Flüchtlinge am Eurotunnel

Sprung auf den fahrenden Zug

Von Christian Schubert, Calais
03.08.2015
, 14:49
Warten, Versuchen, Scheitern, wieder Warten – oder Sterben: Illegale Einwanderer vor den Bahngleisen am Wochenende am Eurotunnel
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Auch wenn die plötzliche mediale Aufmerksamkeit den Anschein erweckt: Die Zahl der Migranten bei Calais, die nach Großbritannien gelangen wollen, ist nicht gestiegen. Sondern die Zahl der Todesopfer.
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Den Handschlag verweigert der junge Sudanese – nicht etwa aus Abneigung, sondern der Heilung wegen. Seine Handballen sind mit dicken Pflastern verklebt. Gestern sprang er am Eingang zum Eurotunnel beim französischen Calais auf einen fahrenden Güterzug und rutschte ab. Er nennt sich Omar, seinen richtigen Namen behält er lieber für sich. Der dunkelhäutige Afrikaner trägt trotz der zwanzig Grad an diesem Vormittag im Flüchtlingslager von Calais eine bunte Wollmütze sowie einen braunen Trenchcoat, der in London schon etwas aus der Mode sein dürfte. Omar ist zwanzig Jahre alt und wirkt trotz seiner Jugend wie aus einer anderen Epoche. Ein illegaler Flüchtling, der sein gescheitertes Heimatland Sudan verließ, um in einen – in seinen Augen – gelungenen Staat zu gehen. Nach Großbritannien. Ob beide jemals zusammenkommen, ist höchst ungewiss. Omar aber gibt nicht auf. Sobald seine Wunden verheilt sind, will er nachts wieder den Sprung auf einen Zug oder einen Lastwagen in Richtung Großbritannien wagen.

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Gegen den Flüchtlingsansturm
Massive Polizeipräsenz am Eurotunnel

Omar will freilich nicht nur Sudan entfliehen; weg will er auch aus dem Flüchtlingslager am Stadtrand von Calais, das sie „Dschungel“ nennen. Die halbhohen Büsche und der Meeressand zwischen den dürftigen Behausungen aus Holzlatten und Plastikplanen haben wenig mit einem Urwald zu tun, verirren kann man sich in dem Wirrwarr an Notbehelfen aber durchaus. 2500 bis 3000 Menschen hausen hier ohne Licht und Strom. Wasser kommt nur aus vereinzelten Rohren im Boden, Toiletten und Duschen sind primitive Holzbauten, eine organisierte Müllbeseitigung scheint es nicht zu geben. Abfallberge liegen neben Kartoffelsäcken. Provisorische Moscheen und Kirchen sind errichtet worden. Eine Handvoll Hilfsorganisationen versucht eine Art Lagerleben zu organisieren, doch bleiben will hier niemand.

An jedem Spätnachmittag machen Dutzende Flüchtlinge ihre Unterkünfte dicht, bringen ihre wenigen Habseligkeiten ins Innere und ziehen Schnüre fest. Wenn sie Glück haben, so die Rechnung, sehen sie das Lager niemals wieder. Viele kehren in den Morgenstunden zurück, ruhen sich aus und probieren es bald wieder. Einigen bleibt die Rückkehr aus anderen Gründen verwehrt: Zehn Menschen kamen bei den Fluchtversuchen seit Anfang Juni ums Leben, Angaben über die Verletzten gibt es nicht. „Wir sagen ihnen immer wieder. Springt nicht auf die Ladeflächen der Lastwagen, die auf die Züge auffahren, denn die elektrischen Oberleitungen sind zu nahe. Manche legen sich auch unter die Zugwaggons. Wir müssen ihnen sogar sagen, dass man nicht durch den Tunnel laufen kann“, berichtet Christian Salomé, Präsident der Hilfsorganisation „L’Auberge des Migrants“.

Männer wie Omar haben auf solche Warnungen in ihrem gebrochenen Englisch immer die gleiche Antwort parat: „Ich habe keine andere Wahl.“ In seiner kriegsverwüsteten Heimat Darfur sei das Leben die Hölle.

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Warum ausgerechnet Großbritannien?

