Muammar al Gaddafi

„Bruder Oberst“ aus einer anderen Welt

Von Wolfgang Günter Lerch
20.10.2011
, 17:38
Gaddafi bei einem Gipfeltreffen in Gambia im Jahr 2006
Muammar al Gaddafi trat wie andere Staatschefs seiner Zeit an, um die arabische Welt in die Moderne zu führen. Doch der Aufbruch mündete in eine brutale Diktatur. Mit dem Ausbruch der „Arabellion“ endete auch seine Zeit.
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Entmachtet war Muammar al Gaddafi schon seit langem. Nun ist er offenbar bei den Kämpfen um seine Heimatstadt Sirte getötet worden. Bis zuletzt hatte man befürchtet, der Autokrat werde seine Ankündigungen doch noch wahrmachen können und an die Macht zurückkehren - etwa mit Hilfe von Söldnern aus Schwarzafrika. Der Vorsitzende der Übergangsregierung in Tripolis, Mahmud Dschibril, hatte noch einen Tag, bevor Meldungen von der Ergreifung des gestürzten Diktators die Runde machten, vor einer möglichen Rückkehr Gaddafis gewarnt.

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Es gebe Hinweise darauf, eine Kolonne von 68 Fahrzeugen nähere sich von Südlibyen aus der Hauptstadt Tripolis. Es sei Gaddafi gelungen, etwa 12.000 Kämpfer zu rekrutieren, um abermals nach der Macht zu greifen. Unter Gaddafis Herrschaft waren viele Arbeitskräfte, aber auch Söldner aus den südlichen Nachbarländern Libyens ins Land geholt worden. Ein Teil von Gaddafis Familie hatte sich vor einiger Zeit in den benachbarten Staat Niger und auch nach Algerien abgesetzt. Von Gaddafi hatte seit dem 27. August jede Spur gefehlt.

Ein undatiertes Foto zeigt den jungen Oberst
Ein undatiertes Foto zeigt den jungen Oberst Bild: dapd

Mit seinem Sturz endete eine politische „Karriere“, die insgesamt etwas mehr als 42 Jahre dauerte und fast ständig für Gesprächsstoff in der Weltpolitik sorgte - lange Zeit wegen Gewalttaten, bisweilen wegen diplomatischer „Vermittlungsbemühungen“ in Entführungsfällen, oft aber auch aufgrund bloßer Bizarrerie. Zuletzt gaben ihm die Regimegegner, die ihn mit tätiger Hilfe der Nato stürzten, in Anspielung auf seine schwer zu bändigenden, seit Jahren schon sichtbar dunkel gefärbten Haare den abschätzigen Spitznamen „schwarzer Krollenkopf“. Gaddafis Konterfei, das zu Zeiten seiner Herrschaft allgegenwärtig in den Straßen Cafés und öffentlichen Gebäuden war, dient jetzt als Fußabstreifer - eine alte orientalische Methode, jemanden mit Verachtung zu strafen.

Gaddafi kam am 1. September 1969 an die Macht - und herrschte mehr als 40 Jahre lang
Gaddafi kam am 1. September 1969 an die Macht - und herrschte mehr als 40 Jahre lang Bild: Reuters

Am Anfang seiner Ära hatten viele Libyer den Revolutionsführer durchaus respektvoll „Bruder Oberst“ genannt. Später erwarb sich Gaddafi viele Spitznamen: Terrorpate wurde er genannt, politischer Derwisch, Irrlicht der arabischen Welt. Der frühere amerikanische Präsident Ronald Reagan nannte Gaddafi einst einen „irren Hund“.

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Dabei wusste der angebliche „Irre von Tripolis“ die meiste Zeit wahrscheinlich sehr wohl, was er tat. Angefangen hatte der am 7. oder 19. Juni 1942 in einem Zelt bei Sirte geborene Muammar al Gaddafi seinen politischen Lebensweg ganz ungestüm: als durchaus charismatischer junger Offizier, der ideologisch gewissermaßen auf der Höhe seiner Zeit war, als er nach dem 1. September 1969 an die Macht kam.

