Flüchtlingsunterkünfte

Warum die Fäuste fliegen

Von Peter Carstens, Berlin
05.10.2015
, 14:59
Polizei- und Krankenwagen vor der Flüchtlingsunterkunft in Kassel-Calden nach der Massenschlägerei am 27. September 2015
Die Flüchtlinge in den provisorischen Unterkünften haben keine Privatsphäre, keine Mitspracherechte – und nichts zu tun. Willkommenskultur stößt auf archaische Hackordnungen. Ein schlechter Zustand.

Massenschlägereien, sexuelle Belästigung, Christen in Bedrängnis: Das sind die neuesten Nachrichten aus den Notunterkünften, wo Asylsuchende derzeit zu Tausenden untergebracht sind. Es sind Anzeichen dafür, dass in diesen Unterkünften das Glücksmärchen von der Flüchtlingsaufnahme schon beendet ist. Willkommenskultur stößt in den überfüllten Notquartieren auf archaische Hackordnungen, ethnische Gewalt und religiöse Zwangsvorstellungen. Oft entzündet sich der Funke an scheinbaren Kleinigkeiten: Eine Drängelei bei der Essensausgabe, ein falsches Wort reicht aus, um Dutzende Männer in wütende Horden zu verwandeln. Männer, die sich angeblich nach Deutschland gerettet haben, um Schutz vor Unfrieden und Gewalt zu suchen, prügeln mit Eisenstangen und Holzlatten aufeinander ein. Helfer werden angegriffen, Wachleute attackiert. Die einzige Antwort darauf sind derzeit: Hundertschaften der Polizei.

In Kassel-Calden prügelten sich Anfang vergangener Woche etwa 300 Albaner mit 70 Afghanen, weil ein junger Flegel (Albaner) sich in der Warteschlange vor der Essensausgabe an einem alten Mann (Afghane) vorbeigedrängelt hatte. Das führte erst zu empörtem Wortwechsel über Respekt und Ehre, dann zu Backpfeifen und schließlich zu einer wüsten Massenschlägerei – übrigens vor den Augen vieler Frauen und Kinder.

In Leipzig droschen in der Woche davor Woche 200 Männer aufeinander ein, weil angeblich ein Afghane ein syrisches Mädchen bedroht hatte. Auch in Dresden gingen am Dienstag vor einer Woche etwa 150 Bewohner einer Flüchtlingsunterkunft mit Fäusten, Holzlatten und Eisenstangen aufeinander los. Unterdessen warnte der Polizeigewerkschaftler Rainer Wendt davor, dass sich in den Erst- und Notunterkünften organisierte Clans und „knallharte kriminelle Strukturen“ bildeten. Wendt behauptete, Frauen würden zur Verschleierung gezwungen, Männern werde befohlen zu beten. Islamisten wollten in den Unterkünften ihre Werte und Ordnung einführen. Frauen würden belästigt, auch missbraucht und vergewaltigt. Wendt ist ein notorischer Übertreiber, aber im Grundsatz teilen Hilfs- und Flüchtlingsorganisationen seine Bewertung. Das Rote Kreuz berichtet ebenfalls von Clan-Strukturen, die sich in den Notquartieren rasch herausbilden.

Beispiel Berlin
So wohnen Flüchtlinge in Notunterkünften
© DW, Deutsche Welle

Drohungen ohne Folgen für Unruhestifter

In manchen Flüchtlingseinrichtungen, etwa in Berlin-Karlshorst, wurden allein reisende Frauen ausquartiert, weil niemand für ihre Sicherheit garantieren konnte. Anderswo fühlen sich Christen ihres Lebens nicht sicher. Es wird berichtet, dass Muslime sich weigern, Toiletten zu benutzen, auf die auch Christen gehen. Das bringt wiederum allmählich die Volksseele zum Köcheln, selbst die des Innenministers de Maizière. Einige Politiker und Polizeivertreter forderten in dieser Woche, Flüchtlingsgruppen ethnisch und religiös zu trennen. Das lehnten andere ab, es führe bloß, so Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier, zu Parallelgesellschaften und sei außerdem auch gar nicht machbar.

