Frankfurter Zeitung 24.08.1930

Wenn Albert Einstein scherzt

25.08.2020
, 12:47
Der Physiker hält eine Eröffnungsrede zur internationalen Funkausstellung in Berlin. Dass der eher als unsicher geltende Albert Einstein Humor zeigt, beeindruckt auch den anwesenden Reporter der Frankfurter Zeitung.

Inmitten des weiten, gartenähnlich gepflegten Vierecks der Hallen am Kaiserdamm, in das die Spätsommersonne üppiges Licht schüttet, hebt sich schwärzlich ab das Parkett der geladenen Gäste („dunkler Rock erbeten“). Es wird vom Photographen und Kinooperateuren umschwärmt, die für ihr Ziel, die Rendertribüne, das beste Schußfeld suchen.

Von dort ist gerade verkündet worden, daß die Funkausstellung eröffnet sei. Und nun steht in der vorderen Stuhlreihe ein mittelgroßer weißhaariger Herr auf und steigt, ein wenig schüchtern, hinter das Pult mit den beiden Mikrophonen. Er legt ein Manuskript vor sich hin und beginnt es vorzulesen, mit lind eingehender Stimme und naiv treuherziger Betonung, hübsch Zeile für Zeile, und wenn eine Seite zu Ende ist, hält er inne, legt sorgfältig das alte und das neue Blatt um, und dann kann es weitergehen.

Ein humoriger Vergleich bringt die Hörer zu herzlichem Lachen: der Mensch, der sich nicht um den Geist der technischen Mittel kümmert, die er gern benutzt, ist wie die Kuh, die nichts von der Botanik der Pflanzen weiß, die sie behaglich frißt. Da stutzt Einstein für einen Augenblick und schmunzelt ein wenig, als sage er sich, da hast du eigentlich einen netten Einfall gehabt für so eine vertrackte Eröffnungsrede.

Ja, dieser Mann, der sich ein bißchen unsicher in der Rolle fühlt, hier vor so viel Menschen eine Ansprache halten zu müssen, und der, auch, nicht im entferntesten vergleichbar ist auch nur dem letzten jener im flotten oratorischen Wettbewerb loslegenden Primaner, dieser Mann ist Albert Einstein, und eben deshalb – kein Rhetor. In seinem Wesen, das eins ist mit seiner Leistung, ist kein Raum für den gewollten Effekt, kein Sinn für die Kontrolle der persönlichen Wirkung. Dieser Kopf da ist die Ausprägung des ihm gegebenen Gesetztes, eine klar Konstruktion gleichsam, mit den kräftig nach oben gezogenen Augenbogen und dem ebenmäßig hoch aufsteigenden Stirngewölbe, über dem, gekämmt vom leichten Wind, das weiße Haargezüngel spielt wie die dem wohldisziplinierten Gedankenmarsch vorausgeschickten Patrouillen der Phantasie.

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Jetzt ist dieser Kopf gerahmt von zwei Mirkophonen, und im Hintergrund ragt der Funkturm, ein schmaler, schlanker, stählerner Kristall, geformt nach unverrückbaren Gesetzen. Ein Zufall - aber kein Maler Einsteins vermöchte eine großartigere Symbolik zu finden.

Quelle: ngra.
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