Frankfurter Zeitung 01.11.1930

Kommt bald ein Balkanbund?

Aktualisiert am 01.11.2020
 - 08:18
Konferenz von Lausanne: 1923 schlossen die Alliierten und die Türkei Frieden.
Griechenland und die Türkei besiegeln ihren Frieden. Dabei verfolgen die Staatschefs ihre eigenen Interessen. Wie mächtig kann der Balkan werden, wenn sich die Länder zusammenschließen?

Länger als sieben Jahre hat es gedauert, seit nach dem verunglückten Versuch Griechenlands, die Türkei von den Küsten des Aegäischen Meeres und der Propontis ganz und für immer zurückzuwerfen, in Lausanne ein Friede geschlossen worden ist, über dessen Durchführung die beiden beteiligten Staaten, Griechenland und die Türkei, nicht ins Reine kommen konnten. Jetzt endlich, vor wenigen Tagen, haben sich die Staatsmänner Griechenlands und der Türkei in Angora getroffen, um unter feierlicher Betonung dieses Staatsaktes gewissermaßen den Schlußpunkt unter die Abmachungen zu setzen, die den man könnte sagen, jahrhundertelangen Krieg für immer beendigen und eine neue Ordnung der Dinge in den Ländern östlich und westlich des Aegäischen Meeres ausrichten sollen. Welche Abmachungen im einzelnen zwischen Veniselos und Kemal Pascha in Angora getroffen worden sind, darüber ist nichts Bestimmtes Bekannt geworden.

Von türkischer Seite ist von einem Flottenabkommen gesprochen worden, das eine Parität der beiderseitigen Flotten vereinbarte mit der gleichzeitigen Verpflichtung der beiden Vertragspartner, einander über beabsichtigte Vergrößerungen ihrer Flotten gegenseitig vorher zu verständigen. Das wir wohl richtig sein. Es ist schon seit zwei Jahren von einer solchen Flottenverständigung die Rede, die sich wohl nur auf das Aegäische Meer beziehen kann, und an der allem Anschein nach das durch den Besitz des Dodekanes unmittelbar interessierte Italien als Anreger und Berater stark beteiligt ist. Aber es kann natürlich nicht das einzige sein, was vereinbart worden ist.

Die Flotten der beiden Staaten sind, entsprechend ihren Interessen und den Mitteln, die zur Verfügung stehen, verhältnismäßig klein. Aber eine Abmachung wie diese zeigt in der Tat, daß nun die anderen Streitpunkte, die noch zwischen Athen und Angora bestanden, endgültig erledigt sind. Sie sind nicht erst jetzt bereinigt worden. Schon im Sommer war es so weit. Man hat den Akt des feierlichen Abschlusses bis in den Herbst verschoben, vielleicht mit einer gewissen Absicht bis nach der Athener Balkankonferenz, die zwar nicht viel mehr als eine ziemlich unverbindliche, freundschaftliche Unterhaltung gewesen zu sein scheint, die aber doch auch als solche schon einen Schritt der Annäherung der Balkanstaaten bedeutet hat und jedenfalls bedeuten sollte.

Streit um Vertrag von Lausanne

Der Hauptgegenstand des Streites zwischen Griechen und Türken war der im Vertrag von Lausanne festgesetzte Menschenaustausch und noch mehr die damit zusammenhängenden Entschädigungsfragen, über die es ein sieben Jahre dauerndes, grimmiges, mit vielen Tricks und Verhandlungskünsten fortgesetztes Feilschen gegeben hat.

Der Austausch selbst, diese furchtbar Losreißung von zwei Millionen Menschen von ihrer Scholle und aus ihrer Umgebung, ein Zeichen brutaler Inhumanität, ist längst durchgeführt. Anderthalb Millionen Griechen sind aus Kleinasien und anderen türkisch gebliebenen Gebieten nach Griechenland, eine halbe Million Türken aus Griechenland in die Türkei übergeführt worden. Es ist hier nicht der Ort, auf die Bedeutung dieser Völkerwanderung für beide Länder nochmals einzugehen. Einigermaßen, keineswegs ganz, sind die Nachwirkungen dieser Umsiedlung überwunden.

Wie es scheint, ist der mißglückte Athener Putsch gegen Veniselos gewissermaßen auch noch eine solche Nachwirkung, sofern nämlich die in der Großstadt angesiedelten Flüchtlinge ganz besonders zur Unzufriedenheit geneigt sein mögen. Daß nun auch die amtlichen Verhandlungen über den materiellen Ausgleich abgegolten sind, muß man begrüßen. Denn irgendwie mußte ja doch dem Schwebezustand ein Ende gemacht werden.

