Frankfurter Zeitung 19.10.1930

Thomas Mann appelliert an die Vernunft der Deutschen

Aktualisiert am 21.10.2020
 - 07:10
Eine deutsche Ansprache: Thomas Mann am Rednerpult im Berliner Beethoven-Saal.
Bei der Reichstagswahl im Oktober 1930 stieg der Stimmanteil der Nationalsozialisten sprunghaft um ein Vielfaches an. Schriftsteller Thomas Mann ist besorgt und richtet einen Appell an die Deutschen. Die Frankfurter Zeitung ordnet seine Rede ein.

Thomas Mann hielt gestern vor einem großen und ausgesuchten Berliner Publikum, unter dem sich auch der preußische Kultusminister befand eine „politische Ansprache“. Der Augenblick, den Thomas Mann, der in der ersten Reihe der heutigen deutschen Schriftsteller steht, für seine Aktion gewählt hat, ließ bereits vermuten, daß es Widerspruch geben werde, und die deutlichen, übers Literarische zu politischen Feststellungen und Bekenntnissen vorstoßenden Formulierungen gaben dem Widerspruch Ansatzpunkte. Wir vermögen das nicht zu bedauern, sondern sehen darin nur einen Beweis für die Wirkung des Vortrages, für den es nur ein schlechtes Zeugnis gewesen wäre, wenn er nirgendwo Widerspruch geweckt hätte.

Der Redner, der sich als Kind des deutschen Bürgertums bekannte, gab eine kurze Kritik des Versailler Vertrages. Deutschland sei im Kriege geführt worden von einem Herrschaftssystem, das im Kampfe um sein eigenes Fortbestehen es mit dem Volk und dem Lande zum äußersten habe kommen lassen. Gegen dieses Herrschaftssystem habe sich der kriegerische-demokratische Tugendmut unserer Gegner gerichtet. Aber deren demokratische Humanität habe beim Friedensschluß nur sehr bruchstückweise Wort gehalten.

Den Versailler Vertrag für eine magna charta Europas zu halten, sei ein Gedanke, der dem Leben und der Natur zuwiderlaufe. Es sei kein haltbarer Zustand, daß inmitten von bewaffneten und auf ihren Waffenglanz stolzen Völkern Deutschland entwaffnet dastehe und der Pole in Polen und der Tscheche auf dem Wenzelsplatz ihren Mut an Deutschen kühlen konnten. Thomas Mann wandte sich weiter gegen die absurden Grenzregelungen im Osten, gegen das niemanden heilsame, auf dem vae victis aufgebaute Reparationssystem, gegen die Verständigungslosigkeit des jakobinischen Staatsgedankens für das deutsche Volksgefühl der Minderheiten. Dazu kamen Zweifel, ob die im westeuropäischen Sinne parlamentarische Verfassung dem deutschen Wesen vollständig angemessen sei, ob sie seine politische Sittlichkeit nicht im gewissen Grade entstelle. Das sei um so quälender, als im Grunde niemand bessere Vorschläge zu machen wissen und es dem Deutschtum vorläufig nicht gelinge, etwas originelles zu finden. Denn die Versuche, die wir anderswo in Europa sähen, die Diktatur einer Klasse, oder die demokratisch gefärbte Diktatur eines cäsarischen Abenteuers, sei dem Deutschen noch volksfremder.

Nahrung für den Nationalsozialismus

Der Redner beschrieb dann die Kräfte, die nach seiner Meinung den Nationalsozialismus genährt hätten. Vor allem die Empfindung einer Zeitwende, einer neuen Seelenlage, die mit dem bürgerlichen Fortschrittsglauben nichts mehr zu schaffen habe. Es erscheine das Seelendunkel des mütterlich-chthonischen als Lebenswahrheit; in dieser Darstellung erscheine schließlich als letzter Ursprung des Nationalsozialismus der orgiastische Naturkult des Moloch und der Astarte. Unter den weiteren Sukkurskräften des Nationalsozialismus nannte er professorale Verstiegenheiten und Abgeschmacktheiten des deutschen Geistes mit Begriffen wie völkisch, rassisch, bündisch (Unruhe); diese Strömung vermische sich auf der anderen Seite mit einer primitiven massendemokratischen Jahrmarktsroheit, die dieselbe sei, die auch Boxmeetings und überzahle Stars in die Höhe bringe.

Entlaufen schiene die Menschheit wie eine Bande loßgelassener Schuljungen aus der idealistisch-humanistischen Schule des neunzehnten Jahrhunderts, gegen dessen Moralität unsere Zeit einen wilden Rückschlag darstelle. Aber was beweise die Gewalt? Sie beweist sich selbst, sonst nichts. Der exzentrischen Seelenlage einer der Idee entlaufenen Menschheit entspreche eine Politik im Groteskspiel, mit ihrem derwischmäßigen Wiederholen von Schlagworten. Sei das deutsch? Sei der Fanatismus in einer tieferen Seelenschicht des Deutschtums wirklich zu Hause? Sie der Nationalsozialismus nicht vielleicht ein Koloß auf tönernen Füßen, an Dauerhaftigkeit nicht zu vergleichen mit der Macht der Sozialdemokratie? Sei das Wunschbild einer primitiven, blutreinen, herzens- und verstandesschlichten, hackenzusammenschlagenden, blauäugigen Biederkeit überhaupt zu verwirklichen? Die Würde eines Volkes wie des unsrigen könne nicht die Würde der Einfalt, sondern nur die Würde des Geistes sein, und diese weise den Veitstanz des Nationalsozialismus von sich.

