Frankfurter Zeitung 11.11.1930

Ein deutscher Blick auf Gandhis Freiheitskampf

Aktualisiert am 12.11.2020
 - 13:23
Runder Tisch in London: Bei der zweiten Indien-Konferenz im September 1931 war auch Mahatma Gandhi unter den indischen Teilnehmern.
Gespannt erwartete die Frankfurter Zeitung vor 90 Jahren die erste britisch-indische Konferenz in London. Dort sollte über eine neue Verfassung für die Kolonie beraten werden. Wohin würde Gandhi Indien führen?

König Georg wird am 12. November durch einen feierlichen Akt die Indien-Konferenz eröffnen, die das politische und damit wahrscheinlich auch das geschichtliche Schicksal eines von über 300 Millionen bewohnten Weltteiles entscheiden soll. Und das in einem Zeitraum von drei Monaten!

Die Konferenz soll Indien eine neue Verfassung geben und damit der historischen Entwicklung dieses Landes auf wachsende Selbstständigkeit hin Rechnung tragen. Aber von der Art, wie diese Frage gelöst wird, hängt nicht nur Indiens Zukunft ab, sondern auch die Zukunft des britischen Weltreiches.

Die Voraussetzungen zur Bewältigung dieser fast übermenschlichen Aufgabe sind denkbar ungünstig, die Führer der nationalistischen Bewegung, die den Stein ins Rollen gebracht hat, halten sich vom Runden Tisch fern, die englische Regierung scheint nicht in der Lage zu sein, ein festes Programm mitzubringen, und was an indischen Vertretern erschienen ist, kann sich wohl von Zeit zu Zeit taktisch zusammenfinden, aber niemals auf eine gemeinsame Idee einigen.

Indische Revolution verhindern

Die Konferenz wird auf einem Ozean von Vorschlägen, Einzelfragen, Verwaltungsdetails, undurchschaubaren Reibereien und Kompromissen dahintreiben. Ja, es fragt sich, ob es überhaupt möglich sein wird die Außenwelt durch Berichterstattung so an den Vorgängen teilnehmen zu lassen, dass sie die einzig richtige Frage nach dem Grade von Unabhängigkeit, der Indien gewährt werden wird, nicht aus dem Gesichtsfeld verliert. Daß die indischen Nationalisten jede Londoner Lösung ablehnen werden, steht heute schon fest. Die Frage ist, ob das, was die übrigen Vertreter Indiens vom Runden Tisch nach Hause bringen, ausreichen wird, um den Ausbruch einer Revolution in Indien zu verhindern.

Eine Revolution? Ja, nicht mehr und nicht weniger. Und damit fällt ein Begriff in die Debatte, der auch die deutsche Einbildungskraft gefangen zu nehmen vermag. Was geht uns die Indienkonferenz an, haben wir an unseren eigenen Kümmernissen nicht genug und können wir überhaupt aus dem Schatten, in dem wir leben, einen Blick über den Erdball tun zu fernen Völkern, die für ihre Freiheit streiten?

Der Kampf des allindischen Kongresses gegen die britische Fremdherrschaft erregt in Deutschland mit Recht die stärkste Anteilnahme. Ein gewaltiges und uraltes Volk von höchster Kultur, die mehr als einen Wert in unsere Bildung hat einfließen lassen, erhebt sich gegen den aus härtestem Imperialismus stammenden Machtanspruch eines fremden Volkes und wird bei dieser Erhebung geführt von einem Manne, dessen an Heiligkeit grenzende sittliche Eigenschaften unsere Bewunderung erregen: ist es angesichts dieses Tatbestandes ein Wunder, daß die öffentliche Meinung in Deutschland die Aktion Gandhis und der Seinen mit Sympathie betrachtet, ihr vollen Erfolg d.h. Indien sofortige Unabhängigkeit wünscht und den Engländern in Bausch und Bogen unrecht gibt!

Literarischer Maßstab der Deutschen

Diese in Deutschland übliche Stellungnahme ist um so verständlicher, als sie meist von Kreisen geübt wird, die glauben, daß Moral und Politik zwei verschiedene Dinge sind, und an die indische Frage einen sogenannten moralischen Maßstab anlegen, der in Wirklichkeit ein literarischer ist. Wer wollte bestreiten, daß von einem Gesichtspunkte aus, den man in Deutschland so gerne den „rein menschlichen“ nennt, der Mahatma eine erfreulichere Erscheinung ist als seine englischen Gegenspieler; aber es fragt sich doch, ob wir uns aus der unübersehbaren Masse seines Volks, aus der Staubwolke der von ihm geführten Bewegung herauszuheben und ihn gewissermaßen auf den ästhetischen Teetisch zu stellen, geht ebenso wenig an, wie sich für den indischen Kampf nur deswegen einzusetzen, weil er gegen das „perfide Albion“ gerichtet ist, das uns soviel Böses getan hat.

Ist Gandhi mit dem, was man Freiheit nennt, wirklich ohne weiteres gleichzusetzen und ist die indische Bewegung, die zur Einberufung der bevorstehenden Konferenz geführt hat, tatsächlich nur eine Schädigung der englischen Machtstellung oder ist sie mehr? Diese beiden Fragen sollte sich jeder Zuschauer zu Haufe vorlegen, ehe er seinem höchst schätzbaren Liberalismus, der immer auf Seiten der Unterdrückten steht, oder seiner weniger respektablen Ranküne gegen England Raum gibt. Gandhi hat seinem Volke gezeigt, daß moralischer Verfall jedes unterworfene Volk heimsuchen muß, und hat ihm Rettung vor diesem Verfall gezeigt, nicht durch die Mittel der Gewalt, sondern durch das Mittel würden Erleidens. Er hat die Seele des Menschen zum eigentlichen Träger des politischen Kampfes gemacht.