Und dazwischen kein Millimeter Privatsphäre: Flüchtlingsnotunterkunft in Hanau
Und dazwischen kein Millimeter Privatsphäre: Flüchtlingsnotunterkunft in Hanau Bild: Reuters

Der religionspolitische Sprecher der Unionsfraktion, der frühere Verteidigungsminister Franz-Josef Jung, sagte dazu: „Wir werden nicht hinnehmen, dass Menschen, die wegen religiöser Verfolgung bei uns Schutz suchen, von denselben Gruppen und aus denselben Gründen angegriffen werden wie in ihren Heimatländern.“ Jung verlangte: „Wer hier gewalttätig wird und unsere Grundrechte nicht anerkennt, muss die ganze Härte des Rechtsstaats zu spüren bekommen!“ Bombastische Drohung, aber meistens bleiben solche Worte unverstanden und folgenlos.

Mit Helm, Schutzweste und Schlagstock ins Flüchtlingsheim

Meistens jedenfalls: Im thüringischen Suhl durchkämmten am Dienstag Polizisten Flüchtlingsunterkünfte und nahmen mehr als ein Dutzend Verdächtige fest. Sie sollen nach derzeitigem Ermittlungsstand Anfang August in der Erstaufnahmestelle Suhl an einer Massenschlägerei beteiligt gewesen sein. Die war ausgebrochen, nachdem angeblich ein afghanischer Bewohner Seiten aus dem Koran gerissen und in die Toilette geworfen hatte. Bei dem darauffolgenden Aufruhr wurde alles kurz und klein geschlagen, was sich dem Mob in den Weg stellte. Bilanz: Siebzehn Verletzte, zerstörte Einrichtung, auch Polizeiautos und Rettungswagen wurden angegriffen.

Bilder von der Festnahme-Aktion im Morgengrauen zeigten, dass die Polizei die Risiken solcher Festnahmen als sehr hoch einschätzt. Die Beamten trugen Helme, Schutzwesten, Schlagstöcke. Wer allerdings annimmt, dieses robuste Auftreten der Polizei wäre vielleicht ein wenig ostdeutsch übertrieben, sei auf zwei kleinere Schlägereien in Hamburger Asylunterkünften hingewiesen, zu denen in der Nacht zu Donnerstag fünfzehn beziehungsweise sechzehn Streifenwagen anrückten. Es gab einige Festnahmen.

Wut und Enttäuschung über manche Flüchtlinge

Das alles sind Nachrichten aus den Innenwelten der völlig ungeordneten Einwanderung in die Transiträume unseres Rechtsstaates. Seitdem im Frühsommer die Erstunterkünfte aus den Nähten geplatzt sind, wird Raum geschaffen in Turnhallen, alten Baumärkten und Kasernen. Fünfhundert da, tausend dort. Inzwischen gibt es Dutzende solcher Areale. Nachdem auch die Kasernen voll sind, werden nun Messegelände gefüllt. In ihrer engen Belegung widersprechen sie wahrscheinlich sogar den EU-Vorschriften zur Hühnerhaltung: Feldbett an Feldbett, dazwischen keine zwanzig Zentimeter Platz, und kein Millimeter Individualität. Zehntausende Einwanderer sollen dort Wochen und Monate in friedlicher Lethargie das bürokratische Prozedere abwarten?

Damit einher geht eine fürsorgliche Entmündigung, die dazu führt, dass Langeweile, Depression und Aggression sich ausbreiten. Das überrascht viele, manche sind sogar enttäuscht oder wütend. Beispielsweise Innenminister de Maizière. Der sagte am Freitag im Fernsehen: „Bis zum Sommer waren die Flüchtlinge dankbar, bei uns zu sein.“ Aber nun gebe es viele, die glaubten, „sie können sich selbst irgendwohin zuweisen. Sie gehen aus Einrichtungen 'raus, sie bestellen sich ein Taxi. Sie haben erstaunlicherweise das Geld, um Hunderte Kilometer durch Deutschland zu fahren. Sie streiken, weil ihnen die Unterkunft nicht gefällt, sie machen Ärger, weil ihnen das Essen nicht gefällt. Sie prügeln in Asylbewerbereinrichtungen.“ Noch handele es sich um eine Minderheit.

