Fraktur

Sehr, sehr gerne

Von Timo Frasch
02.01.2021
, 12:13
Durch Corona sind auch normale Bürger immer häufiger auf dem Bildschirm, etwa in Zoom-Konferenzen. Sie können dabei viel vom öffentlich-rechtlichen Fernsehen lernen.

2020 war kein gutes Jahr, nicht einmal für das öffentlich-rechtliche Fernsehen. Es fing an mit dem „Umweltsau“-Song und war mit der Debatte über den Rundfunkbeitrag längst nicht zu Ende, denn es kamen ja noch Kerner und Kiwi am Brandenburger Tor. Dabei kann man sich unglaublich viel von den Öffentlich-Rechtlichen abschauen. Zum Beispiel die sogenannten Andrehbilder. Bevor ein Politiker etwas in die Kamera sagt, muss er etwas tun, was beim Fernsehen für politikertypisch gehalten wird: mit einer Akte unterm Arm, die sonst der Referent von den Jusos oder der Jungen Union trägt, einen Gang entlang federn oder geschäftig über ein Smartphone wischen.

Das Tolle daran ist, dass man den Leuten auf diese Weise sehr nahe kommt, etwa ihren Fingern, die, wie Robert De Niro in „Große Erwartungen“ sagt, die eigentlichen Fenster zur Seele sind. Angela Merkel hat kleine Finger und kurze Nägel. Wenn man meint, sie habe ihren Job in den vergangenen 15 Jahren gut gemacht, dann sollte man ihn nicht unbedingt Armin Laschet oder Friedrich Merz geben, denn der eine trägt öfter mal längere Nägel, der andere hat so lange Finger, dass sie kaum Platz finden, wenn er sie, um Entschlossenheit zu zeigen, zur Faust ballt.

Noch näher kommt man Politikern nur bei den Talkshows der Öffentlich-Rechtlichen, und zwar gleich am Anfang, wenn sie vorgestellt werden. Die Sekunden, in denen sich die Kamera wie ein Landminendetektor an ihr Gesicht herantastet, während der Moderator Sachen sagt wie „Er ist der George Clooney der deutschen Politik. Das Gesicht eines Kanzlers hat er. Aber hat er auch den Kopf dazu?“, mögen dem jeweiligen Politiker vorkommen wie Stunden – als Zuschauer kann man sich gar nicht satt daran sehen. Man wird Zeuge, wie Politiker an der falschen Stelle nicken, weil sie es gewohnt sind, im Zweifel irgendetwas zu tun statt nichts, oder wie sie dezent lächeln, um zu zeigen, dass es selbst in diesen Zeiten Grund zu „Hoffnung“ (M. Söder) gibt. Leider vergessen viele, dass ihre Unterlippe nicht mehr die Spannkraft von Dreißigjährigen hat. Allzu oft sieht man daher an ihren freigelegten unteren Zahnreihen, ob sie zur Pizza-Connection gehören oder eher zu Grün-Rot-Rot neigen, zumindest kulinarisch.

Auch bei Interviews in den großen Nachrichtensendungen sind es nicht die Interviews selbst, die am meisten Aufschluss über die Interviewten geben. Vielmehr ist es die Erwiderung des Abschiedsgrußes, der üblicherweise lautet: „Ich danke Ihnen für das Gespräch.“ Antwortet der Politiker „Ich danke Ihnen!“, dann hat es etwas Übertriebenes, aber auch Beschwingtes, man vermittelt dem Zuschauer, der während des Gesprächs, weil er mit dem Kind oder der Partnerin gespielt hat, nur halb bei der Sache war, den Eindruck, man verlasse den Platz als Sieger. Beliebt ist auch „Gerne!“, es wirkt allerdings schnell so gönnerhaft, dass viele Abgehängte zu Hause auf dem Sofa brüllen werden: „Was heißt hier gerne? Das ist dein Job, du Penner!“ Um dies zu vermeiden, kann man auch nur nicken – auf die Gefahr hin, dass diese Form des Understatements als Gipfel der Arroganz angesehen wird. Auf eine Geste jedoch wird man nicht so schnell festgenagelt wie auf ein freundliches Wort, das, wenn es zwischen Journalist und Politiker fällt, im Volk schnell Mutmaßungen weckt, dahinter verberge sich ein zionistischer Kinderschänderring.

Warum das alles wichtig ist? Weil wir heute ja alle ständig im Fernsehen sind, zumindest potentiell. Während man sich früher bestenfalls mal beim Betreten eines Supermarkts im Überwachungsbildschirm sah, geht man heute selbst als Mann stets mit leichtem Make-up und Signature-Mund-Nasen-Schutz aus dem Haus, weil die Wahrscheinlichkeit, dass einen ein Fernsehreporter zum Lockdown interviewt, sehr hoch ist. Was früher die Mitgliedschaft im Sportverein war, ist heute ein eigener Podcast. Es soll schon mehr Podcaster als Zuschauer und Zuhörer geben. Wer da noch nicht auf der Höhe der Zeit ist, der sieht sich regelmäßig als Teilnehmer einer Videokonferenz auf dem Bildschirm. Hier gilt es nicht nur die richtigen Bücher hinter sich im Regal zu haben, sondern auch die richtigen Worte in petto. In diesem Sinne: War uns eine Ehre, bleiben oder werden Sie gesund, sehr, sehr gerne, Ihr tifr.

Quelle: F.A.Z.
Timo Frasch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Timo Frasch
Politischer Korrespondent in München.
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