Frankfurter Zeitung 11.11.1930

Eine Reise mit dem größten Flugschiff der Welt

Aktualisiert am 13.11.2020
 - 10:39
Weltweit das größte Luftschiff seiner Zeit: Das deutsche Schwimmflugzeug Dornier „Do X“.
Das Flugschiff „Do X“ meistert seinen ersten Flug über das Meer. Ein Redakteur der Frankfurter Zeitung ist an Bord und nimmt die Leser mit in ein neues Zeitalter der Luftschifffahrt.

„Auf Wiedersehen!“ Diese beiden Worte werden schon draußen auf der Plattform durch ein Sprachrohr gerufen. Dumpf klingen sie durch die Metallwände in die Kabine hinein. Ich sitze auf einem Eckplatz. Dicht neben mir ein Bullauge. Wie ein Bilderrahmen umfaßt es ganz nahe den mächtigen Steven, der den Schwimmer mit dem Flügel verbindet.

Auf dem Flügel stehen zwei Monteure. Langsam und rhythmisch drehen sie die Kurven der Steuerbordmotore. Die Motore springen an. Die Propeller vibrieren. Der Kanarienvogel an der Kabinendecke singt. Wir wassern um 10.15 Uhr von der Boje der holländischen Marinestation ab. Von der Kappe der Propellerwellen rinnt die spiegelnde Sonne wie in unablässigen Blitzstrahlen hernieder. Immer schneller rollen wir über die „Stufe“, jenen kleinen Unterbau des Schiffes, der gerade noch das Wasser streift.

Mächtige Wellen wirft die sonst so sanfte Zuiderzee hinter uns her. Wir schlinkern ein wenig. Als säßen wir gemütlich in einer Stube und von unten stieß ein grober Kerl gegen den Fußboden. Jetzt laufen drei Motoren an Steuerbord. Die Parallelmotoren stehen still, und so drehen wir uns dem offenen Wasser zu. Um 10.15 Uhr ziehen wir von der Fläche ab. Ein Fischerhaus, noch eben in horizontaler Sicht, schließt 200 Meter plötzlich in die Tiefe. Wir steigen! Gerade wie ich durch das Schiff wandern will, geht ein Mann der Besatzung in die Kniebeuge und ruft: „Wir landen!“ Kaum bin ich mit meiner Kniebeuge unten, sind wir auch schon wieder auf dem Wasser. Eine Spange, die den Ölfühler am Motor festhält, ist geplatzt. Ich sehe durch das Bullauge drei Monteure auf dem Flügel des Flugschiffes umherklettern. In einer Viertelstunde ist der Zwischenfall behoben.

Um 11.47 Uhr sind wir wieder in der Höhe und schon über der Insel Marken. Auf dem Wasser die Bolendamer Fischerboote. Reizende bunte Schmetterlinge, denen das Kielwasser nachströmt. Zu einem Demonstrations- und Lehrobjekt ausgebreitet die Landgewinnung an der Zuiderzee. Tief im Lande Dörfer, die noch vor Jahren dicht am Wasser gestanden haben. Hinter schmalen Absperrungsdämmen Seeteile, die zum Trocknen bestimmt sind. Wir fahren den Nordseekanal entlang. Ein holländischer Doppeldecker, weiß und rot angestrichen, schlägt vor Vergnügen Kapriolen um uns herum. Das Wetter hat sich ganz aufgeklärt. Dicke Wolken und Sturm ziehen nach der französischen Käste ab. Ymuiden erscheint mit seinen Werften und seinen berühmten Schleusenanlagen.

Um 12 Uhr die Nordsee! In drei, vier Reihen hintereinander, lang ausgekämmt die weißten Schaumlocken der See. An Backbord die Küste mit den Seebädern. Dahinter das zierliche Nordwyck, 12.20 Uhr Scheveningen. Ich sehe das Orange-Hotel und denke an Stresemanns berühmte Friedensrede. Wie Tausende kleiner langgestreckter Luftschiffhallen die Gewächshäuser der Blumenzüchter. In Windeseile werden Städte und Küsten vorbeigereicht. Wir fahren 160 Kilometer Geschwindigkeit. Schon biegt sich die Landspitze von Maasvlakte wie ein kleiner weißer Finger in die graue See. Der Leuchtturm von Dudorp, ein gewichtiger Beamter, regelt schlank und grau den gesamten Schiffsverkehr.

