Europäische Agrarpolitik

Das Gespenst Gentechnik geht

EIN KOMMENTAR Von Joachim Müller-Jung
29.05.2012
, 17:40
Nur unter Polizeischutz: Bei Bütow im Müritz-Kreis wird die gentechnisch veränderte Kartoffel «Amflora» gepflanzt
Während fast überall auf der Welt neue Nutzpflanzen gezüchtet werden, sinkt das Interesse für die grüne Gentechnik in Deutschland und Europa ständig. Auf dem Acker fahren wir im Rückwärtsgang. Die EU-Kommission versucht das zu ändern.

Es fehlt nicht mehr viel, und Europa erlebt einen neuen Bankrott - allerdings einen, bei dem sich das Jammern in Grenzen halten dürfte. Er betrifft die Grüne Gentechnik. Europas Ernährungsvisionäre haben sich auf diesem Feld verzockt: die EU-Kommission, die Wissenschaft, die Wirtschaft, Teile der Politik. Fast überall auf der Welt, wo große Mengen Lebensmittel gebraucht oder für den Export erzeugt werden, nimmt das Interesse für neue Nutzpflanzen zu, auch für solche, die gentechnisch hergestellt sind. Zweistellige Wachstumsraten sind normal.

In Europa hingegen ist die Zahl der Freilandversuche mit neuen, gentechnisch veränderten Sorten um zwei Drittel auf knapp vierzig gefallen, drei Viertel davon entfallen allein auf Spanien. In Deutschland wird in diesem Jahr ein einziger Forschungsanbau mit Zuckerrüben gestartet. Gentechnik - das ist hierzulande Hochtechnologie fürs Hinterzimmer.

Verspielt Europa seine landwirtschaftliche Zukunft?

Und wenn schon? Demoskopisch gesehen sieht es die große Mehrheit im Land sehr gerne, wenn das Gespenst Gentechnik aus der Lebensmittelproduktion verbannt wird. Die Richtung in Ernährungsfragen ist eindeutig: ökologisch ja, gentechnisch nein. Nichts deutet nach eineinhalb Jahrzehnten kommerzieller Agrobiotechnik darauf hin, dass sich daran etwas ändert: Auf dem Acker fährt Europa im Rückwärtsgang. Zehn EU-Länder sind politisch quasi ausgestiegen, haben wie Deutschland nationale Anbauverbote für eigentlich zugelassene Sorten erlassen; die BASF hat sich als wichtigster privater Forschungsakteur nach Amerika zurückgezogen, und gemeinschaftlich ist man in Europa nicht mehr willens, dem technischen Trend schnell zu folgen.

Stattdessen setzen andere die Trends, die Kritiker und Feldzerstörer: Der Gentechnik-Schaugarten in Üplingen in Sachsen-Anhalt bleibt dieses Jahr wegen der Drohungen radikaler Gentechnikgegner geschlossen; die Zahl der Gebiete, die sich „gentechnikfrei“ nennen, nimmt europaweit zu. In Deutschland sind es schon zweihundert Regionen und dreihundert Kommunen.

Deshalb ist es konsequent, dass Europa sich vom Rest, auch vom Rest der westlichen Welt, radikal trennt. Die Frage ist: Verspielt Europa damit seine Zukunft auf dem Agrarsektor? Provoziert es am Ende endgültig einen Handelskonflikt mit den anderen Exportnationen, die das Abschotten zunehmend als Protektionismus einstufen? Beides versucht die EU-Kommission fast verzweifelt zu verhindern.

Importverbote nicht durchsetzbar

Dass Erzeugnisse aus gentechnisch veränderten Lebensmitteln, allen voran Sojaprodukte, in die Gemeinschaft gelangen, ist längst unvermeidlich. Unklar ist, wie sich Europa zum Anbau auf eigenem Gebiet stellt. Die gängige Praxis, dass mit einer positiven Sicherheitsbewertung für Umwelt und Gesundheit der Weg für die jeweilige Nutzpflanze frei ist, gilt quasi als gescheitert. Man schiebt, nachträglich, umstrittene Sicherheitsbedenken vor, um politisch gewollte Verbote durchzusetzen und damit das Zulassungsverfahren ad absurdum zu führen.

Klarheit schafft das nicht, weder für Forschung und Wirtschaft noch für den Verbraucher. Nun ist auch der Versuch der Kommission, die europäischen Gentechnik-Gesetze so zu ändern, dass die Staaten am Ende wieder selbst entscheiden können, ob sie Anbauverbote erlassen, im Ministerrat gescheitert. Zwanzig waren dafür, sieben nicht. Ausgerechnet Deutschland, das selbst vor drei Jahren ein umstrittenes nationales Anbauverbot für eine gentechnisch veränderte Maissorte durchgesetzt hat und mit der Gentechnikfrei-Bewegung vorprescht, will Kleinstaaterei verhindern.

Selbstbestimmung erwünscht

Dabei steckt in dem Vorstoß die Chance, die verfahrene Gentechnikpolitik regelrecht zu befreien. Er könnte sogar eine neue Fortschrittskultur begründen, den Konflikt zwischen Wissenschaft und Politik auflösen und vielleicht sogar den Vertrauensverlust schmälern. Der entscheidende Vorschlag lautet nun: Anbaubeschränkungen nach „sozioökonomischen Kriterien“. Fürwahr, einen nichtssagenderen Begriff könnte man sich kaum vorstellen. Was darunter zu verstehen ist, muss noch ausbuchstabiert und juristisch wasserdicht gemacht werden.

Im Prinzip geht es aber um Selbstbestimmung. Die Regionen sollen fragen - und demokratisch entscheiden - dürfen, ob die Verbreitung genveränderter Kultursorten beispielsweise kleinbäuerliche Strukturen gefährdet und die Reinheit des Saatguts bedroht; ob ein ungestörtes Nebeneinander von Öko- und Intensivlandbau möglich ist. Im Grunde geht es um die Anerkennung soziokultureller Vielfalt.

Abwanderung von Forschern und Instituten

Dass im heterogenen Europa jemals ein amerikanisches Naturbild allgemein anerkannt wird, das die Erzeugnisse der Gentechnik als natürliche Bestandteile der Lebensmittel einstuft, ist heute undenkbar. Die Wissenschaft als Impulsgeber des Fortschritts hat das längst hingenommen. Selbstverständlich bleibt es für sie irrational, die pflanzenzüchterischen Vorteile sicherer Sorten nicht nutzen zu wollen. Aber die Einwände, seien sie grundsätzlicher moralischer Art wie die Nichtrückholbarkeit neuer Genkonstrukte, sind auch für sie nicht mehr fadenscheinig. Sie steht im Wettbewerb und geht dahin, wo sie Chancen für die Grüne Gentechnik sieht. Europa kann hier keine erste Adresse mehr sein.

Quelle: F.A.Z.
Joachim Müller-Jung- Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Joachim Müller-Jung
Redakteur im Feuilleton, zuständig für das Ressort „Natur und Wissenschaft“.
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