Frankfurter Zeitung 19.10.1930

Mobilität für die Massen: Die erste Schnellbahn

Aktualisiert am 19.10.2020
 - 09:43
Berlin im Jahr 1932: Der erste Schnelltriebwagenzug fährt im Lehrter Bahnhof ein.
Ein ungewohnter Anblick für die Bevölkerung: Techniker stellen einen neuen Schnellzug vor. Bei einer Versuchsfahrt beeindruckt er mit einer Geschwindigkeit von 150 Kilometern pro Stunde.

Die Gesellschaft für Verkehrstechnik, deren Hauptziel die Schaffung eines sehr schnellen, betriebssicheren und wirtschaftlichen Landverkehrsmittels für die öffentliche Personen- und Postbeförderung ist, hat heute wenigen Vertreten der Presse ein neues Propellerfahrzeug vorgeführt. Strenge Stromlinienform, Leichtbau der Fahrzeuge, vollkommende Kontinuierlichkeit und Glätte der Fahrbahn und die rascheste Transportfolge sind die Mittel zur Entwicklung eines solchen Schnellverkehrs.

Die Verwirklichung dieser Mittel beschränkt sich vorläufig auf das Fahrzeug, sie hat sich aber in wesentlichen Punkten von den bisherigen Konstruktionsgedanken des Eisenbahnbaues entfernt. Das Versuchsfahrzeug ist, aus der Auffassung heraus, daß zur Erzielung hoher Geschwindigkeiten vorläufig nur der Antrieb durch Propeller in Betracht kommt, ein Propellerfahrzeug.

Am frühen Morgen hat sich die Gruppe der ersten Fahrgäste dieses neuen Fahrzeuges in der Nähe des Bahnhofs Burgwedel versammelt, von dem aus die der Gesellschaft für Verkehrstechnik von der Reichsbahn zur Verfügung gestellte Versuchsstrecke in der Richtung nach Celle verläuft. Es handelt sich um eine nicht fertig ausgebaute Abkürzungsstrecke Hannover – Celle, die auf einer Länge von 18 klm. Für die Versuchsfahrten benutzt wird und eine einzigartige Versuchsgelegenheit für die Entwicklung und Durchprobung des Schnellbahngedankens darstellt.

Nach kurzen Worten braust aus der Richtung Celle das eigenartige Fahrzeug heran. Leise surrend gleitet das langgestreckte silberweiße Gefährt mit spielender Leichtigkeit über die Schienen, ein schwacher Luftzug, und schon ist es vorbei. 150 Stundenkilometer Fahrtgeschwindigkeit, so wird uns versichert, hatte der Wagen bei der Vorüberfahrt. Es erscheint kaum glaublich. Bald naht er aufs neue. Ein kleiner Luftschiffskörper auf Rädern?

Nein, vielleicht eher das Großmodell eines aus dem Wasser gehobenen, umgekehrten auf Räder gestellten Ozeandampfers. Große Stromlinienform, Walfischkopf, Tonnengewölbedach, leicht gewölbte Seitenflächen, tiefherabgezogener Wagenkosten, aus dem die Räder kaum einen halben Meter herausragen, selbst unten völlig geschlossen, kein Gestänge, nichts was Luftwiderstand hervorbringen könnte. Hinten, über dem Kiel des umgekehrten Schiffsrumpfes, elegant in eine Spitze auslaufend, sitzt der Propeller, der von dem 500pferdigen Flugmotor angetrieben wird. Das ganze Fahrzeug ist 26 Meter lang, es faßt 40 Personen und wiegt nur 18 Tonnen.

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Eine neue Form des Verkehrs?

Man steigt ein und befindet sich in einer Konstruktion aus Stahl, Leichtmetall, Holz und Stoff. Rechts und links Stahlrohrsessel, vorn auf erhöhtem Podest sitzt, in den Sessel gelehnt, der Führer, vor ihm auf einem Schalttisch allerlei Handhebel, unter ihm Pedale.

Dann wird der Motor angelassen, aber die Bremsen sind noch angezogen. Das Motorsurren steigert sich, noch halten die Bremsen den Wagen, nun Vollgas, der Führer gibt die Bremsen frei und der Wagen stößt nicht wie ein Raubvogel los, sondern fährt langsam und kaum merklich an, beschleunigt sich dann aber außerordentlich rasch. Nach einer halben Minute sind 50 Kilometer-, nach einer Minute 90 Kilometerstundengeschwindigkeit erzielt. Nur wenige Sekunden und die Bremsen müssen betätigt werden, um den Wagen am Ende der Versuchsstrecke zum halten zu bringen.

Und die wirtschaftliche Seite? Bei 150 Stundenkilometer und 40 Personen Besetzung beträgt die benötigte Leistung rund 200 PS, der Brennstoffverbrauch je 100 Kilometer 60 Liter. Eine denkwürdige Fahrt. Der Anfang einer neuen Verkehrsform?

Quelle: ngra.
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