Demographie-Studie zur Einheit

Einsame Ost-Männer

Von Swaantje Marten, Berlin
02.10.2020
, 18:42
Wie hat sich die Wiedervereinigung auf den Lebensverlauf der Menschen in Ostdeutschland ausgewirkt? Eine Generation hatte mit den Veränderungen besonders zu kämpfen, zeigt eine Studie des Bundesinstituts für Bevölkerungsforschung.

Im Durchschnitt haben sich Ost und West einander in den vergangenen 30 Jahren in vielerlei Hinsicht angeglichen. Nicht nur der Osten an den Westen, sondern auch der Westen an den Osten. Während der Osten dem Westen lange wirtschaftlich hinterherhinkte, hatte der Westen beispielsweise in Sachen Geschlechtergleichstellung oder betrieblicher Kinderbetreuung aufzuholen. Doch von mancher Annäherung hat nicht jede Bevölkerungsgruppe gleichermaßen profitiert.

Die Auswirkungen variieren je nachdem, in welchem Lebensabschnitt sich eine Person zum Zeitpunkt der Wiedervereinigung befand. Das Bundesinstitut für Bevölkerungsforschung (BiB) hat die ostdeutsche Bevölkerung in einer neuen Studie zum 30. Jubiläum der Deutschen Einheit in vier Generationen aufgeteilt und untersucht, wie sich die Wiedervereinigung auf deren Lebensverlauf ausgewirkt hat.

Besonders profitieren konnten laut der Studie diejenigen, die bei der Wende bereits im Ruhestand waren, da die Renten im Vergleich zum DDR-Satz deutlich anstiegen. Auch die Einführung des westdeutschen Gesundheitssystems kam den älteren Bürgern zugute. Starben DDR-Bürger zuvor durchschnittlich drei bis vier Jahre früher als die Westdeutschen, gewannen sie nach der Wende, gerade im siebten und achten Lebensjahrzehnt, im Durchschnitt um die zwei Jahre an Lebenszeit hinzu. Deutlich schwerer hatten es diejenigen, die zwar schon im fortgeschrittenen Alter, aber noch berufstätig waren. Viele von ihnen wurden nach der Wende arbeitslos, da es ihnen schwerfiel, sich auf die neuen Bedingungen auf dem Arbeitsmarkt einzustellen.

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Am stärksten trafen die Veränderungen, die die Wiedervereinigung mit sich brachte, jedoch die Generation, die in den sechzigern, siebzigern und achtziger Jahren geboren worden war. Sie war in den Umbruchsjahren im jungen Erwachsenenalter, einem Alter in dem die Weichen für das weitere Familien- und Berufsleben gestellt werden. Viele konnten von den neugewonnen Freiheiten und Möglichkeiten profitieren, aber nicht alle. Personen, die in der DDR ausgebildet worden waren, sich nun aber in der Bundesrepublik im Arbeitsmarkt etablieren sollten, hatten oft keinen Erfolg.

So erreichte die Arbeitslosenquote der 15 bis 19 Jahre alten Männer im Osten im Jahr 2005 einen Höchstwert von 22 Prozent. Im Westen lag sie nur bei 13 Prozent. Der resultierende Stress und die Verunsicherung wirkten sich auch auf den Lebenswandel dieser Männer aus. Einer Studie des Robert-Koch-Instituts von 2015 zufolge haben Nikotin- und Alkoholkonsum in den Nachwendejahren stark zugenommen. Während die Lebenserwartung der Ostdeutschen seit der Wende insgesamt gestiegen ist, weisen ostdeutsche Männer im Alter zwischen 40 und 60 Jahren eine um 20 Prozent erhöhte Sterblichkeit auf.

Auch leben überproportional viele Ost-Männer allein. Ein Grund dafür könnte das Geschlechterverhältnis sein. In den Jahren 1991 bis 2006 wanderten mehr Frauen als Männer in den Westen ab. Das führt dazu, dass in manchen ostdeutschen Regionen heute 120 Männer auf 100 Frauen kommen.

Die Binnenwanderung von Ost nach West hat sich inzwischen umgekehrt. Seit 2018 ziehen erstmals seit 1948 wieder mehr Menschen von West nach Ost als andersherum. Die populärsten Zuwanderungsgegenden sind dabei die Gebiete um Berlin und Potsdam.

Quelle: FAZ.NET
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