Ein Beduinenjunge aus dem Stamm der Al Gaddafa, dessen Kindheit man sich ungefähr so archaisch vorstellen muss, wie Ibrahim al Koni - der größte Schriftsteller und Dichter Libyens, vielleicht sogar Nordafrikas - in seinen Romanen und Erzählungen die Wüstenkinder darstellt. Gaddafi erlebte den kolonialistischen Einfluss der Italiener, danach den der Briten in seinem Land, wuchs in der seit 1951 bestehenden konservativ geprägten Monarchie unter König Idris I. al Senussi auf, deren eigentliches Zentrum die Cyrenaika (Qurayna) war, jener östliche Landesteil, von dem im Frühjahr dieses Jahres die Rebellion ausging, die nun zu Gaddafis Sturz führte.

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In der Armee machte er Karriere

In der Armee konnte der junge Gaddafi Karriere machen - was auch in anderen Ländern seiner Region für die unteren Schichten galt. Die sechziger Jahre des vorigen Jahrhunderts waren ein Zeitalter nationalistischer Konvulsionen und Exzesse in der arabischen Welt. Brennpunkt dieser Unruhe war Kairo, wo sich 1952 die „Freien Offiziere“ unter Führung von Mohammed Nagib und Gamal Abdel Nasser, dem Sohn eines Postbeamten, an die Macht geputscht hatten. Ihr Vorbild beeinflusste die gesamte Region: von Algerien, wo sich die Bevölkerung seit 1954 in einem blutigen nationalen Befreiungskrieg gegen die Franzosen erhob, bis nach Syrien und in den Irak, wo man den ägyptischen Offizieren und ihrer Ideologie sogar bis zur Karikatur nacheiferte, indem man Nassers Rhetorik imitierte. Damaskus und Bagdad erlebten Umstürze, die monarchistische alte Ordnung stürzte wie in Ägypten die des Königs Faruk und wurde durch einen arabisch-nationalistischen „Progressismus“ abgelöst.

Dem folgte auch der junge Gaddafi. Nasser war und blieb lange Zeit sein politisches Idol. Wie dieser Faruk gestürzt hatte, so stürzte Gaddafi König Idris. Der ging ins türkische, später ins Kairoer Exil, wo er hochbetagt starb. Der neue Mann an der Spitze des Wüstenstaates modernisierte das Land, schuf kostenlose soziale Dienste, förderte die Alphabetisierung, baute Krankenhäuser, Schulen, Universitäten, Kongresszentren. Dank der Öleinnahmen konnte der „brüderliche Führer“ aus dem Vollen schöpfen. Es wurde geklotzt, nicht gekleckert.

Der Herrscher-Clan festigt seine Macht

Doch im Falle Gaddafis wiederholte sich, was auch bei den anderen arabischen Despoten zu beobachten ist: Nach einem dynamischen Anfang, der erste Hoffnungen des Volkes durchaus befriedigt, wird die Macht zum Selbstläufer. Der Schwung der „Revolution“ erlahmt, nur noch nach außen werden die neuen Riten gepflegt, die Sprechweise aufrechterhalten. Die Macht ist konsolidiert und scheint durch nichts mehr gefährdet werden zu können. Der Herrscher-Clan festigt seine Macht - mit allen Privilegien, die in einer in vieler Hinsicht vormodernen Gesellschaft als normal angesehen werden und die in vielen Jahrhunderten der Despotie eingeübt wurden. Dem Gaddafi-Clan erging es da nicht anders als etwa den Ben Alis (Trabelsis) von Tunesien und den Mubaraks von Ägypten.