Ironischer Friedensschluss in Angora

Es liegt eine Ironie in diesem Friedensausschluß von Angora. Veniselos setzt seinen Namen unter diese Abmachungen, derselbe Staatsmann, der am eifrigsten den Gedanken der Vertreibung der Türken von den Küsten des Mittelmeeres und der Wiederherstellung des großen Griechenlands propagiert hat. Er ist es gewesen, der sich von Lloyd George die Erlaubnis zur Eroberung Kleinasiens geben ließ und das Glück hatte, durch seinen Sturz und die Rückkehr Konstantins die Katastrophe des griechischen Heeres nicht auf sein Haupt laden zu müssen. Es ist geschichtliche Gerechtigkeit, daß er nach Angora gegangen ist, um den Verzichtfrieden mit dem sogenannten „Erbfeinde“ zu schließen. Kemal Pascha war so liebenswürdig, dieser Fahrt das äußere Gepräge eines Festes zu geben.

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Veniselos aber, das darf man annehmen, hat wirklich auf die romantische Megali Idea des Großgriechenreiches mit Konstantinopel als Hauptstadt verzichtet. Er ist Realpolitiker geworden, dessen Ziel die Erstarkung an Volkszahl so unerwartet und zuerst auch so unerwünscht gewachsenen Griechenland in den Grenzen des Möglichen ist. Man weiß, daß seit Jahren Mussolini sich um das Zustandekommen dieser griechisch-türkischen Einigung bemüht hat.

Der türkische Außenminister Tewfik Rushdi Bey hat es zu allem Ueberfluß dem Vertreter einer serbischen Nachrichtenagentur ausdrücklich bestätigt. Italien, so sagte er, könne nicht zustehen, daß zwei Nachbarn, die Freunde Italiens seien, in gespannten Beziehungen zueinander leben. Die Türkei, so fügte der Minister hinzu, treibe keine Bündnispolitik, die gegen irgendein Land gerichtet sie. Sondern möchte zur Verständigung aller Völker beitragen. Gewiß, das klingt sehr schön, und daß die Türkei mit diesen Abmachungen von Angora ebenso wenig irgendwelche aggressiven Ziele verfolgt, darf man von ihr ebenso wie von Griechenland voraussetzen.

Wenn der griechische Besuch in Angora mit seinen diplomatischen Ergebnissen ganz in der Richtung der Politik Mussolinis liegt und sicherlich sogar ein Bestandteil davon ist, so fragt sich doch noch sehr, ob die beiden von Rom begönnerten Staaten jetzt, nachdem sie selbst sich verglichen und das Kriegsbeil – wie es scheint, endgültig – begraben haben, geneigt sein werden, unter das Patronat Italiens zu treten.

Es macht vielmehr den Eindruck, als ob Herr Veniselos, der ja der Anreger und eifrigste Sachwalter der Athener Balkankonferenz gewesen ist, auf diesem Boden und in diesem Rahmen seinem Lande eine Stellung geben wolle, die dem politischen Ehrgeiz dieses lebhaften und begabten Volkes entspricht. Der Ehrgeiz der anderen Balkanstaaten wird verhindern, daß Griechenland mehr werden könnte als ein primus inter pares, und übrigens hängen solche Stellungen immer gar sehr von den Persönlichkeiten ab, die an der Spitze der Staaten stehen. Veniselos ist ein Staatsmann von Format. Er wird mit Italien Freundschaft pflegen, weil er auf sie angewiesen ist, aber er wird sich nicht von seinem römischen Kollegen, wie Bismarck zu sagen pflegte, das Leitseil über den Kopf werfen lassen.

Es hat den Anschein, als besinne sich der Balkan auf seien eigenen Interessen, und einem Kopfe wie dem des Herrn Veniselos wäre zuzutrauen, daß er es fertig brächte, die widerstreitenden Interessen, die beispielsweise zischen Südslawien und Bulgarien noch immer bestehen, auszugleichen und eine Geschlossenheit zu erreichen, die einem Eindringen fremden Einflusses entgegenwirken müßte. Ein Balkanbund besteht noch nicht. Wohin aber die Richtung geht, das hat der südslawische Vertreter auf der Athener Konferenz mit der Wiederholung des Wortes: „Der Balkan den Balkanvölkern“ ausgesprochen. Offenbar will Veniselos dasselbe, und so wird Europa sich darauf einrichten müssen, daß diese Völker im Südosten in einiger Zeit ihr Wort im europäischen Rate lauter ertönen lassen werden als bisher und als bisher ihre balkanischen Verhältnisse erlauben.

Quelle: ngra.
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