Frankfurter Zeitung 08.09.1930

Warum rumort es in Südamerika?

08.09.2020
, 18:50
Die Weltwirtschaftskrise hat Südamerika zugesetzt. Ein Regime nach dem anderen wird hinweggefegt. Die Frankfurter Zeitung beobachtet die Entwicklung nachdenklich

So wenig unerwartet der Umsturz in Argentinien für Unterrichtete kommen mag, so sehr gibt es doch Anlaß, nachdenklich darüber zu werden, daß in Südamerika jetzt fast Schlag auf Schlag eine Diktatur nach der anderen in Trümmer geht. Mit Bolivien Ende Juni begann es, dann kam Ende August der Sturz Leguias in Peru – und nun folgt, fast unmittelbar darauf, der Sturz Yrigoyen, des argentinischen Präsidenten, der nach einem mißglückten Versuch, durch den Trick der Amtsübergabe seinen Vizepräsidenten sein Regime zu retten, nun doch gegenüber dem Ansturm revoltierender Truppenmassen die weißte Fahne hissen mußte.

Alle diese Revolutionen haben auffallende gemeinsame Grundzüge. In allen drei Staaten handelte es sich nicht so sehr um eine Revolution, die auf einen Umsturz des Staates oder auch nur des Regierungssystems hinzielte, sondern um einen Aufstand, der als das große Zeil hinstellte, „die Verfassung zu retten und das Land von einem untauglichen Regime zu befreien“.

Die Demokratie in den südamerikanischen Republiken ist ihrem ganzen Charakter nach eine völlig andere als irgendeine europäische Demokratie oder was man sich in Europa unter einer Demokratie vorstellen mag. Um die Lage in den südamerikanischen „Demokratien“ zu verstehen, müßte man die eigenartige Zusammensetzung der Bevölkerung berücksichtigen und daran denken, daß die Vorstellung von einer Selbstregierung des Volkes in Südamerika nach sehr unklar ist und daß man dort gewöhnt ist, sich der Regierung starker Männer anzuvertrauen.

Diese Einstellung führte dazu, daß das Kliquenwesen nirgends so ausgedehnt ist wie in Südamerika, daß damit auch eine wirkliche politische Erziehung des Volkes sehr erschwert ist und daß so der gegebene Boden für Diktaturen geschaffen ist, für Diktaturen, die sich zwar anscheinend auf ein Parlament und auf eine Demokratie stützen, die aber doch im Grunde durch die Schaffung eines gefügigen Beamtenapparates und durch gewisse Machinationen bei den Wahlen usw. ihre Herrschaft so zu verankern vermögen, daß praktisch doch die autonomen Rechte des Volkes aufgehoben sind. Hinzu kommt noch, daß es diese Diktatur verstehen, eine gefügige Heeresmacht aufzustellen und ihre Gegner rechtzeitig hinter Schloß und Riegel zu bringen, sowie sie gefährlich werden.

Zu dieser inneren Situation der südamerikanischen Republiken kommt noch das Verhalten der Diktatoren gegenüber den ausländischen Wirtschaftsmächten. Infolge der eigenartigen Ablehnung und vielleicht auch Unfähigkeit der südamerikanischen Oberschicht hinsichtlich der wirtschaftlichen Betätigung liegen fast sämtliche wichtigen Wirtschaftsstellen in den Händen von Ausländern, – und keineswegs nur in solchen von Amerikanern und Engländern, die allerdings eingestandenermaßen auf dem südamerikanischen Kontinent eine ganz bestimmte Politik verfolgen.

Die – sachlichen und persönlichen – Gegner der Diktatoren haben es daher verhältnismäßig leicht, auf diese „Ueberfremdung“ des Wirtschaftslebens hinzuweisen und zum Widerstand dagegen aufzurufen. Sie habe es dann umso leichter, wenn eine schlechte Wirtschaftslage, die Not und Arbeitslosigkeit über das Land bringt, die Waffen ohnedies erregt hat. Heute ist die Lage etwa so.

Die Weltwirtschaftskrise hat natürlich auch in Südamerika zu heftigen Rückschlägen geführt. In den Städten und den Industriegebieten gibt es eine zunehmende Arbeitslosigkeit, der Wert des Geldes sinkt, und die Ausfuhr geht zurück. Sowohl in Bolivien wie in Peru und wie auch jetzt in Argentinien war einer der Hauptvorwürfe, die gegen das Regime erhoben wurden, der, daß die Regierung dem fremden Kapital allzusehr nachgab und sich von dessen Einfluß nicht genügend freihielt.

Während sich dieser Vorwurf in Bolivien und Peru in der Hauptsache gegen das amerikanische Kapital richtete, mißbilligte man in Argentinien die offenkundige Bevorzugung englischen Kapitals, worauf das katastrophale Nachlassen des Warenaustausches mit Nordamerika und die dadurch entstandene Wirtschaftskrise zurückgeführt wurden. Es ist gar nicht so ausgeschlossen, daß diese Propaganda und dieser Kampf gegen bestimmte ausländische Kapitalinteressen auch auf das Eingreifen ausländischer Gegeninteressen zurückzuführen ist.

Argentiniens Präsident Yrigoyen: Erst geliebt, dann gestürzt

In Argentinien kündigte sich der Umsturz schon seit einigen Monaten an. Während noch 1928 der Präsident Yrigoyen der erklärte Liebling des Volkes war und bei den Präsidentenwahlen zwei Drittel aller abgegebenen Stimmen auf sich vereinigen konnte, schlug diese Stimmung in überraschender Weise in verhältnismäßig kurzer Zeit in das gerade Gegenteil um, so daß heute der Präsident beinahe ohne ernstliche Gegenwehr und fast ohne Freunde dem Ansturm einer Volkswelle weichen mußte, die ihn einfach wegfegte.

