Die FAZ.NET-Nachrichten-App
Kostenlos für iOS und Android
Fraktur

Putins Amateure

Von Berthold Kohler
04.09.2020
, 15:36
Sturm auf den Reichstag: Berlin 1945? 2020? Mitnichten: Russland 2017. Bild: Picture-Alliance
Was für ein Sauhaufen: Die Reichsbürger könnten in Russland lernen, wie man den Reichstag richtig stürmt.

Täuscht es? Oder nehmen wirklich die Ereignisse zu, bei denen Otto Normalbetrachter weniger denn je weiß, ob er lachen oder weinen soll? Vor dieser Entscheidung steht man jedenfalls nicht mehr nur, wenn Donald Trump den Mund aufmacht. Auch die Tumulte am Reichstag stürzten uns in ein Wechselbad der Gefühle. Der Empörung über die unerhörte Tat folgte – zunächst – eine gewisse Genugtuung darüber, dass Deutschland noch Helden hat und diese wieder ohne schlechtes Gewissen feiern kann. Sogar vom Bundespräsidenten wurden die drei Beamten empfangen, die sich am Portikus in die Bresche warfen, um die sogenannten Reichsbürger abzufangen, die gegen die Tore brandeten wie zuletzt die Rotarmisten. Doch, dieser Vergleich ist berechtigt. Bei der Reichsbürgerwehr handelt es sich, wie ihre Ergebenheitsadressen vor der russischen Botschaft zeigten, zweifellos um Putins fünfte Kolonne.

Andererseits ist es auch wieder enttäuschend, dass die neue APO gegen die Merkel-Diktatur nicht mehr aufzubieten hat als diese verlotterte Truppe, die auf der Reichstagstreppe noch nicht einmal eine einheitliche Fahnenparade hinbekam. Von bekennenden Reichsbürgern hätten wir, zumal kurz vor dem Sedan-Jubiläum, ein zackigeres Auftreten erwartet. Doch nicht wenige von ihnen hingen auf den Stufen herum wie bekiffte Althippies auf einem linksgrün versifften Happening. Aufgeputscht wurden diese Sturmtruppen von einer Heilpraktikerin aus der Provinz, die weit entfernt ist von der revolutionären Eleganz Sahra Wagenknechts. Seit der Rede dieser Widerstandswalküre mit wallender Mähne wissen wir aber immerhin, dass auch Bachblüten zu den Halluzinogenen gehören müssen.

Und so einem Sauhaufen gelang es beinahe, ins Allerheiligste der deutschen Demokratie vorzudringen? Wenn Putin Ernst macht und nicht nur die Amateure, sondern seine grünen Männchen schickt, sollten wir also lieber gleich die weiße Fahne hissen. Sie halten diese Gefahr für übertrieben? In einem Patrioten-Park hat der Kreml erst vor drei Jahren einen nachgebauten Reichstag mit viel Wumms stürmen lassen – damit die Jugend wisse, wie man im Krieg ein Gebäude besetze. Dort könnten auch unsere Reichsbürger lernen, wie man das richtig macht.

Dennoch scheinen schon die Szenen vom vergangenen Wochenende über die Bundeshauptstadt hinaus Handlungsdruck erzeugt zu haben. Nur drei Tage danach stellte jedenfalls die Hamburger Gesundheitssenatorin Melanie Leonhard die Wiedereröffnung von Institutionen in Aussicht, die in der Freien und Hansestadt zweifelsohne systemrelevant sind: des Fischmarkts und der Bordelle. Nachdem man gesehen hatte, was in Berlin geschah, will Hamburg offenbar nicht warten, bis ein hormongestauter Reichsbürgerschwall sich in die Herbertstraße ergießt und mit dem Ruf „Bismarckheringe für alle!“ auch noch den Fischmarkt sturmflutet.

Dort sorgt zum Glück schon die Ware dafür, dass man nicht zu nahe mit der Nase herangeht. Wie aber wird das Schutzkonzept aussehen, das die Wiederzulassung der Prostitution ermöglichen soll? Bei diesem Gewerbe handelt es sich, wie die Senatorin ihre Mitbürger aufklärte, um „eine sehr, sehr, sehr körpernahe Dienstleistung“. Ob im Hamburger Rathaus schon das Kamasutra durchgeblättert wird, um festzustellen, bei welchen Varianten dieser Dienstleistung ein Mindestabstand von anderthalb Metern möglich ist? Am Ende kommen wir vom Regen in die Traufe, und die Krankenhäuser füllen sich mit Bandscheibenvorfällen und Meniskusrissen.

Das hätte sich gerade eine Heilpraktikerin überlegen müssen, bevor sie leichtfertig zur Eroberung einer Treppe bläst, auf der Weltgeschichte geschrieben wurde. Welche Macht Bilder haben, weiß man doch schon seit dem Sturm auf die Bastille und den Flüchtlingsselfies mit Merkel. Aber jetzt kommt der Knaller: Das Schauspiel am Reichstag soll, wie uns ein Leser schreibt, in Wirklichkeit vom Establishment inszeniert worden sein, um die Berliner Demonstration insgesamt zu diskreditieren! Dann wären ein paar hundert gutgläubige Reichsbürger also voll auf das System hereingefallen. Und schon wieder fragen wir uns: lachen oder weinen?

Quelle: F.A.Z.
Berthold Kohler
Herausgeber.
Verlagsangebot
Leitung Insolvenzbuchhaltung (m/w/d)
über Dr. Maier + Partner Executive Search GmbH
Senior Project Manager (f/m/d)
Frankfurt School of Finance & Management gGmbH
Vorstandsmitglied (m/w/d) Privatkunden
Sparkasse Osnabrück über ifp - Personalberatung Managementdiagnostik
Rektorin / Rektor (w/m/d)
THU Technische Hochschule Ulm
Verlagsangebot
Verkaufen Sie zum Höchstpreis
Lernen Sie Englisch
Pflegeimmobilien als Kapitalanlage der Zukunft
Anschluss- finanzierung schützt vor Zinsexplosion
Gas vergleichen und sparen
Ihre Weiterbildung im Compliance Management