Kämpfer des Übergangsrates an dem Ort, an dem sich Gaddafi versteckt haben soll.
Kämpfer des Übergangsrates an dem Ort, an dem sich Gaddafi versteckt haben soll. Bild: AFP

In den vier Jahrzehnten seiner Machtausübung hat Gaddafi ungezählte Revolten außerhalb Libyens angezettelt, die zunächst seinem Ziel, dem Panarabismus, dienen sollten. Später wandte er sich stärker der Dritten Welt und Afrika zu, deren Zustand er verbessern wollte; vor allem ging es ihm um das Gleichgewicht in einer damals vom Westen beherrschten modernen Welt. Überall unterstützte er - in Worten und mit Geld - die Entrechteten und Unterdrückten dieser Erde oder jene, die er dafür hielt. In der Westsahara, in Tschad, im libanesischen Bürgerkrieg und bei den Palästinensern mischte er sich ein. Sogar bei den Moro-Rebellen auf den fernen Philippinen, auf Mindanao. Eine Zeitlang fanden die Vertreter der nordamerikanischen Indianer sein geneigtes Ohr, aber auch viele andere in den Ländern der damals so genannten „Blockfreien“-Bewegung.

Gaddafi bei einem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi in Rom im August 2010
Gaddafi bei einem Treffen mit dem italienischen Ministerpräsidenten Berlusconi in Rom im August 2010 Bild: REUTERS

Gaddafis „Kampf“ glitt dabei mehr und mehr in den Terror ab, den der libysche Despot als legitimes Mittel der Schwachen interpretierte und rechtfertigte. Er war Urheber der verheerenden Anschläge auf die Berliner Diskothek „La Belle“ und des weitaus blutigeren Anschlags im Jahre 1988 auf ein Flugzeug der amerikanischen Fluggesellschaft PanAm. Über dem schottischen Lockerbie wurden damals 270 Personen getötet. Das waren nur die größten Untaten, mit denen sich Gaddafi den Ruf eines „Paten des Terrors“ erwarb, den er auch nicht mehr loswerden wird. Auch die deutsche RAF gehörte zu jenen Gruppierungen, denen sein „revolutionäres“ Wohlwollen galt. 1986 flogen die Vereinigten Staaten Luftangriffe auf seine Residenz Bab al Asisija, eine Adoptivtochter, wie es hieß, wurde dabei getötet. Ein Denkmal erinnerte dort an den Widerstand Gaddafis gegen den „Imperialismus“.

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Im August, als die Truppen des Nationalen Übergangsrates die Hauptstadt erobert hatten, bedeckten sie dieses mit ihrer Flagge und streiften ungläubig durch die Flure und Folterkeller, die Gaddafi unter dem Anwesen angelegt hatte. Gaddafi hatte Amerika schon viele Jahre vor dem Luftangriff als den Weltfeind Nummer eins ausgemacht, wobei immer wieder kolportiert wurde, nichts würde ihn stolzer machen als ein offizieller Staatsbesuch in Washington. Er, Gaddafi, Seite an Seite mit dem amerikanischen Präsidenten, dem mächtigsten Mann der Erde. Moskau, dem sich der libysche Revolutionsführer annähern wollte, wusste nicht so recht, was es mit diesem erratischen Wesen und seinem Land anfangen sollte. Man versicherte Sympathie und Unterstützung, wahrte aber doch das Pathos der Distanz. Auch dem Kreml war Gaddafi nicht geheuer.

Namen hatte „Bruder Oberst“ viele: Terror-Pate, politischer Derwisch, Irrlicht der arabischen Welt; Irrer von Tripolis
Namen hatte „Bruder Oberst“ viele: Terror-Pate, politischer Derwisch, Irrlicht der arabischen Welt; Irrer von Tripolis Bild: REUTERS

Der „Bruder Oberst“ begriff sich als Schöpfer einer dritten Universaltheorie - neben Kapitalismus und Kommunismus. Die Widersprüche beider wurden nach Gaddafis Lehre in seinem Volksmassenstaat, der Volksdschamahirija, endgültig aufgelöst. Dafür stand sein der Mao-Bibel nachempfundenes Grünes Buch, das Islam und Sozialismus Gaddafi'scher Prägung verbinden sollte. Gaddafi stellte vor allem auf den Koran ab, während ihm die Scharia, das religiöse Gesetz des Islams, weniger bedeutete. Spätestens da zog er sich den Zorn aller Fundamentalisten und Islamisten zu, die ihn bis heute ablehnen, obwohl sich der Bruder Oberst als Kämpfer auch für den Islam sah.

