Frankfurter Zeitung 02.09.1930

Wie kann Deutschland das Vertrauen des Auslands gewinnen?

02.09.2020
, 13:32
Wie soll sich ein politisch aufgewühltes Deutschland nach außen zeigen? Reichskanzler Heinrich Brüning wirbt für eine Konsolidierung der „inneren Verhältnisse“.

Auf der ersten großen Kundgebung der Deutschen Zentrumspartei Trier im katholischen Volkshaus, nahm Reichskanzler Dr. Brüning das Wort zu einer längeren Rede. Der Kanzler führte u.a. aus: Ich hab schon neulich in meiner Rede in Köln darauf hingewiesen, in wie hohem Maße die gesamte internationale Lage beherrscht wird durch die ungeheure Wirtschaftskatastrophe, die über die Welt hereingebrochen ist.

Die offizielle Diskussion der Regierungen über die hiermit zusammenhängenden Probleme ist durch das bekannte Memorandum der französischen Regierung im Gang gebracht worden. In unserer Antwort haben wir den festen Willen zur Zusammenarbeit mit allen beteiligten Nationen bekundet, einer Zusammenarbeit, die, wenn sie zu einer wirklich dauernden Stabilisierung der Verhältnisse führen soll, allen Ursachen der entstandenen Schwierigkeiten zu Leibe gehen muß, mögen diese Ursachen auf wirtschaftlichem oder auf politischem Gebiet liegen.

Wir wünschen und hoffen, daß der Wille zur internationalen Kooperation aus der brennenden Notlage der Gegenwart einen neuen starken Impuls erhält und daß sich so auch für die Lösung derjenigen Fragen, die gerade für Deutschland lebenswichtig sind, der Weg des friedlichen und gerechten Ausgleichs der Interessen eröffne. In der deutschen Außenpolitik ist es nicht damit getan, dieses oder jenes Endziel programmatisch aufzustellen.

Keine programmatischen Endziele

Unsere Endziele ergeben sich aus der gesamten Lage Deutschlands von selbst, und über sie kann und sollte in Deutschland kein Streit sein. Worauf es ankommt, ist vielmehr die Mittel und Wege zu finden, die uns unserem Ziele wirklich näher bringen können.

Die elementare Voraussetzung für eine gesunde und erfolgreiche Außenpolitik ist ihre Stabilität und ihre innere Konsequenz, ohne die ein Land wie Deutschland nicht darauf rechnen kann, in der Entwicklung der internationalen Beziehungen seine eigene Stellung zu festigen und ihr Achtung und Dauerhaftigkeit zu verschaffen.

Das Schicksal unseres Volkes in Abenteuer irgendwelcher Art zu verstricken, kann keinem verantwortlichen deutschen Staatsminister und ich, die wir verfassungsmäßig für die Führung der Außenpolitik allein verantwortlich sind, in unseren Personen die Gewähr dafür bieten, daß von solchen Abenteuern keine Rede sein kann.

Weg des Friedens statt schnelle Popularität

Im übrigen gilt für die Außenpolitik das, was ich in Köln für die Innenpolitik gesagt habe: Mit dem Streben nach Popularität kann einem Volke nicht geholfen werden, und das Inaussichtstellen schneller und großer Erfolge bringt uns nicht weiter. Jede verantwortungsbewusste deutsche Außenpolitik hat die Möglichkeiten und Kräfte, die uns zu Gebote stehen, nüchtern abzuschätzen, und für die Vertretung unserer Interessen sich einzusetzen.

Dafür steht, das wissen wir alle, das hat Herr Prälat Kaas in so ausgezeichneter Weise in Köln in der großen Kundgebung noch vor einigen Tagen ausgesprochen, allein der Weg des Friedens offen, an dessen Aufrechterhaltung kein Land ein größeres und höheres Interesse hat als gerade Deutschland. Das Weiterschreiten auf der bisherigen grundsätzlichen Linie unserer Außenpolitik muss diejenige Stetigkeit besitzen, die es allein ermöglicht, mit Festigkeit und Energie voranzugehen und sich dabei das notwendige Vertrauen des In- und Auslandes zu erhalten.

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Bei alledem ist eins klar: auch für die Außenpolitik bleibt die erste Voraussetzung des Erfolges die Konsolidierung unserer inneren Verhältnisse. Ein zerrissenes Deutschland das seiner dringendsten inneren Aufgaben nicht Herr wird, vermag auch nach außen hin nichts und scheidet bei den kommenden großen Entscheidungen als mitbestimmender Faktor aus. Nur wenn wir von einer gesicherten inneren Grundlage aus arbeiten, nur wenn die Reichsregierung nach außen den geschlossenen Willen eines gefestigten deutschen Staates vertritt, kann es erreicht werden, daß Deutschland im internationalen Leben wieder denjenigen Platz einnimmt, auf den unser Volke einen berechtigten Anspruch hat.

Quelle: ngra.
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