Fraktur

Unionsvölker, hört die Signale!

Von Berthold Kohler
16.04.2021
, 17:07
Nach Söders Diagnose ist die CDU-Führung taub wie eine Nuss. Die Schwesterpartei der CSU braucht eine Abteilung Horch und Guck.

Wir müssen es jetzt doch einmal zugeben: In Sachen Wehrpflicht haben wir uns so überrumpeln lassen wie die Nato, als Putin die Krim überfiel. Das erste Mal schon bei der Einberufung zu den Gebirgspionieren. Während wir in Kniebundhosen Minen über Moränen schleppen mussten, durften unsere Schulkameraden ihre vaterländische Pflicht als Schreibstubenhengste in der Sanitätstruppe oder als Ordonnanzen bei den Herren der Lüfte erfüllen.

Noch einmal leimen ließen wir uns dann bei der späteren Abschaffung der Wehrpflicht. Die hat uns allen der damalige Verteidigungsminister mit dem Argument verkauft, sie werde doch nur „ausgesetzt“. Zu unserer Verteidigung können wir bloß anführen, dass dem CSU-Mann, der damals als die größte, aber auch schon letzte Hoffnung der Konservativen in Deutschland galt, von allen alles geglaubt wurde.

Mittlerweile zweifeln wir aber auch daran, dass die Wehrpflicht jemals wieder „eingesetzt“ werden könnte. Wie auch? Auf dem Gelände unserer alten Kaserne stehen keine Munitionsbunker mehr, sondern Reihenhäuser mit vorbildlicher Wärmedämmung.

Die Horchposten wurden zu früh geschleift

Zu früh geschleift wurden auch die schöne Türme auf den Gipfeln der deutschen Mittelgebirge, in denen man mithören konnte, welche Pläne im Ostblock geschmiedet wurden. Gäbe es die Horchposten noch, dann wüssten wir vielleicht nicht nur, was Putin diesmal mit seinen Panzern an der Grenze zur Ukraine vorhat.

Dann wäre wohl auch früher klarer geworden, dass die CDU-Basis ihren Parteivorsitzenden Laschet für einen Loser und den Söder-Markus für die Rettung hält. Davon hatten offenbar selbst die kompletten Führungsgremien der CDU nicht die geringste Ahnung. Deswegen empfahl ja auch die derzeit letzte Hoffnung der Konservativen, natürlich wieder aus den Reihen der CSU stammend, den Führungskräften in der Schwesterpartei dringend, sie sollten „breit in die CDU hineinhorchen“.

Breit? Uns Bundeswehrfunkern war Alkohol am Gerät streng verboten. Bestimmt meinte Söder „breitbeinig“. Aber reicht das? So taub, wie Vorstand und Präsidium der CDU nach Doktor Söders Diagnose sind, also wie eine Nuss, wäre es doch ratsam, dass sie selbst die Beobachtung ihrer Partei durch den Verfassungsschutz beantragten. Mindestens aber braucht die CDU eine eigene Abteilung Horch und Guck.

Söder muss nur in sich selbst hineinhorchen

Söder hat es da einfacher. Anders als im Falle Laschets gilt für den CSU-Vorsitzenden ja: Die Partei, das bin ich. Er muss daher nur in sich selbst hineinhorchen, wenn er wissen will, was die CSU denkt. Und wenn er ihr das dann sagt, stehen seine Parteisoldaten stramm wie damals wir Rekruten in der Karfreit-Kaserne und rufen wie ein Mann: Jawoll, Chef! Und danach, wie im Feldgottesdienst auf dem Hochgebirgsübungsplatz: Dein Wille geschehe!

So sieht sie aus, die „modernere Form der Demokratie“, die Söder den Brüdern in der Schwesterpartei erklären musste, weil die offenbar noch nicht ganz auf der Höhe der Zeit sind: „Nicht zehn, zwanzig, dreißig Leute“ entscheiden in einem „kleinen Hinterzimmer“ – sondern nur einer. Oder, wie bei den ebenfalls schon ziemlich modernen Grünen, höchstens zwei. Habeck und Baerbock führen ihren Laden inzwischen so straff und stramm von vorne, dass man schon verstehen kann, warum Söder sich stärker zu den Grünen hingezogen fühlt als zu dieser renitenten Gurkentruppe namens CDU.

Und wie sagt doch der autoritäre Volksmund: Wer nicht hören will, muss fühlen. Parteivölker der Union, hört also lieber die Signale aus München: Wer sich nicht einmal von Horst Seehofer stoppen ließ, lässt einem Armin Laschet nicht einfach so den Vortritt. Da kann auch Seehofer jetzt leiden, wie er will.

Ein fränkischer Kraftmensch wie Söder imponiert sich und den Leuten einfach sehr in Zeiten, in denen selbst Landkreise wie das Saarland nicht mehr auf die Kanzlerin hören. Die können sich schon mal warm anziehen, die Saarländer, wenn Söder Kanzlerkandidat wird. Denn dann ist sein Einzug ins Kanzleramt ja so sicher, dass wir uns die Wahl im September eigentlich sparen können. Wir leben schließlich in einer moderneren Demokratie. Zumindest haben wir das kürzlich irgendwo gehört.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kohler, Berthold
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