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Auch seine weibliche Garde war den Frommen allezeit ein Dorn im Auge. Die „islamischen Revolutionäre“ in Teheran jedenfalls wussten denn auch mit Gaddafi im Grunde recht wenig anzufangen. Usama Bin Ladin war sein Todfeind. In Gaddafis Volksdschamahirija regierten die angeblich die sogenannten Volkskongresse. Doch in der libyschen Basisdemokratie herrschte Gaddafi. Geheimdienste, Zensur und Folter hielten das Land in Angst und Schrecken, viele Jahre jedoch auch zusammen.

Wie ein Geisteskranker in einer selbst installierten Phantasiewelt wirkte Gaddafi in seinen letzten Jahren
Wie ein Geisteskranker in einer selbst installierten Phantasiewelt wirkte Gaddafi in seinen letzten Jahren Bild: AFP

Zugleich gab sich Gaddafi alle Mühe, sich zum einfachen Beduinen zu stilisieren. Sein Hang zum Folkloristischen wurde im Laufe der Jahre immer grotesker. Phantasieuniformen ergänzten sich mit einem beduinischen Kleiderkodex und dem Zelt, das er aufschlug, wo immer er gerade war. Dies war Gaudi, nicht Authentizität. Dass Gaddafi zu keinem Zeitpunkt der einfache, arme, machtlose Mann der Wüste war, der zu sein er vorgab, wurde dem Volk in diesen Monaten deutlich, als es die Residenzen des Führers und seiner Familie stürmte. Man erinnerte sich der Bilder aus Bagdad, als die Iraker 2003 sich in Saddam Husseins Luxusbädern räkelten. Auch bei den Gaddafis war alles vom Feinsten, während es der Bevölkerung in den vergangenen Jahren zunehmend schlechter erging.

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Nach der Jahrtausendwende konnte man glauben, der libysche Machthaber habe sich gewandelt. Offenkundig suchte er, der sich nun auch als großer Afrikaner vor dem Herrn verstand und verstärkt Afrikaner aus dem Süden ins Land holte, seine Isolation im Westen zu überwinden. Die war - schon seines Erdöls wegen - nicht so sonderlich groß (schon gar nicht in Italien und Deutschland). Doch nutzte Washington Gaddafis Bereitschaft, auf sein geplantes Nuklearprogramm zu verzichten, zur sichtbaren Verbesserung der Beziehungen. Bevor die „Arabellion“ ausbrach und schließlich auch sein Land erfasste, konnten die Verhältnisse zwischen Tripolis und Washington sogar als einigermaßen normalisiert, möglicherweise sogar als gut beschrieben werden. Zum Italien des schillernden Silvio Berlusconi gestalteten sie sich bis fast zuletzt besonders freundschaftlich.

In der Person Gaddafis hat nun der dritte arabische Staatschef innerhalb weniger Monate seinen Thron verloren, Gaddafi sogar sein Leben. Wird das Auswirkungen auf den Nachbarn Algerien haben, zumal der einen Teil der Familie als Exilierte aufgenommen hat? Schon hat sich das Klima zwischen Algier und dem libyschen Nationalen Übergangsrat deshalb verdüstert. Gaddafis gewaltsames und unrühmliches Ende kann möglicherweise auch dazu beitragen, dass die an der Macht verbliebenen Despoten um so schrecklicher hausen, um ihre Position zu bewahren - zumal Gaddafi auch mit internationalem Haftbefehl gesucht wurde und vor Gericht gestellt werden sollte. Sie stammen aus einer Welt, die auch Muammar al Gaddafi während des größten Teils seiner Herrschaft repräsentierte.

Quelle: F.A.Z.
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