frage scheint sich heute nicht mehr zu stellen; sie versetzt die europäische Führungsriege nicht in Unruhe. Sämtliche Probleme werden nur noch im Tauschmodus und nach wirtschaftlich-finanziellen Möglichkeiten entschieden. Mir scheint, alle miteinander haben inzwischen (auch „dank“ der Pandemie) verstanden, dass der europäische, vom Markt und von der Währung geprägte Raum die conditio sine qua non ist, um im globalen Wettbewerb zu überleben.

Wozu ist Europa „berufen“? Was kann und soll Europa in der heutigen Welt „bedeuten“? Das klingt nach abstrakten, ja, nach überflüssigen Predigten. Der beschränkte Markt-Realismus meint, man solle es Papst Franziskus überlassen, von „Mission“ zu reden. Während einer extrem kurzen Zeit war das anders: in dem Zeit nach dem Fall der Mauer. Damals gab es die Überzeugung, dass das Ende des tragischen zwanzigsten Jahrhunderts für Europa die einmalige Chance bot, eine neue, eigene Stellung zu finden, nicht zuletzt durch die Wiederentdeckung von europäischen Geschichten, die verschüttet waren, von Stimmen, die nicht gehört worden waren. Dass die europäischen Nationen sich politisch vereinten, hätte zur einer Orientierungsgröße für die Welt werden können, die damals vor dem Anbruch einer neuen Epoche stand.

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Goethe-Vigoni-Discorsi

Die Frankfurter Goethe-Universität konnte in diesem Jahr ihren traditionellen „Europasommer“ nicht ausrichten. Er sollte 2020 den Beziehungen Frankfurts zu seiner Partnerstadt Mailand und den Beziehungen Hessens zu seiner Partnerregion Emilia-Romagna gelten. Die Corona-Pandemie hat nicht nur die entsprechenden Veranstaltungen verhindert, sondern die deutsch-italienischen Beziehungen selbst auf eine besondere Bewährungs-, ja Belastungsprobe gestellt.

So kam der Gedanke auf, ersatzweise Angehörige unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen und gesellschaftlicher Felder zu bitten, in Essays überschaubarer Länge ihren Blick auf die Welt mit Corona festzuhalten. Zusammen mit der Hessischen Staatskanzlei, dem italienischen Generalkonsulat und der Villa Vigoni, dem Deutsch-Italienischen Zentrum für den Europäischen Dialog, soll so ein Gedankenaustausch organisiert werden – bevor im Sommer 2021 hoffentlich wieder deutsch-italienische Begegnungen auf dem Campus der Goethe-Universität möglich sein werden und das Fest nachgeholt wird.

Wir drucken in lockerer Folge Beiträge dieser „Goethe-Vigoni-Gespräche“ im Feuilleton der F.A.Z. und veröffentlichen sie im Internet. Den Anfang machte ein Text des Dalai-Lama, des einstigen Oberhaupts der tibetischen Exilregierung und geistlichen Oberhaupts der Tibeter. Es folgte ein Beitrag des ehemaligen österreichischen Bundesministers und EU-Kommissars Franz Fischler, einer des Dichters Durs Grünbein und einer des Filmregisseurs Volker Schlöndorff.

Quelle: F.A.Z.
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