Fraktur

Der Mann, den sie Zugpferd nannten

Von Berthold Kohler
16.10.2021
, 10:59
Scheut und bockt: Manchmal ist das Pferd ein Esel.
Unglaublich – die Junge Union hat Söder abgehalftert. Da dürfen sich die Rampensäue nicht wundern, dass er nun bockt.
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Wer immer nur darauf schaut, ob eine Ampel wirklich gleichzeitig Rot, Gelb und Grün zeigen kann, verpasst leicht noch Unglaublicheres. Solches hat sich vor einigen Tagen im niederbayerischen Deggendorf ereignet. Danach hätte auch der Rest der Republik mindestens für einen Moment stillstehen müssen: Die Parteijugend der CSU strich auf ihrer Landesversammlung Markus Söder.

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Ja, Sie haben richtig gelesen. Er wurde herausradiert aus einem Beschluss, in dem es hätte heißen sollen, es sei nun an der Zeit, „ein schlagkräftiges, frisches Team hinter unserem starken Zugpferd Markus Söder zu bilden“. Die Junge Union tilgte aus dem Antragstext nicht nur Markus und Söder, sondern auch noch das starke Zugpferd. Und das nicht etwa mit einer schlappen Zustimmung von 30 plus x Prozent, wie sie der CSU in der jüngsten Bundestagswahl zuteilwurde, sondern mit einer satten Dreiviertelmehrheit (in Zahlen: 75 Prozent).

Unter dem Ochsensepp unvorstellbar

Ja, sind die jungen CSUler denn verrückt geworden? Eine solche Abneigung gegen kraftstrotzende Zugtiere hätte es unter dem Ochsensepp nicht gegeben! Der Mann, den sie Pferd nannten, ist doch eindeutig der beste Hengst im Stall. Was soll denn heißen, seine „One-Man-Show“ müsse aufhören? In der CDU wären sie froh und glücklich, wenn sie einen Alleinunterhalter hätten. Das Problem der Stiefschwesterpartei ist ja, dass es in ihren Reihen zu viele davon gibt. Wenigstens in Hochländern wie Schottland und Bayern aber hält man sich noch an die alte Highlander-Regel: Es kann nur einen geben.

Was erlauben JU, kann man also nur rufen. Da sägen diese Gören so schmutzelnd an Söders Stuhl wie er seinerzeit am Sessel Seehofers. Kein Wunder, dass das abgehalfterte Zugpferd nun schmollt, scheut und bockt: Söder fährt nicht zum Deutschlandtag der Jungunionisten nach Münster. Wäre ja noch schöner. Undankbare Bande! Wo wären CDU und CSU denn gelandet, wenn Söder Laschet im Wahlkampf nicht aus vollem Herzen, nicht mit aller Kraft und gänzlich ohne Groll unterstützt hätte! Genau: wieder in der Regierung. Und das kann man der Union in der Tat nicht mehr zumuten, seit man weiß, wie es wirklich um sie bestellt ist.

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Dank und Respekt erfährt in der CDU derzeit ja nur, wer zurücktritt. Laschet kann schon froh sein, wenn von ihm im Zuge der Entlaschetisierung der Partei nicht auch noch verlangt wird, die Bergmannsmarke abzugeben, mit der er die tausendundein Delegierten des Parteitags verhext hatte. Eigentlich müssten die doch jetzt dem Vorbild des Vorstands folgen und ebenfalls geschlossen zurücktreten nach ihrer katastrophalen Vorentscheidung. Und dann natürlich auch all die Vollpfosten, die diese Delegierten gewählt hatten. Wie gut, dass künftig bei der CDU die Basis das Sagen hat!

Der wahre Kanzler Kurz kommt sicher wieder

Einstweilen können die Unionsparteien aber nur voller Neid verfolgen, wie ihre Cousine in Österreich, also die Kurz-Partei (vormals ÖVP), mit ihrer Krise umgeht. Krise? Welche Krise? Kurz trat ja nicht wirklich zurück, sondern ausdrücklich nur zur Seite, ins Parlament. Der einzig wahre Kanzler kommt sicher wieder, wenn endlich die letzte SMS gelöscht ist. Bis dahin macht sein Parteifreund Schallenberg für ihn den Medwedjew. Nach so einer treuen Seele hätte Laschet in der CDU lange suchen können.

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Aber wie geht es jetzt mit Söder und den jungen Leuten in der Union weiter, auf die sich doch alle Hoffnungen richten? Söder war lange genug selbst Vorsitzender der JU in Bayern, um zu wissen, dass man als solcher immer ein Trachtenstilett in der Lederhose hat, mit dem sich zur Not auch lahmende Gäule erlösen lassen, wenn die Qual zu groß wird.

Kuban dachte wahrscheinlich an sich selbst

Auf Tilman „die Rampensau“ Kuban, den Vorsitzenden der außerbayerischen JU, kann Söder sich ebenfalls nicht mehr bedenkenlos verlassen. Schon als Kuban noch schwärmerisch forderte, dass auch Deutschland einen Kurz brauche, dachte er wahrscheinlich nicht mehr an Söder, sondern eher an sich selbst.

Franz Josef Strauß, dessen Enkel Söder gerne wäre, würde, müsste er all das noch erleben, wahrscheinlich sagen: Sic transit gloria Bavariae.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kohler, Berthold
Berthold Kohler
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