Die europäische Flüchtlingskrise hat die nordfranzösische Hafenstadt Calais fest im Griff. Das ist schon seit Jahren so, doch jetzt erst wird es vielen bewusst. Die Dramatik der Lage nimmt weniger wegen der Flüchtlingszahlen zu, denn bei allen Schwierigkeiten, die Anzahl zu bemessen, halten die Hilfsorganisationen diese eher für stabil, sondern wegen der tödlichen Unfälle. Die Flüchtlinge nehmen höhere Risiken in Kauf, seitdem vor wenigen Wochen der Zugang zu den Fährschiffen des Hafens durch neue Zäune und mehr Sicherheitskontrollen weitgehend abgeriegelt wurde. So versuchen es die Flüchtlinge bei den Zügen des Eurotunnels. Sie wittern dort auch höhere Erfolgschancen, weil regelmäßige Streiks und Blockaden bei der bankrotten Fährgesellschaft My Ferry Link, die dem Eurotunnel gehört, den Lastverkehr zum Kriechgang zwingen.

Warum aber wollen sie alle nach Großbritannien, selbst unter Todesgefahren? Die Antworten der Flüchtlinge gleichen sich immer wieder. Wenn sie eine Fremdsprache einigermaßen beherrschten, dann Englisch. Sie hätten dort Freunde oder Verwandte, und sie bekämen leicht Arbeit. Was ist mit Deutschland? „Dort würde ich ja gerne hin, doch ich habe gehört, dass man dort weder eine Aufenthalts- noch eine Arbeitserlaubnis bekommt“, meint der Sudanese Sami, der auch aus Darfur kommt.

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Blinde Passagiere in Lastwagen und unter Waggons

Nachts ist die beste Zeit, um sich einzuschmuggeln. Zwischen den Vororten Coquelles und Frethun sind gegen Mitternacht Hunderte junger Männer unterwegs; sie haben die Kapuzen tief ins Gesicht gezogen und werfen im Licht der Autoscheinwerfer lange Schatten. In Gruppen kauern sie auf Leitplanken oder zwischen Büschen, um den richtigen Augenblick abzuwarten. Ab und an flackert eine Taschenlampe auf. Von einer Brücke aus inspizieren sie mit Sand beladene Güterzüge auf den Gleisen unter ihnen.

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Auch einige Frauen sind dabei, vereinzelt sogar kleine Kinder. Vorher haben sie vom Flüchtlingslager aus meist schon einen Fußmarsch von zwei Stunden zurückgelegt. „Wenn die Polizeistreifen vorbeikommen, verstecken wir uns“, berichtet ein Mann, der sich Alex nennt. Allzu besorgt wirkt er nicht. Die Blaulichter der Sicherheitskräfte blinken in der Dunkelheit eher selten und nur in großen zeitlichen Abständen auf. Eine acht Monate lange Flucht aus Äthiopien hat Alex hinter sich; nach eigenen Angaben rettete ihn im Mittelmeer ein deutsches Schiff kurz vor dem Kentern seines überladenen Bootes. Alex will von einer Tür in einem Zaun entlang der Gleise wissen, später in der Nacht werde er das Schlupfloch testen.

Nur wenige Meter entfernt fällt ein Mann weißer Hautfarbe auf. Er ist Lastwagenfahrer, plaudert mit einigen Flüchtlingen. Vor mehreren Monaten hätten mehrere blinde Passagiere ein Loch in das Dach seines Lastwagens geschnitten und seien eingedrungen, berichtet er. Die Lkw-Fahrer halten sich während der Zugfahrt durch den Tunnel immer im vordersten Waggon auf, ohne zu wissen, was in ihren Lastern vor sich geht. Erst in England, als die Mitfahrer schon auf und davon waren, bemerkte der Mann den Einstieg. Warum er hier in Calais sei? Er habe einen Interview-Termin mit einem britischen Fernsehsender, seinen Namen will er allerdings nicht nennen.

Mèdecins du Monde: Humanitäre Mission in der Heimat

Eine Schar internationaler Sender und Zeitungen ist derzeit in Calais. Die Hilfsorganisationen sind darüber nicht unglücklich. „Vorher war diese Krise unsichtbar, jetzt erfährt die Welt davon“, sagt der Helfer Salomé. Doch dadurch entsteht rasch die Furcht vor einer angeblich nicht mehr zu bewältigenden Einwanderungswelle. „Rund 3000 Flüchtlinge in der sechstreichsten Volkswirtschaft der Welt – wenn das nicht zu meistern ist, was dann eigentlich?“, fragt Salomé. Der Arzt Jean-François Patry pflichtet ihm bei. Für die Organisation „Médecins du Monde“ war er in Lateinamerika, Bangladesch und Algerien im Einsatz, jetzt aber opfert er in Calais seinen Sommerurlaub. „Dass ich mal in meiner Heimat auf eine humanitäre Mission gehe, hätte ich nie gedacht.“ Die hygienischen Zustände in dem vor vier Monaten eröffneten „Dschungel“ beschreibt er als skandalös.

