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Kommentar

Jüdische Deutsche

Von Simona Pfister
 - 14:30

Antisemitismus ist Alltag in Deutschland. Die jüdischen Gemeinden wissen es längst, nun sehen es auch alle anderen. Die Öffentlichkeit ist aufgeschreckt, Politiker, Medien, Bürger fragen: Was können „die Deutschen für die Juden“ tun? Wie können „die Deutschen“ die historische Verantwortung für „die Juden“ wahrnehmen? Wie können „die Deutschen die Juden“ schützen?

Moment. Da stimmt etwas nicht. Wer sind denn diese Juden, die die Deutschen schützen wollen? Nicht auch Deutsche, nicht auch Teil von „den Deutschen“?

Für viele offenbar nicht, selbst wenn sie sich für „die Juden“ einsetzen. Denn von „Deutschen und Juden“ lässt sich nur reden, wenn man annimmt, dass das zwei Gruppen der Bevölkerung sind, die sich nicht decken, zwei Mengen, die sich ausschließen. Niemand spräche ja von „Deutschen und Rothaarigen“, weil einige Deutsche selbstverständlich auch Rothaarige sind. Eine Minderheit zwar, aber deswegen nicht weniger Teil der Deutschen. Ebenso absurd klingt „Deutsche und Atheisten“, als würden sich die nationale und die religiöse Zugehörigkeit ausschließen.

Düstere Vergangenheit

Nur die Aufzählung „Deutsche und Juden“ geht überall durch, schleicht aus den Mündern, in die Ohren, durch die Köpfe. Weil sie vertraut ist. Sie hat sich festgesetzt, seit damals, seit dieser längst überwunden geglaubten Zeit, als einige eine Grenze mitten durch Deutschland, mitten durch die Bevölkerung zogen und dann behaupteten, jenseits dieser Grenze sei es unmöglich, ein Bürger zu sein. Jenseits dieser Grenze seien eben „sie“, die Juden, und sie stünden den Deutschen gegenüber: zwei sich ausschließende Mengen.

Im Sprechen und Denken von „den Deutschen und den Juden“ lebt diese Idee bis heute weiter. Sie lässt die jüdischen Mitbürger noch immer als Menschen erscheinen, die zwar in Deutschland wohnen mögen, aber nicht wirklich Deutsche sind. Dasselbe klingt an, wenn man ständig und konsequent von „deutschen Juden“ oder sogar von „Exil-Juden“ spricht, selbst dort, wo es nicht um die religiöse Zugehörigkeit des betreffenden Menschen geht, diese nicht einmal etwas zur Sache beiträgt. Nie heißt es einfach „Deutscher“ oder dann „jüdischer Deutscher“, weil auch „deutscher Jude“ der altbekannte Begriff ist. Und auch in ihm schwingt immer noch die düstere Vergangenheit mit, in der es hieß, Juden seien primär Juden, vielleicht erst danach – oder nur zum Schein – Deutsche, Franzosen, Engländer oder was auch immer; einfach grundsätzlich anders.

Wenn der Antisemitismus heute in Deutschland aufhören soll, muss darum auch diese Idee verschwinden, die Idee von „den Deutschen und den Juden“. Die Ausgrenzung der jüdischen Mitbürger ist nur wirklich beendet, wenn es für alle absurd klingt, „Deutsche und Juden“ zu sagen, weil die Deutschen selbstverständlich immer auch jüdische Deutsche sind – genauso wie katholische, evangelische oder rothaarige Deutsche. Dann wird beim Stichwort „historische Verantwortung“ klar sein, dass es nicht um die Geschichte „der Deutschen mit den Juden“ geht, sondern auch um die Geschichte der Deutschen mit sich selbst, die Geschichte der Deutschen mit den eigenen jüdischen Mitbürgern, die – zusammen mit allen anderen jüdischen Europäern – auf einmal ausgeschlossen, verfolgt, ermordet wurden. Und davon leitet sich für die Gegenwart ab: nie wieder zuzulassen, dass irgendeinem Bürger verweigert wird, ein gleicher Bürger zu sein. Denn damit sagt man immer auch, dass er kein gleicher Mensch ist.

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Gegen Antisemitismus
Köpfe hinhalten für Respekt und Toleranz

Quelle: F.A.S.
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