Kommentar

Sie sind unsere Schwestern und Brüder!

Von Volker Zastrow
27.06.2015
, 15:47
Eine junge Griechin bei einer Demonstration der Nachwuchsorganisation der Kommunistischen Partei am Freitag in Athen: Keine Europäer zweiter Klasse!
Europäische Integration bedeutet Frieden - das ist kein leeres Gerede! Sondern der Kern des ganzen Projekts. Es gibt keinen besseren Weg. So werden wir auch den Griechen weiter helfen müssen - so oder so.
ANZEIGE

Ich sah eine Frau am Grab ihres Großvaters weinen. Ich fragte, warum, denn sie hatte ihn nie gekannt. Sie erzählte viel, über Leid, das gelindert wurde, und Leid, das sich fortpflanzte über Generationen. Aber sie konnte nicht erklären, warum sie über all das weinte, hier in Costermano, am grauen Stein mit dem Namen ihres Großvaters. Einem von zehntausend Steinen. Auf jedem stehen zwei Namen. Über zwanzigtausend deutsche Soldaten ruhen hier, bedeckt von Heidekraut. Beim Marschieren haben sie gesungen: „Auf der Heide blüht ein kleines Blümelein. Und das heißt: Erika.“ Nazikitsch. Jetzt blüht das Blümelein über ihren Gebeinen, über Guten und Bösen, Tätern und Opfern. Was hat sie bewegt? Rassenhass, Sadismus, Zorn, Angst, Verzweiflung, Verblendung, Heimweh, Sehnsucht, Liebe? Viele noch halbe Kinder. Dort ein Junge, kaum vierzehn Jahre alt. Er hatte sich freiwillig gemeldet und nach drei Tagen im Gefecht selbst erschossen.

Auf dem Friedhof wohnt ein Mann mit seiner Familie: der Gärtner beziehungsweise Direktor. Es läuft auf dasselbe hinaus für einen, der sein Leben an so einem Ort verbringt. Über dem Friedhof stehen fünf schöne Zypressen. Von dort hat man einen Blick weit über den Gardasee. Der Direktor erzählt: Die Grundstücke hatte der „Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge“ eigentlich schon zusammen, als dem Herrn der Zypressen einfiel, dass jeder einzelne der schönen Bäume eine Million Lire wert sei. Viel Geld damals, in der ersten Hälfte der fünfziger Jahre. Der Volksbund bat den jungen Bürgermeister des Dorfes um Hilfe. Der hatte das Geld: die nach dem Kriege mühsam ersparten Mittel für eine Wasserleitung. Das wollte er aber nicht für einen Friedhof ausgeben, auf dem die Gebeine der deutschen Soldaten aus Norditalien zusammengeführt wurden. Doch dann entschied er sich um. So konnte der Friedhof errichtet werden, und jedes Jahr kommen die Angehörigen der Gefallenen aus Deutschland hierher. Die Wasserleitung konnte bald gebaut werden.

ANZEIGE

Der Ort einer Wahrheit

Pete Seeger hat dieses unsterbliche Lied gegen den Krieg geschrieben: zu Deutsch „Sag mir, wo die Blumen sind“; es geht übrigens auf ein ukrainisches Vorbild zurück. Die Mädchen pflücken die Blumen, die Männer pflücken die Mädchen, der Krieg pflückt die Männer, über Gräber weht der Wind, und dann ist bald alles vergessen und beginnt von vorn. Wenn man oben neben den Zypressen steht und über den Gardasee schaut, erblickt man am anderen Seeufer Salò, Mussolinis letzte Zuflucht. In den Wirren des Kriegsendes kam hier alles zusammen: ein italienischer Bürgerkrieg, ein merkwürdiger Halbkrieg zwischen einstigen Verbündeten, der Vormarsch der westlichen Alliierten, der Kampf der Kommunisten gegen Faschismus, Kapitalismus und Kirche, und dazu noch die Schandtaten der Gelegenheit: Rache, Mord, Denunziation, Vergewaltigung, Raub und Plünderung. Wie ein entzündeter Knoten aus Lebensnerven.

Ja, wenn man neben den Zypressen steht und über die herrliche Bucht, den spiegelnden See, die blauen Berge schaut, dann kann man glauben, die unsichtbaren Linien zu sehen, die sich hier schon immer kreuzten, die Macht der Venetianer, der Habsburger, der vielfach wechselnden Herren der Lombardei. Und den Krieg, der immer wieder kam, so regelmäßig wie die Fallwinde über den See, tausend Jahre, zweitausend Jahre. Es gibt viele solcher Orte in Europa, wo sich die Linien kreuzen, Knotenpunkte eines unsichtbaren Netzes, das über dem Kontinent liegt, Orte, wo die Blumen blühen und der Wind über die Gräber weht und wo es so schön ist.