Sozialdemokratie und Arbeiterklasse

Von dieser Kritik ging Thomas Mann zu der positiven Frage über, wie das Bürgertum sich verhalten solle. Was sei es mit Phantom des „Marxismus“? Die Sozialdemokratie bemühe sich, erstens die soziale und wirtschaftliche Lebenshaltung der Arbeiterklasse zu erhalten und zu besseren, zweitens die doppelt bedrängte deutsche Demokratie zu erhalten und schließlich die dieser Demokratie entsprechende Außenpolitik zu bewahren.

Freilich habe die Sozialdemokratie in der Vertretung ihres Klasseninteresses eine große Zähigkeit bewiesen. Niemand könne bestreiten, daß ein Sozialetat von der Ueppigkeit des unseren eine ökonomische Anormalität darstelle; er müsse nach außen und innen anstößig wirken. Die Hartnäckigkeit der sozialistischen Führer, mit der sie glaubten, an den Errungenschaften der Revolution festhalten zu müssen, sei falsche gewesen. Aber tatsächlich stelle sie heute schon das Wirtschaftliche und das Parteiinteresse hinter der Erhaltung der Demokratie zurück.

Der Arbeitsverzicht der Berliner Metallarbeiter angesichts des sonstigen Eigennutzes, den man überall erblicke, zeuge von einem Gemeinsinn, den man bewundern dürfe. Er kenne, sagte der Redner, die weltanschauliche Abneigung des deutschen Bürgertums gegen den Marxismus; bürgerlicher Ueberlieferung sei die Vorherrschaft des Klassengedenkens und des ökonomischen Gedankens nicht geistig genug. Aber der Augenblick sei längst gekommen, zu erkennen, daß die Arbeiterklasse weit freundlichere Beziehungen zum Geist unterhalte als die bürgerliche Gegenseite, die die Beziehung zum Geist verloren habe.Die sozialistische Klasse sei im gerade Gegensatz zum bürgerlich-kulturellen Volkstum geistfremd nach ihrer ökonomischen Theorie, aber sie sei geistesfreundlich in der Praxis, und das sei das Entscheidende.

Thomas Mann knüpfte an das Wort eines der in Leipzig verurteilten Offiziere an, der gesagt hat, der Kampf gegen den Separatismus am Rhein sei gewonnen worden durch die Jugend und durch die Arbeiterschaft. Die Arbeiterschaft, was sei das? Es sei die Sozialdemokratie (Widerspruch). Die Sozialdemokratie habe im Kampf gegen den Separatismus das Reich gerettet und das sei nicht das erste mal gewesen. Sie habe 1918 die herrenlosen Zügel vom Boden aufgenommen und die namenlos undankbare Verantwortung für das Chaos des Krieges übernommen. Das ruchlose ungerecht Wort von den Novemberverbrechern – kein redlicher Deutscher sollte es über seine Lippen lassen (stürmischer Beifall, Zwischenrufe: „Es sind und bleiben Novemberverbrecher“, Unruhe). Er sei der Ueberzeugung, für die er auch seine Person einsetze, daß der politische Platz des deutschen Bürgertums an der Seite der Sozialdemokratie sei.

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Thomas Mann widmete dann Stresemann einen tiefempfundenen Nachruf. Die Lebensgeschichte dieses außerordentlich merkwürdigen Mannes gehöre zu den ergreifendsten der ganzen deutschen Geschichte. Europa warte darauf, ob Deutschland politisch dazu fähig sein werde, Europa aus dem Banne des Versailler Vertrages herauszuführen. Das deutsche Volk, das Frankreich nicht einmal im Kriege gehaßt habe, sei zu einem Bündnis bereit. Aber Frankreich stelle immer die These der Sicherheit in den Vordergrund. Die wirksamste Sicherheit Frankreichs sei aber die seelische Gesundheit des deutschen Volkes. Diese Gesundheit sei gestört durch unweise Friedensbedingungen. Darum möge Frankreich mit sich reden lassen, wie es gesitteten Völkern zieme, über die schlimmsten Punkte eines Vertrages, dem Dauerlosigkeit von Anfang an der Stirn geschrieben stand.

Der Reichsanwalt sagte am Schluß seiner Anklagerede in Leipzig, er habe die Angeklagten nicht kränken wollen. Nein, es gehe tatsächlich nicht darum, jemanden zu kränken, sondern alle zu einen unter einem gemeinsamen Namen. Der Name sei für uns alle nur einer: Deutsch. Der stürmische, langdauernde Beifall übertönte die schwachen Versuche, durch Pfeifen kundzutun, daß auch noch andere politische Anschauungen in dem Saale vertreten seien.

Quelle: ngra.
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