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Fraktur

Zum Fürchten

Von Berthold Kohler
 - 16:50
So reiten die Deutschen: Wenn wieder einmal eine Sau durchs Brandenburger Tor getrieben wird

Was waren das noch für Zeiten, als wir Deutsche Gott fürchteten, aber sonst nichts auf der Welt! Die Angst vor dem Herrn haben wir ja inzwischen weitgehend überwunden, doch jetzt fürchten wir uns vor ziemlich allem anderen: dass die Welt zu warm wird (rein meteorologisch gesehen) und sozial zu kalt, dass die Griechen an unsere Sparbücher herankommen und dass Horst Seehofer doch noch Bundeskanzler wird. Am meisten aber fürchten wir uns immer noch vor uns selbst.

Und, haben wir nicht allen Grund dazu, nach wie vor? Eine halbe Million Deutsche mit aufgepflanzten Fahnen und in Kriegsbemalung vor dem Brandenburger Tor, das war schon ziemlich furchterregend. Vor allem, weil die Menge im Siegestaumel jede Frage des „Moderators“ mit einem frenetischen „Ja!“ beantwortete. Du liebe Güte, man stelle sich nur vor, was dieser Einpeitscher angesichts des „totalen Wahnsinns“, der nach dem Endspiel ständig und überall festgestellt wurde, alles hätte fragen können! Schließlich war man ja in Berlin. Selbst noch Wowereit hatte ein Uniformhemd der Nationalmannschaft an, auch wenn es um den Bauch herum ein wenig spannte.

Und man sieht ja, wozu solche Massenaufmärsche unsere sonst so weltmännischen Jungs verführen können. Gut, Großkreutz hat nicht ans Tor gepieselt (es gab ja auch vorher extra eine Pinkelpause bei einem nahegelegenen Sponsor). Aber was sich unsere anderen großdeutschen Spieler da geleistet haben, das war doch wieder Kroosmannssucht in Reinkultur: Veräppeln da von ihrem hohen Ross herunter die Gauchos – zum Glück ist der Held von Solferino, äh Rio dafür nicht auch noch auf die Quadriga gestiegen. Wie geschichtsvergessen ist das denn! Normalerweise hieße es jetzt im perfiden Albion: „Ausgerechnet die Hunnen wollen sich über ein Volk lustig machen, das besser reiten als gehen kann? Deutsche, bleibt bei euren Panzern!“ Diesen Rat müssen wir uns dieses Mal aber selbst geben, weil die Briten uns schlecht dafür kritisieren konnten, dass wir Argentinien geschlagen haben.

Doch was sollte eigentlich das triumphierende „So siegen die Deutschen!“? Aus allerhöchstem deutschen Munde haben wir doch gehört: „Das war ein Nervenspiel, ich habe so gezittert und gebebt und mich gefragt: Wo ist die Mannschaft, die Brasilien 7:1 niedergemacht hat?“ Jawoll, so war es, niedergemacht! Dennoch müssen wir diesen Ausdruck natürlich empört zurückweisen, selbst wenn er aus dem Munde eines protestantischen Pfarrers stammt. Löw ist doch nicht Cortés. Und wenigstens Südamerika haben wir nie besetzt. Zum Glück hat außer uns noch niemand das Gauckgate vor dem Gauchogate bemerkt.

In jeder Hinsicht angemessener wäre es gewesen, hätte unser Präsident in der 113. Minute ausgerufen: „Welch eine Wendung durch Gottes Fügung!“ Aber halt, das telegraphierte schon der preußische König Wilhelm nach der Schlacht von Sedan an seine Frau, und die Wiederverwendung eines Satzes aus der Zeit, in der wir Kriege noch gewonnen haben, würde das von uns in vielen Welt- und Europameisterschaften mühsam aufpolierte Bild von den guten deutschen Verlierern ja gänzlich ruinieren.

Hat sich denn wirklich nie jemand gefragt, wie es uns wider Erwarten gelang, in der Welt so beliebt zu werden? Das liegt nicht allein daran, dass unsere Kicker mit Migrationshintergrund die Nationalhymne nicht mitsingen, die – BBC, aufgepasst! – übrigens schon eine Weile nicht mehr mit der Zeile begonnen wird „Deutschland, Deutschland über alles“. Nein, für unsere Popularität gibt es einen noch wichtigeren Grund: Wir haben seit der Wiedervereinigung bei Weltmeisterschaften einfach immer rechtzeitig verloren, obwohl der „Kaiser“ (schon wieder so eine versteckte Glorifizierung des preußischen Militarismus) uns auf Jahre Unbesiegbarkeit attestiert hatte.

Wenn wir uns dieses Zusammenhangs auch bei der jüngsten WM entsonnen hätten, dann wäre uns die mittelmäßige Revue-Nummer vor dem Tore erspart geblieben – der DFB will ja nur noch öffentlich feiern, wenn es ein Land gibt, das wir öffentlich demütigen können. Unsere Fußballer hätten wieder deprimiert wie die Gauchos in den Urlaub gehen dürfen. Und wir restlichen Deutschen hätten uns weiter daran erfreuen können, was für herrlich verklemmte, humorlose und bis in die Haarspitzen hinein politisch korrekte Weltbürger wir doch sind. Also richtig zum Fürchten.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Kohler, Berthold
Berthold Kohler
Herausgeber.
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