ANZEIGE

Warum hat meine Frau geweint am Grab ihres Großvaters, den sie nie kannte, am Grab des Vorfahren unserer Kinder? Ich weiß es nicht. Viele weinen dort. Es platzt etwas; das Herz öffnet sich. Es ist ein Ort der Wahrheit oder der Ort einer Wahrheit. Und dann läuft den Leuten der Mund über, sie sprechen darüber, mit dem Gärtner, dem Direktor, und haben ihn mit ihren Geschichten gefüllt wie einen Brunnen. Er sagt: Ich habe, seit ich diese Arbeit mache, meine Meinung über vieles geändert.

So sind in die großen Linien der Geschichte die dünnen Lebensfäden verknotet. Wir sind verbunden. Auf Verderb. Oder Gedeih. Und wissen es nicht. Was wir für unsere Geschichte halten, kennen nur die Gebildetsten in winzigem Ausschnitt, und es steckt noch voller Lügen. Und ist wieder nur ein winziger Ausschnitt des großen, immerwährenden Vergessens, über dem immer neue Blumen immer neu blühen und welken.

ANZEIGE

Sie sind unsere Schwestern und Brüder!

Nach der europäischen Katastrophe, als das frische Blut noch tropfte, breitete sich eine neue Lehre aus. Um es mit Albert Einstein zu sagen: Wenn das Sterben nicht völlig sinnlos bleiben sollte, musste man in Europa mit den Millionen Toten auch die Feindschaften begraben und Bauten des Friedens errichten. Eine europäische Integration mit der Voraussetzung des „bedingungslosen Verzichts der Staaten auf einen Teil ihrer Handlungsfreiheit“. Der Euro war ein großer Schritt auf diesem Weg. Mehr, als jeder es sich vorstellen konnte, ist er in der Krise zum Werkzeug der Integration geworden.

Das ist ein Geben und Nehmen, es verlangt Anpassung von allen, Starken und Schwachen. Der deutsche Dünkel hilft da nicht weiter. Er ist ja auch nur eine Spielart der Furcht, eher aus Niederlagen als aus Erfolgen gewachsen - wie bei den Griechen, mit ihrer großartigen Vergangenheit, die schon so furchtbar lang vergangen ist. „Wir waren früher blond“, behaupten manche heute noch stolz, wenn sie über die großen Zeiten sprechen. Doch ob blond oder braun: Sie sind unsere Schwestern und Brüder! Wir sind und bleiben in einen Knoten geschlungen. Auf Gedeih oder Verderb. Wie im richtigen Leben, weil es das richtige Leben ist.

Die Europäische Union hat den Griechen alle erdenkliche Hilfe angedeihen lassen. Sie ist an die Forderung sogenannter „Strukturreformen“ gebunden. Diese bedeuten nichts anderes, als in Griechenland rechtsstaatliche Grundlagen für gutes Regieren durchzusetzen, damit die finanzielle Hilfe nicht verschleudert wird, sondern nachhaltig wirken kann. Dass in Griechenland solche Standards fehlen, ist nicht eine moralische Schuld der Griechen oder die Summe individueller Fehlentscheidungen, sondern ein Ergebnis von Jahrhunderten ihrer Geschichte. Sie werden nicht als Schuldige oder Europäer zweiter Klasse behandelt, aber auch nicht so, als seien sie etwas Besseres.

Die aktuellen Aufregungen täuschen: Das Zusammenwirken und der Zusammenhalt der europäischen Staaten in dieser Frage ist bisher beispiellos. Man kann und soll und will aber die Griechen, die sich immer weiter isoliert haben, nicht zu ihrem Glück zwingen. Dort sind, nachdem die Eliten abgewirtschaftet haben, die Extremisten von links und rechts an der Macht. Auch das kennen wir Deutsche aus eigener Geschichte - und können nur hoffen, dass die Griechen den Weg in den Wahnsinn nicht weitergehen wie einst unsere Vorväter. Wir werden so oder so helfen müssen. Weil wir Europäer unauflöslich miteinander verbunden sind. Die Folgen unseres Handelns tragen wir gemeinsam.

Quelle: F.A.S.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot
Immobilienbewertung
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Sprachkurs
Lernen Sie Englisch
Kapitalanlage
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Automarkt
Top-Gebrauchtwagen mit Garantie
Gasvergleich
Gas vergleichen und sparen
Zertifikate
Ihre Weiterbildung im Compliance Management
ANZEIGE