Wenn hierfür auch zweifellos die bisher bereits angeführten allgemeinen Gründe zu einem großen Teil schuld gewesen sein mögen, so kommen im Falle Yrigoyen doch auch noch ganz bestimmte Umstände dazu, die zwangsläufig eine Situation ergaben, aus der es kaum noch einen anderen Ausweg gab. Der 77-jährige Yrigoyen war eigensinnig und starr. Er glaubte, sich über alle Bedenken hinwegsetzen zu können und schenkte weder der immer stärker einsetzenden öffentlichen Kritik noch den Ratschlägen seiner eigenen Freunde irgendwelche Beachtung.

So kam es schon vor vier Wochen zu einem aufsehenerregenden „Manifest“ von vierundvierzig führenden oppositionellen Abgeordneten und Würdenträgern, in dem die schwersten Anklagen gegen die Regierung erhoben wurden. Vor allem wurde dargelegt, daß das republikanische Regierungssystem durch die willkürlichen und despotischen Taten der Regierung praktisch beseitigt worden sei. Die Regierung habe durch ihre Interventionspolitik die Unabhängigkeit der Provinzen verletzt, ebenso zahllose Gesetze, die den Unterricht, die Organisation des Heeres und der Marine, die Rechnungsablage, die Wahlen, den Achtstundentag und zahllose andere Gebiete des öffentlichen Lebens betreffen.

Auch an die internationalen Abmachungen habe sich der Präsident nicht gehalten (besonders durch seine ausgesprochen feindliche Politik gegenüber den Vereinigten Staaten), und die öffentlichen Gelder seien nach der Laune des Präsidenten verschleudert worden.

Yrigoyen hat nun, wie die letzten Bericht melden, die Konsequenz gezogen und seine Abdankungsurkunde unterzeichnet. Die Militärjunta, die den Umsturz herbeiführte, hat erklärt, daß keines ihrer Mitglieder die Präsidentschaft annehmen werde. Man wird somit abwarten müssen, wie die kommende Regierung aussehen wird, um irgendwelche Prognosen für die Zukunft Argentiniens aufzustellen.

Heute kann nur ganz allgemein gesagt werden, daß ganz Südamerika von einer Welle der Unruhe heimgesucht zu sein scheint, die ausländische Beobachter sehr bedenklich stimmen muß. Es wird schon von Kritikern eingewendet, daß in Südamerika gewöhnlich auf starke und kräftige Präsidenten schwache und weniger fähige Regierungen zu folgen pflegen. Nun ist es ja gewiß, daß sowohl in Bolivien wie auch in Peru und jetzt in Argentinien die Präsidenten auch sehr viel Gutes für ihr Land getan haben, und man weiß noch nicht, ob auf den „eisernen Besen“ Yrigoyens nun in den beiden Ländern eine Regierung folgen wird, die gleich kraftvoll sich der gegnerischen Interessentengruppen erwehren wird.

Es ist im Hinblick auf das Kliquenwesen in den südamerikanischen Republiken nicht leicht, Präsident zu sein. Aus sich häufenden Meldungen erfährt man, daß auch gegen den sonst als außerordentlich fähig bekannten chilenischen Präsidenten Ibañez eine Aufstandsbewegung im Gange sein soll, ähnliches hört man aus Paraguay, aus Kuba und Brasilien.

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Wie immer aber auch das künftige Gesicht Südamerikas aussehen wird: das Entscheidende wird nicht so sehr sein, welche Männer in den einzelnen Republiken regieren werden, sondern daß diese Regenten sich mehr und mehr auf die Tatsache einstellen müssen, daß die Opposition jederzeit an das Volk zu appellieren vermag, sowie nationale südamerikanische Interessen in Gefahr empfunden wird.

Man wird von dieser Warte aus die künftigen Bemühungen der englischen und der amerikanischen Interessenten, die sich allem Anschein nach eben zu einem Hauptkampf um Südamerika rüsten, mit besonderem Interesse verfolgen müssen. – Im nächsten Frühjahr wollte der Prinz von Wales einen Besuch in Buenos Aires machen – ob er an seinen Reiseplänen auch noch nach der veränderten Situation festhalten wird?

Hintergrund

Die Weltwirtschaftskrise 1929 ließ die Rohstoffpreise in den Keller fallen. Das traf besonders viele südamerikanische Staaten sehr hart, deren Export von landwirtschaftlichen Gütern in den1920er Jahren aufblühte. Mit der strauchelnden Wirtschaft geriet in vielen Ländern auch die Politik ins Taumeln.

In Argentinien kommt es im September 1930 zum ersten Militärputsch gegen Präsident Hipólito Yrigoyen. Er war Mitglied der Unión Cívica Radical, der Radikalen Partei, und setzte sich für die argentinische Arbeiter- und Mittelklasse ein. Zwei Mal wählen ihn die Argentinier zum Staatspräsidenten: Seine erste Präsidentschaft begann 1916 und endete 1922. 1928 kam er wieder ins Präsidentenamt, wobei er im September 1930 gestürzt wurde.

Auch dem peruanischen Präsidenten Augusto Leguía wurde die Weltwirtschaftskrise zum Verhängnis. Ende August 1930 wurde er durch einen Staatsstreich abgesetzt und wegen Veruntreuung angeklagt (ngra.).

Quelle: ngra.
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