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Fraktur

Endlich mal zurücktreten

Von Berthold Kohler
Aktualisiert am 14.02.2020
 - 11:11
Endlich mal zurücktreten: Auch Kurzschluss beginnt mit K.
Die jüngsten Demissionen haben eine unheimliche Gemeinsamkeit. Und sogar der Kurzschluss beginnt mit K.

Die vergangene Woche gibt uns immer noch zu denken. In diesen sieben Tagen sahen wir nicht nur mehr Rücktritte als bei der SPD in sieben Monaten, zu ihren besten Zeiten. Im Reigen der Demissionen leuchtete zudem eine unheimliche Gemeinsamkeit auf, wie man sie sonst nur in den verwinkelten Romanen Dan Browns findet, in denen ja ebenfalls nichts zufällig vorkommt. Das verbindende Mysterium war: Die Namen aller Zurückgetretenen, ob sie in der Politik, im Profifußball oder in der Kirche tätig waren, begannen mit K. Gut, M kommt im Alphabet zwar erst zwei Stellen später. Doch immerhin Reinhard Marx’ Mittelname lautet Kardinal. Schlauberger mögen noch einwenden, dass der Ostbeauftragte, der sich zu früh gefreut hatte, nicht Kirte hieß. Das stimmt. Doch ist er ein klarer Kollateralschaden. Und der fängt mit welchem Buchstaben an? Genau.

Ausgelöst wurde die Rücktrittslawine durch den FDP-Mann Kemmerich, der schon seines Namens halber die Wahl nicht hätte annehmen dürfen. Er riss Kramp-Karrenbauer so unaufhaltsam mit sich, als hätte er Schicklgruber geheißen oder sein Name mit dem schlimmsten aller Buchstaben begonnen, dem H. Angesichts der Bürde des Doppel-K grenzt es ohnehin an ein Wunder, dass AKK sich so lange an der Spitze der Christlichen Demokraten halten konnte.

Dass dann, als es nicht mehr ging, auch der Kardinal dem Gesetz der Serie Folge leistete, kann man verstehen. Denn welcher aufrechte Katholik will schon eine Bischofskonferenz leiten, die sich zankt wie eine Schar Marktweiber oder ein protestantisches Kirchenparlament? Und wie hätte schließlich Klinsmann in dieser Karwoche keinen Kurzschluss (beginnt auch mit K) haben können, wo doch auch überall sonst in Berlin aus Sorge um den Abstieg zur Kapitulation geblasen wurde?

Beim M flutscht es noch nicht so wie beim K

Doch einen Felsen gab es, der dieser Flüchtlingswelle widerstand: die Kanzlerin. Selbst ein Schwergewicht wie Kohl hätte in diesem reißenden Strom ziemliche Schwierigkeiten mit der Standfestigkeit gehabt. Sein Mädchen heißt aber eben Merkel und genießt somit die Gnade der späteren Stelle im Alphabet. Sie konnte also dem Zug der Kemminge vollkommen entspannt zusehen. Außerdem hat sie das Kanzleramt seit ihrer Vertreibung aus dem Konrad-Adenauer-Haus zu einer festen Burg ausgebaut, an deren Mauern alle Rücktrittsforderungen zerschellen.

Und, war das falsch? Die spektakuläre K-Kettenreaktion könnte doch listige Köpfe in der CDU auf den Gedanken bringen, das Buchstaben-Rücktritts-Voodoo auch mal beim M zu probieren. Oder sollte es wirklich reiner Zufall sein, dass Merz gerade jetzt von seinem lukrativen Posten bei Blackrock zurücktrat? Wer Deutschland helfen will, muss Opfer bringen. Bisher wäre es freilich umsonst gewesen. Beim M flutscht es noch nicht so wie beim K. obwohl Merkel immerhin eine geborene Kasner ist.

Das finden selbst Leute beruhigend, von denen man das nicht unbedingt erwarten würde. Als AKK ihren Rückzug ankündigte, sah man die besorgtesten Mienen nicht bei ihren Parteifreunden, sondern bei den Sozis. Der Gedanke, dass danach auch Merkel in den Sack hauen könnte, trieb den Genossen geradezu den Angstschweiß auf die Stirn. Denn wie sagte NoWaBo im ZDF: „Niemand weiß, in welche Richtung die SPD, äh CDU mit einer neuen Führung geht.“ Bei Merkel ist es aber wie bei Persil – da weiß man, was man hat. Und was nicht.

Auch die Grünen haben, jetzt, da es langsam ernst wird, gehörigen Respekt vor dem Job im Kanzleramt. Winfried Kretschmann warnte seine Freundinnen und Freunde, bloß nicht zu glauben, sie könnten die CDU ersetzen. Das gelänge ihnen nicht einmal bei der SPD (!): „Da würden wir uns gewaltig übernehmen.“ Da muss man sich jetzt aber doch doppelt wundern, dass noch keiner Kretschmanns Rücktritt gefordert hat – der Mann heißt, wir wiederholen es noch mal, Kretschmann mit K und hat gesagt, die Grünen könnten es nicht.

Das macht uns jetzt doch Hoffnung, dass der Fluch, der auf dem K liegt, nicht ganz so nachhaltig ist wie befürchtet. Andererseits gibt es offenbar auch ein Leben nach dem Rücktritt. Die meisten der jetzt Zurückgetretenen sehen sogar richtig fröhlich aus. Denn sie haben nun ja größere Bewegungsfreiheit und können endlich auch einmal mit voller Kraft zurücktreten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kohler, Berthold
Berthold Kohler
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