Aber hat er nicht diese Seele überschätzt, hat er nicht die Ermordung von 21 Polizisten 1921 in Chauri Chaura selbst wochenlang Buße getan, und hat er nicht die Ausschreitungen, die im Gefolge seiner Ungehorsams-Kampagne bis heute an der Tagesordnung geblieben sind, mit bitteren Tränen beweint! Sein ethisches Ideal, das nicht untergehen wird, hat im ersten Ansturm versagt, aber dieser Ansturm war bereits stärker als er selbst.

Der Mahatma ist heute zwar noch das größte Werkzeug des indischen Freiheitskampfes, aber er ist nicht mehr dessen Führer. Er wird wegen seines enormen Einflusses auf die bäuerliche Bevölkerung, wegen der Anschaulichkeit seiner Person, wegen der Reinheit seines Charakters heut von allen denjenigen Elementen benutzt, die den Kampf in die verschiedensten Richtungen zerren. Und das konnte um so leichter geschehen, als Gandhi bisher noch kein Programm für seine Aktion aufgestellt und noch niemand gesagt hat, welche Form er der indischen Unabhängigkeit geben möchte. Man ermesse, welch ein Völkerführer dieser Mann von seinem Gefängnisse aus heute wäre, wenn er Weg und Ziel seines Kampfes in einer sichtbaren und eindeutigen Form verkündet hätte. Denn es ist doch klar, daß die Befreiung von der Fremdherrschaft wohl das dringendste, aber keineswegs das wichtigste Problem Indiens darstelle.

Was soll in diesem ungeheuren, von Klassengegensätzen, von Religionskämpfen zerrissenen Lande geschehen, wenn der letzte britische Soldat einmal abgerüstet ist? Tatsächlich ist die innere Spannung in Indien viel größer als der englische Druck. Und was beschäftigt die Kongressisten heute anderes als die Frage, ob Indien heute eine Revolution braucht oder nicht! Gandhis Ziel ist nicht die Revolution. Das steht fest. Aber was ist denn sein Ziel? Dem 50 Millionen Parias, die schlimmer als Tiere dahinleben, die nicht aus dem öffentlichen Brunnen schöpfen dürfen, deren Schatten allem schon den Hindu befleckt, hat er den Rat gegeben, sich in Geduld zu unterwerfen.

Zu den wirtschaftlichen Problemen dieses überstürzt mit der Industrie in Berührung gebrachten Weltteils hat er nichts anderes beizutragen als sein Spinnrad, das Symbol der Rückbildung in die primitivste Hauswirtschaft. Die herzzerreißenden und nie zur Ruhe kommenden Konflikte zwischen den Kasten, aber auch zwischen Hindus, Mohammedanern und Sikhs überspringt er mit dem Kampfruf: „Hinaus mit England!“

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In Moskau, wo man den Verlauf der Dinge in Indien mit peinlicher Sorgfalt verfolgt, nennt man Gandhi den Vertreter des indischen Bürgertums und vergleicht ihm mit Tolstoi, der ebenfalls die Ertragung der Gefühle der Organisation der Menschen vorgezogen habe. Dieses Urteil ist verständlich, trifft es doch den Kern der Frage, ob ein Mann wie Gandhi überhaupt noch das indische Volk als an ein Ganzes appellieren darf.

England mit Indien wie mit einem Fluche beladen

Zu welcher Freiheit führt er dies Volk? Ist die Anwesenheit der Engländer schlimmer als die Unterdrückung der Massen durch Großgrundbesitzer, durch die Parsen, durch die Fürsten, als die tierische Sklaverei, in der die Parias schmachten? Und bleibt die europäische Schwärmerei für Gandhi nicht so lange der pure Snobismus, als dieser Volksführer gezeigt hat, nicht wovon, sondern wozu er sein Volk befreien will?

England ist heute mit Indien wie mit einem Fluche beladen. Wohl ist von der Zeit, wo man sich Handelsvorteile mit der Flinte in der Hand erzwingen konnte, noch etwas übriggeblieben, aber diese Vorherrschaft englischen Kapitals und englischer Waren weicht Schritt für Schritt vor der wachsenden wirtschaftlichen Selbstständigkeit dieses Landes zurück. Im übrigen bezahlt England die Schuld seiner in Scharlach uniformierten Schlächter aus den vergangenen Jahrhunderten mit der drückendsten Verantwortung für diesen ungebärdigen Subkontinent, der zahllose Nationen, Sprachen, Klassen, Sitten und Völker zusammenfaßt. Wie ungünstig man auch Englands Rolle in diesem Teil der Erde beurteilen mag, es bleibt doch zu bedenken, daß diese Tausende und aber Tausende von widerstrebenden Elementen vielleicht nur durch die Pax Britannica daran gehindert werden, sich zu zerfleischen.

In England selbst herrscht sogar die Meinung vor, daß ein geeinigtes Indien heute nur mit England möglich sie. Andererseits aber ist die Einigung Indiens die einzig mögliche Form der Selbstständigkeit, ob diese Einigung nun durch die Revolution oder durch den Frieden mit England erreicht wird.

Quelle: ngra.
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