Die verheerende Unterbringung der Flüchtlinge hat ihre Ursache in einem absurden Verschieben von politischer Verantwortung zwischen den Beteiligten auf französischer und britischer Seite sowie auf Seiten der Hilfsorganisationen. „Wir haben seit 2008 schon viel getan; doch die Lösung der Flüchtlingskrise kann nicht Aufgabe von Calais sein“, sagte der stellvertretende Bürgermeister Emmanuel Agius, der sich auch über das Ausbleiben von Touristen und Investoren beschwert. In der Hafenstadt schließen immer mehr Industriebetriebe, die Arbeitslosigkeit liegt mit 15 Prozent über dem nationalen Durchschnitt.

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Die Hilfsorganisationen könnten mehr tun, doch sie wollten dem französischen Staat die Untätigkeit nicht erst möglich machen, sagt Thierry-Mehdi Benlahsen von der Organisation Solidarités International. Ohnehin wären sie lieber an den Krisenherden der Dritten Welt tätig. Das Ergebnis des Gerangels ist „mitten in Frankreich ein Flüchtlingslager, das von den Standards her klar unter dem Niveau liegt, das wir überall auf der Welt kennen. Im Ausland bauen wir oft Lager mit fünfzig- oder hunderttausend Flüchtlingen. Selbst diese sind in einem besseren Zustand“, berichtet Benlahsen.Stadt

Calais ohne Hilfe aus Paris

Die vielen Medienberichte bewirken bisher aber nur, dass es Bewegung gibt, was die Sicherheitsvorkehrungen angeht. Damit die Flüchtlinge sich nicht mehr in die Züge schleichen, hat Frankreich 120 zusätzliche Polizisten geschickt. An vielen Kreisverkehren zeigen sie jetzt Präsenz. Großbritannien versprach zehn Millionen Euro für den Bau neuer Zäune. Die Sicherheitskräfte der Tunnelbetriebsgesellschaft haben nach eigenen Angaben seit Jahresbeginn 37.000 Migranten aufgegriffen und den Behörden übergeben. Diese schicken sie dann wieder in die Lager zurück, von wo die Flüchtlinge bald einen neuen Anlauf nehmen.

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Doch die Hilfsorganisationen halten die Zahlen für höchst übertrieben. „Wenn von 2000 nächtlichen Versuchen des Eindringens die Rede ist, dann handelt es sich um höchstens 150 bis 300 Personen. Es gibt keinen dramatischen Anstieg“, sagt Benlahsen. Die Eurotunnel-Betreibergesellschaft will offensichtlich Druck auf die Behörden ausüben, damit sie sich stärker um das Flüchtlingsproblem kümmern. Zum jüngsten spürbaren Anstieg kam es mit dem Beginn des Bürgerkrieges in Libyen vor einigen Jahren. Dieser brachte auch Männer und Frauen aus Äthiopien und Eritrea, die dort arbeiteten, nach Calais.

Unwürdige Verhältnisse im „Dschungel“

Manche Flüchtlinge sind sieben oder acht Jahre unterwegs, bis sie in Calais eintreffen. In der Hafenstadt ruhten sich viele erst mal aus und dächten über ihre Zukunft nach, berichtet der Helfer Salomé. „Ich schätze, dass sich von den rund 3000 Flüchtlingen heute etwa 500 ihren Traum von Großbritannien aus dem Kopf geschlagen haben. Sie wollen bleiben.“ Sicherlich jedoch nicht in den unwürdigen Verhältnissen des „Dschungels“. Die Bürgermeisterin von Calais, Natacha Bouchart, die mit ihrer Kollegin von Lampedusa in Kontakt steht, hat die Errichtung eines Aufnahmezentrums vorgeschlagen; die Regierung in Paris reagiert bisher nicht. So bleibt Calais in seiner Rolle irgendwo zwischen Durchgangs- und Endstation wider Willen gefangen.

An diesem Abend werden sich wieder einige Flüchtlinge auf den Weg Richtung Tunnel machen. Ein junger Mann trägt ein T-Shirt mit einer Aufschrift, über die man lachen könnte, wenn die Lage nicht so ernst wäre. „Ich habe eine Taxi-Fahrt in New York überlebt“, steht darauf. Wie es mit seinen Chancen für die Fahrt durch den Ärmelkanal steht, ist noch nicht ausgemacht.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schubert, Christian
Christian Schubert
Wirtschaftskorrespondent für Italien und Griechenland.
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