Arbeit und Verantwortung müssen geteilt werden

Wenn es aber zutrifft – eine genauere Erfassung existiert nicht mehr –, dass im September 200.000 Personen nach Deutschland eingereist sind, dann ist es nur noch eine Frage kürzester Frist, bis die Gewaltausbrüche Alltag werden und bald auch über Mauern und Zäune der Notquartiere hinausgreifen. Die Polizei, ohnehin längst überfordert, wird das nicht verhindern können.

Das klingt nun vielleicht ein wenig katastrophisch, aber man kann ja auch was tun, ganz im Geiste der „Wir schaffen das“-Grundhaltung, die nach verständlichen Jammerstunden à la de Maizière die einzige Alternative zur Resignation bleibt. Abgesehen davon, passen einige Nöte der Migranten und der Notstand der Helfernation eigentlich gut zusammen: Die einen langweilen sich in den Unterkünften und verfallen dabei wahlweise in Apathie oder Aggression. Die anderen verlieren die Nerven, weil sie Tag und Nacht schuften, um Tausende und dann wieder Tausende unterzubringen.

Den Helfern beim Arbeiten zugesehen

Das kann man nur noch schaffen, wenn man Arbeit und Verantwortung teilt. Zunächst die Arbeit. Die Nachricht für alle Neuankömmlinge muss lauten: Sie sind hier in Sicherheit, es gilt das Grundgesetz – und es wartet viel Arbeit auf uns alle, auch auf Sie. Anstatt die Flüchtlinge zu behandeln wie besinnungslose Schwerkranke, könnten sie gleich vom ersten Tag an mitmachen und in den Unterkünften bei allem helfen, wo es fehlt: Aufbau und Reinigung, Küchendienste, Sport, Kultur, Zukunftsplanung. Vieles von dem, was Gesellschaft außerhalb der Notunterkünfte ausmacht, könnte auch dort viel früher den Alltag der Neuen bestimmen.

Neulich konnte man in der Notunterkunft in Berlin-Spandau miterleben, wie Dutzende freiwillige Helfer, oft vom Typ ergrauter Akademiker oder zupackende Familienmanagerin, sechshundert Kleiderkartons von einem Gebäude in ein anderes schleppten, um dort eine neue Ausgabestelle für die Kleiderspenden herzurichten. Die Leute schufteten schwitzend, viele waren körperliche Arbeit ganz offenbar nicht gewöhnt. Drum herum standen in Scharen, rauchend, scherzend, Musik hörend ebenso viele Iraker, Syrer, Albaner und taten: nichts. Nach und nach kamen mehrere, die es nicht mit ansehen konnten, und griffen den Freiwilligen unter die Arme. Die meisten aber schauten zu, einige beschwerten sich darüber, dass sie nicht schon während des Umzugs in den Kartons stöbern durften.

Beck: „Lethargie als Dauerzustand“

Ähnlich ist es auch beispielsweise bei der Essensausgabe in den Notquartieren. Catering-Firmen bringen und verteilen Lebensmittel, die Migranten stehen Schlange. In Berlin-Karlshorst, wo mehr als tausend Flüchtlinge und Migranten in einer alten DDR-Kaserne untergebracht werden, hat das Rote Kreuz versucht, die Bewohner an der Essensausgabe zu beteiligen. Das endete bald im Streit. Die Verteiler begannen nämlich umgehend damit, die eigenen Familien oder Gruppen zu versorgen oder größere Mengen an Lebensmitteln für andere Zwecke abzuzweigen. Doch bei solchen enttäuschenden Versuchen darf es nicht bleiben. Die Helfer brauchen Hilfe und die Einquartierten Beschäftigung.

