Frankfurter Zeitung 01.09.1930

Ausländische Touristen erkunden Deutschland

01.09.2020
, 13:24
Urlaubsreisen sind meist noch der Oberschicht vorbehalten. Auf dem Münchner Odeonsplatz tummeln sich neben britischen auch immer mehr amerikanische Pauschaltouristen. Doch die Deutschen betrachten sie kritisch.

Die Amerikaner sind die Ausländer. Gegen diese allgemein übliche Identifizierung werden sie selbst nichts einwenden, weil sie einen Rekord konstruiert. Sie sind ja auch tatsächlich in der Ueberzahl. Im Juni waren 21.820 Ausländer in München und 6.503 Amerikaner darunter. Dieses Drittelkontingenz tritt mehr in den Vordergrund, als seine numerische Stärke rechtfertigt.

Schuld daran ist das, sagen wir, etwas auffallende Benehmen, das Auftreten in Trupps, die bewusste und unterbewusste Liebe zum Dollar, die den Ein heimischen immer lieber einen Amerikaner vermuten läßt, als sonst wen, und schließlich auch die Verwechslung mit Engländern. Seit zwei Jahren nämlich kommen die Engländer wieder zu uns, das ehemals klassische Reisevolk, und man sieht mit einigem Staunen, daß aus den 691 Engländern im Juni 1929 dieses Jahr 2.771 geworden sind, Hier sei noch gesagt, daß die Zahl der Holländer in ähnlicher Wiese zugenommen hat und auch die der Franzosen.

Was diese Amerikaner in München treiben? Ja, die meisten treiben überhaupt nichts, sie werden getrieben. Die „party“ ist vom Reisebüro zusammengestellt, auf München trifft nicht allzuviel Zeit, die wird ausgenützt. Eine Rundfahrt verschafft den Aspekt der Stadt, der jetzt zur Reisezeit nicht ganz echt ist; an einigen Stunden des Tages gerät der Verkehr in ein geradezu großstädtisches Tempo. Das Deutsche Museum kommt daran und die Residenz. Verantwortlich für die Auswahl der Sehenswürdigkeiten ist das Mitglied einer Reisegesellschaft nicht, wohl aber der Alleinreisende.

So entdecken Amerikaner deutsche Kunst und Kultur

Nein, ins Schauspiel geht er trotz Bassermann, Schiller und Pallenberg nicht gern. Lieber noch ins Totenmal; da wird nicht so viel gesprochen, was er nicht versteht. Der Glaspalast wird durchgearbeitet, eine Leistung übrigens bei 3.000 Bildern (auch wenn alle gut wären!) Wagner- und Mozartfestspiele; darüber gehen die Kritiken auseinander. Welche kommen von Bayreuth und sind hochmütig und an anderen bemerkt der echte Musiker mit Schrecken, daß sie schon vor dem letzten Takt stillos zu klatschen beginnen.

Die „Kirchlichen Kunstschätze aus dem Mittelalter“ sieht man sich an und die Sammlung Thyssen. Das mit der Prohibition ist so eine Sache. Wenn da eine Familie im Pschorrbräu sitzt und, fünfköpfig, den Nachmittag bei einer Maß verbringt – was vorkommt – dann spielt vielleicht auch der Gedanke an das Verbot mit. Warum sollen nicht einige Babbits unter dem Taufenden sein, die ihrer Stadt Zenith auf ein paar Tage entronnen sind? Unsere fürchten Spitzel unter den Landsleuten und wieder andere…

…nicht nur wenige, fast alle, sparen. Sie bezahlen dem Reisebüro die verlangte Summer für die gesamte Tour und bekommen dafür alles: Fahrt, Uebernachtung, Verpflegung, Oberammergau, Museen, Führungen, also Deutschland zu sehen. Für weitere Bedürfnisse genügen ein paar Dollar. Man versichert, die meisten Amerikaner hätten außer der Teilnehmerkarte für die party nur noch 20-25 Dollar dabei, kaum einer hat die Absicht, in Europa ein luxuriöses Leben zu führen. Warum auch? Die Reise ist ein wohlüberlegtes Geschäft und ein anstrengendes Geschäft obendrein.

