Frankfurter Zeitung 11.07.1930

Kohlensäureausbruch wirft Frage nach Sicherheit von Bergwerken auf

16.07.2020
, 13:31
Bei einem Kohlensäureausbruch in einem Kohleschaft kommen rund 100 Bergleute ums Leben. Das wirft die grundsätzliche Frage auf, ob Bergwerke wie dieses nicht besser schließen sollten.

In einem der schlimmsten Elendsgebiete des Deutschen Reiches, im Waldenburger Revier, hat eine entsetzliche Grubenkatastrophe namenloses Leid über die Menschen gebracht. „Wohl keine Familie des 6.000 Einwohner zählenden Hausdorf ist von dem Unglück verschont geblieben,“ so berichtet unser Korrespondent. Wie groß die Zahl der Toten ist, steht bis zur Stunde, da wir dies schreiben, nicht fest. Man muß damit rechnen, daß zu den 92 Toten, die bisher geborgen worden sind, viele hinzukommen.

70 Bergleute sind noch in der Tiefe der vergasten Grube eingeschlossen. Die Hoffnung, einen größeren Teil von ihnen lebend ans Tageslicht zu bringen, ist sehr gering. Trauer, Entsetzen, Verzweiflung liegt über einem ganzen Dorf, über allen Menschen, die die Härte dieses Schicksalsschlages ermessen können. Unser inniges Mitgefühl wendet sich den armen Opfern und ihren schwerbetroffenen Hinterbliebenen zu.

Wir wissen alle, daß das Leben des Bergmanns von tausend Gefahren umlauert ist. Es gibt nur wenige Berufe, die so wie der des Bergmanns bei der Arbeit dauernd bedroht sind. Die Sicherheitstechnik im Bergbau hat gewiß in den letzten Jahrzehnten außerordentliche Fortschritte gemacht und die Ausgestaltung des bergbaulichen Betriebs ist mindesten im gleichen Maße auf die Verbesserung der Sicherheitseinrichtungen wie auf die Hebung der Förderleistung bedacht.

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Trotzdem bleibt noch eine Reihe von Gefahren des Bergbaus übrig, denen man nicht oder nur mit geringer Wirkung vorbeugen oder entgegentreten kann.

Auch gibt es große Unterschiede in der Gefährlichkeit der einzelnen Gruben und Bergwerksreviere. Neben Bezirken, die nur selten und meist in geringem Umfang von elementaren Gefahren heimgesucht sind, haben wir in Deutschland auch Gebiete, die immer einmal wieder von größeren Katastrophen betroffen werden. Zu ihnen zählt vor allen das Waldenburger Kohlenrevier.

Es ist gestern bereits berichtet worden, daß hier vor einem Jahr eine Schlagwetterexplosion 33 Bergleute dahinraffte, daß 1923 in diesem Bezirk das schwerste Grubenunglück auf der Hinitzgrube 112 Tote forderte. In der Grube, auf der sich nun die neue furchtbare Katastrophe abgespielt hat, sind in den letzten Wochen mehrere Kohlensäureausbrüche erfolgt.

Für das Jahr 1929 waren allein 25 Ausbrüche zu verzeichnen. Es wird gesagt, daß es in Deutschland nur vier Gruben gebe, in denen Kohlensäureausbrüche vorkämen, und daß in diesen Gruben die Gefahr der Ausbrüche in den letzten Jahren ständig zugenommen habe. Während man aber bisher angenommen habe, daß durch Sicherheitsmaßnahmen die Gefahren der Ausbrüche hinreichend gebannt seien, sei man durch den jetzigen Ausbruch, der die vielfache Stärke der früheren habe, eines anderen belehrt worden.

Gefährliche Gruben schließen?

Wir vermögen uns über die Möglichkeit hinreichender Sicherheitsmaßnahmen kein Urteil zu bilden, wissen auch nicht, ob durch besonderes Verschulden eine Verschärfung der Gefahr eintrat. Die amtliche Untersuchung wird die Ursache der Katastrophe und die etwaigen verschärfenden Begleitumstände erst feststellen müssen. Aber die Frage liegt nahe, ob denn derart gefährliche Gruben in Betrieb gehalten werden sollten.

Es ist bekannt, daß die Rentabilität und Abbauwürdigkeit dieser Gruben zum mindesten strittig sind. Man darf darauf verweisen, daß es Kohlenflöze gibt, die viel ungefährlicher zu erschließen und mit viel größerer Rentabilität abzubauen wären.

Volks- und privatwirtschaftliche Sicht

Wenn man also die Frage von volkswirtschaftlichen Gesichtspunkten aus betrachtet, so kommen starke Zweifel, ob denn die Produktivität unserer Wirtschaft und unsere Kohlenversorgung nicht ebensogut, so sogar besser führen, wenn auch die Fortführung dieser gefährlichen Bergwerksbetriebe verzichtet und an günstigerer Stelle die Förderung vermehrt würde.

Privatwirtschaftlich sieht sich die Sache natürlich anders an. Aber das Ausschlaggebende bei solcher Betrachtung sollte, im Hinblick auf dieses entsetzliche Unglück, das Schicksal der Menschen sein, die man in die Gruben einfahren läßt. Die Lage der Bergleute im Waldenburger Revier scheint nicht gerade üppig zu sein; das Elend dieses Gebietes, das Wohnungselend und die Kargheit des Lebens deuten nicht darauf hin, daß die Arbeit in den gefährlichen Schachten den Bergleuten mit viel Segen gelohnt werde.

Und diese bescheidene Entlohnung wird ja wohl nicht durch mangelnden guten Willen der Bergwerksbesitzer, sondern eben durch die geringere Rentabilität der Gruben bestimmt sein.

Wir sind uns klar darüber, daß die Frage einer Grubenstilllegung und der Beschäftigung freigewordener Bergleute an anderer, weniger gefährlicher Stelle kompliziert ist, daß sie eine Reihe schwieriger Probleme in sich schließt.

Sie muß aber aufgeworfen und sorgfältig durchdacht werden, wenn Hunderte und Tausende von Menschenschicksalen durch den bestehenden Zustand täglich aufs Spiel gesetzt werden, wenn gehäuftes Unglück so plötzlich über die Menschen hereinbricht wie jetzt in dem schwer betroffenen Hausdorf.

Hintergrund

Die Bergung der umgekommen Bergleute dauerte letztendlich vier Wochen. Ganz Deutschland nahm Anteil an der Katastrophe, sodass an der Trauerfeier rund 20.000 Menschen teilnahmen, unter ihnen auch Reichstagspräsident Paul Löbe.

Danach wurde der Betrieb im „Schacht Kurt“, in dem das Unglück stattfand, wieder aufgenommen, 1931 jedoch aus wirtschaftlichen Gründen wieder stillgelegt. In der Folge wurden 2.600 Menschen in der Region arbeitslos – die ohnehin schon arme Bevölkerung verelendete und Protestkundgebungen waren die Folge.

Als 1933 die NSDAP die Macht ergriff, versprach sie, die Grube finanziell zu unterstützen. Man nahm den Betrieb daraufhin wieder auf, die versprochenen Zahlungen allerdings blieben aus. So wurde der Betrieb noch bis Kriegsbeginn 1939 aufrechterhalten, danach wurde die Grube endgültig stillgelegt.

Heute ist der Unglücksort polnisches Staatsgebiet und liegt in der Woiwodschaft Niederschliesen (rere.).

Quelle: rere.
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