Fürsorgliche Entmündigung: In den Unterkünften können Flüchtlinge und Asylbewerber nur warten, dass sich jemand um sie kümmert.
Fürsorgliche Entmündigung: In den Unterkünften können Flüchtlinge und Asylbewerber nur warten, dass sich jemand um sie kümmert. Bild: dpa

Volker Beck von den Grünen sagt, die Flüchtlinge dürften nicht arbeiten, weil es für Asylbewerber ein schikanöses Arbeitsverbot gebe. Die Rückkehr zur Ausgabe von Sachleistungen, wie die Bundesregierung sie plant, werde die Sache noch verschlimmern. Besser wäre es, so Beck, wenn die Bewohner selbst einkaufen und, wo es möglich ist, auch für sich kochen könnten. Tatsächlich ist das Essensangebot, über das sich viele Flüchtlinge inzwischen aufregen, oft ein Kompromiss auf niedrigstem interkulturellem Niveau. Eintöpfe, Weißbrot, Äpfel oder Orangen, dazu Tee oder Wasser: langweilige Überlebenskost, Tag für Tag. Der Grünen-Politiker Beck, der schon etliche Flüchtlingslager im Ausland gesehen hat und neuerdings auch hierzulande, warnt vor „Lethargie als Dauerzustand“ und kritisiert, dass die Asylpolitik der Regierung genau darauf hinauslaufe.

Weniger Mitwirkungsrechte als eine Schülervertretung

Die Integrationsbeauftragte, Staatsministerin Aydan Özoguz, redet hingegen dem Mitmachen das Wort: „Ich halte es für sehr wichtig, dass Asylbewerber in Unterkünften mit anpacken oder auch gebeten werden mitzuhelfen. Sie können Betten aufbauen, in der Kleiderkammer helfen oder sich auf andere Weise nützlich machen.“ Es könne auch das Klima einer Einrichtung „positiv verändern, wenn Flüchtlinge stärker in die Organisation eingebunden werden“.

Das ist derzeit praktisch nicht der Fall. Flüchtlinge in den Unterkünften haben weniger Mitwirkungsrechte als jede Schülervertretung oder selbst Gefängnisinsassen. Keine Beiräte, keine Sprecher, kein Einfluss. Außer eben demjenigen, dem man sich mit Muskelpower oder clanmäßig organisiert. So entsteht rasch die Vorstellung: Wir haben hier nichts zu melden. Auf diese Weise geraten auch die Migranten mit einer realistischen Bleibe-Aussicht schnell an den Rand, fühlen sich nicht angenommen, schotten sich ab. Sie gehen verloren, noch ehe sie sich auf den Weg in die Gesellschaft machen konnten. Ein schlechter Zustand.

Die sozialdemokratische Integrationsbeauftragte Özoguz sagt dazu: „Vielleicht liegt es an dem ursprünglich eher bevormundenden Ansatz unseres Aufnahmesystems, dass die Selbstorganisation von Flüchtlingen nicht wirklich gefördert wurde.“ Bei genauerem Hinsehen findet sich selbst im Gesetz eine Möglichkeit, zumindest das Mitmachen zu fördern. Denn dort steht, dass Asylbewerbern „Arbeitsmöglichkeiten zur Aufrechterhaltung und Betreibung der Einrichtungen“ angeboten werden sollen. Sogar ein gewisser Lohn ist vorgesehen, nicht viel: 1,05 Euro pro Stunde. Es wäre für viele das erste selbstverdiente Geld in der neuen oder zumindest vorübergehenden Heimat. Und ein Zeichen der Anerkennung.

An denjenigen, die in den Unterkünften hocken, geht das Leben vorbei, sie tun fast nichts und bekommen kaum mit, was passiert. Ihre Handys verbinden sie mit arabischen Netzen oder mit den Lieben auf dem Westbalkan. Wenn es aber darum geht, irgendwen auf dem Gelände zu finden, der einen Lichtschalter repariert, wissen sie nicht weiter. Da könnte Selbstorganisation helfen, denn in der Sprachen- und Nationalitätenvielfalt gibt es viele gemeinsame Interessen. Die zu vertreten und seine Angelegenheiten mit in die Hand zu nehmen ist ein gutes Recht und wäre ein wichtige Erfahrung, selbst für diejenigen, die am Ende nicht bleiben können.

Quelle: F.A.S.
Peter Carstens - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Peter Carstens
Politischer Korrespondent in Berlin
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