Da in USA die Trinkgeldsitten anders sind als bei uns, oder der Reisende glaubt, auch das habe Took geregelt, gibt es im Hotel und noch mehr im Restaurant öfter enttäuschte Gesichter. Freilich hat jeder den drastischen Witz des Bildes verstanden, das zu Beginn der Saison irgendwo ausgestellt war: Im Auto zieht der Amerikaner in München ein und hinter ihm rollt ein Wagen mit schweren Dollarfäden. Aber, nicht wahr, ganz im Stillen hat man doch an Rockefellers großzügige Stiftungen und ähnliches gedacht.

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Rückwirkungen mit denen man gerechnet hat. Selbstverständlich war Oberammergau die große Hoffnung. Das Passionsdorf selbst ist zufrieden, München nicht ganz. Allerdings übernachteten schon im Mai 6.000 Ausländer mehr als im vorigen Jahr. Aber die Rast der Passionsspielbesucher in der Hauptstadt ist meist sehr kurz bemessen. Manche gehen bloß von einem Bahnhof zum anderen; die Ausländer übernachten zwar, aber nicht öfter als nötig. So wird die Hotelfrequenz innerhalb der Woche äußerst unregelmäßig. An den Tagen vor und nach dem Spiel ist wirklich alles überfüllt, an den Zwischentagen kann man leicht unterkommen.

Ein Faktor hat sich eingeschaltet, mit dem man nicht gerechnet hat: der Regen. Seither hat der stoßweise Betrieb in den Hotels sich ausgeglichen, die Hälfte sind stationärer und das Alpenland beginnt zu verzweifeln.

Eine zweite Quelle ist Bayreuth. Auf Bayreuth haben die vernehmen Hotels gesetzt und diese Kommen auf ihre Rechnung. Sie sind voll Lob über die Qualität ihrer Gäste. Deren Zusammensetzung weicht vom Durchschnitt ab: 70 Proz. Ausländer, unter ihnen 40 Proz. Amerikaner.

Ist der Fremdensommer die große Pleite, wie die Pessimisten sagen? Wer normal dachte, wußte, daß die Fremden nicht kommen, um Kunstwerke und Schmuck und weiß Gott was waggonweise zu kaufen. Aber er erwartet doch, daß die großen Attraktionen des Jahres 1930 mindestens ebenso viele Fremde anlocken würden wie im letzten Jahr. Die Rechnung stimmt nicht. Mehr Ausländer sind da, aber die Deutschen sind ausgeblieben. Im Juni 1929 waren 97.635 polizeilich gemeldet, im Juni 1930 90.769.

Die objektiv unberechtigte Furcht vor Oberammergau-Preisen mag abgeschreckt haben oder die Angst vor Ueberfüllung. Daraus erklärt sich vielleicht, daß der billigere Bayrische Wald und das Fichtelgebirge gar keine schlechte Fremdenziffer haben.

Im Grund aber weiß man nur zu gut, daß Tausende Deutsche dieses Jahr eben nicht reisen können. Wer in Urlaub fährt, spart genauso wie die der Amerikaner. Auf der anderen Seite macht es sich allerdings auch gut, über die jämmerlichen Zeiten zu lamentieren; die Klagen aus der Fremdenindustrie sind etwas vorsichtig aufzunehmen. München jedenfalls kann von einer großen Pleite nicht sprechen, wenn es auch nicht gerade Grund zur größten Zufriedenheit hat.

Man versteht sich gut mit den Fremden. Es haben nicht umsonst Straßenbahnschaffner, Chauffeure, Polizisten englisch gelernt; von den Kellnern ganz zu schweigen. Die Organisation klappt. Und wenn eine Amerikanerin einen Liter Milch kauft, auf die Flasche deutet und „return?“ fragt, die Verkäuferin aber meint, es gelte die Flasche in einem Papier einzuwickeln und mit einem gemütlichen „Ja, leicht“ ihre Auffassung ausführt, dann erwachen auch hieraus keine ernsthaften Zwischenfälle. „Wonderful“ und „nice“ ist München, wenn man glauben darf. Was hindert uns, dieses Urteil – ausgedehnt auf die Menschen – nicht nur im Prospekt des Reisebüros, sondern auch in den Köpfen und Herzen der Reisenden zu vermuten?

Quelle: ngra.
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