Punkt 1 Uhr werde ich in den Kommandoraum gerufen. Er liegt über dem Passagierdeck. Sechs schmale Sprossen führen durch eine Luke in ihn hinauf. Stärker donnern hier oben die Motoren. Der ganze Körper vibriert mit ihrer Musik. Man steht hier wie im Führerraum einer Lokomotive. Die Spitze des Schiffes schießt wie ein Schiffsschnabel blinkend nach vorn. Nebeneinander wie auf einem Autositz die beiden Flugkapitäne an den Steuerrädern, Merz hat gerade Pause. Schildhauer steuert. Kapitän Christiansen im Wollsweater, die Fliegerkappe auf dem Kopf, gibt Kommandos durch die Sprachschlauchleitung. Hier oben kann man sich nur durch Besten verständigen. Niemann zeigt mir auf der Karte, wo wir uns befinden. In wenigen Augenblicken geht es quer über den Kanal.

Kind des deutschen Volkes

Ich stehe in der Mitte des Raumes, die Hände in den Hosentaschen und fühle, auf den Zehen wippend, genießerisch und entrückt, den Vorwärtssturm des stählernen Schiffsleibes, und mehr als das fühle ich die Stärke und Tiefe deutscher Volkskraft, deren Lenden auch dieses Kind entsprang. Sollten wir uns selbstpeinigend zerfleischen und auch die eigene Vernichtung voraussagen, wir, die wir im Augenblick im Munde der ganzen Welt sind, mit einer revolutionierenden Großtat deutscher Technik, die weit über das rein Technische hinaus an die Seele der Menschen rührt? Hier oben ward es besonders klar, daß dieser erste Überseeflug des kostbaren Flugschiffes eine historische Tat in der Luftschifffahrt darstellte.

Bescheiden und leise klettere ich wieder hinunter, gucke noch schnell in den Schaltraum und sehe wie von den Monteuren jeder gerade einen Apfel bekommt. Lachend beißen sie hinein. Wie gut das zu diesen tapferen deutschen Gesichtern paßt, die alle ein wenig schmal sind, fanatisch ihrer Sache hingegeben. Gerade wie ich von der Leiter steige, treffe ich Dr. Dornier. Wir setzen uns zusammen in die Ecke. Wir vergleichen den Zeppelin mit dem „Do X“. Der große Konstrukteur mit dem durchgebildeten Schädel eines Sokrates ruft mir ins Ohr, daß er durch Schallabdichtung in Zukunft die Geräusche wesentlich verringern werde. Man habe bisher auf dem Flugschiff nur keine Zeit dazu gehabt. ihm ist es im übrigen gar nicht so angenehm, im Licht der Öffentlichkeit zu stehen. Am liebsten hätte er die ganze Fahrt als reines Experiment ohne Passagiere unternommen.

Wir sehen nach der Uhr. Es ist etwas 14 1/2. In einer Stunde werden wir da sein, meint er. Und ein feines Lächeln steht auf seinem Gesicht. Als hätte er diese Situation während der Konzeption des Flugschiffes einmal vorausgeahnt. Dr. Seilkopff, der Meterologe, will eine Aufnahme machen. Ich öffne ein Bullauge. Jetzt erst merkt man, wie stark der Luftzug am Schiff vorüberstreicht. Der Anzug klappert am Körper wie ein Segeltuch.

In diesem Augenblick kommt die englische Küste in Sicht. Wir sehen die abfallenden Kreidefelsen. Sie sind leicht brennend und weiß. Hastings zieht vorüber. Nach einer Kette kleiner Seestädte erblicken wir in der Ferne Southampton. Der Kanal liegt jetzt glatt wie ein Binnensee. Die ersten englischen Flieger zeigen sich. Von Minute zu Minute wächst ihre Anzahl, Bald ist es ein Dutzend, bald sind es zwei Dutzend. Innerhalb weniger Augenblicke vollzieht sich die Landung. Schon sind wir auf dem Wasser. Schon sind wir umringt von Booten. Schon beginnt langsam die Ausbootung. Der erste Seeflug des „Do X“ ist beendet.

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Quelle: ngra.
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