Frankfurter Zeitung 24.10.1930

Elisabeth Altmann-Gottheiner: Deutschlands erste Professorin

Von Dorothee von Velsen
Aktualisiert am 27.10.2020
 - 08:25
Berlin im März 1912: Elisabeth Altmann-Gottheiner hinten links auf dem ersten deutschen Frauenkongress.
Eine der ersten Professorinnen: Nationalökonomin Elisabeth Altmann-Gottheiner beschäftigte sich nicht nur wissenschaftlich mit Arbeiterinnen. Eine Weggefährtin würdigt ihr Engagement als Frauenrechtlerin.

Elisabeth Altmann-Gottheiner, die der Tod vor wenigen Tagen der deutschen Frauenbewegung und der Wissenschaft entrissen hat, ist in den letzten Jahren nur noch selten an die Oeffentlichkeit getreten. Angespannte Arbeit für ihre Vorlesungen an der Handelshochschule Mannheim, später eine grausame Krankheit zwangen sie, ihre Wirksamkeit einzuschränken. Ihr Name ist aber so eng mit der Geschichte der deutschen und auch der internationalen Frauenbewegung verknüpft, daß diese in erster Linie genannt werden darf unter den Gebieten, denen die Arbeit der Verstorbenen gegolten hat – wenn es auch schwer ist, die Grenzen zwischen Frauenbewegung und Sozialpolitik, Sozialpolitik und Wissenschaft zu ziehen. Schwer bei Betrachtung namentlich dieses Lebens, das jede Tätigkeit gleich intensiv, gleich gründlich und systematisch aufnahm.

1874 als Tochter des Geh. Baurats Gottheiner in Berlin geboren, genoß Elisabeth Altmann-Gottheiner zunächst den üblichen Schulunterricht, erweiterte aber nach dessen Abschluß ihre Kenntnisse bedeutend und begann, dem Beispiel des Vortrupps akademischer Frauenarbeit folgend, das Studium der Volkswirtschaft. Zunächst in London, dann in Berlin und in Zürich, wo sie 1902 mit einer Dissertation über „Die Wuppertaler Textilindustrie und ihre Arbeiter“ promovierte.

Diese Schrift hat fast paradigmatischen Charakter für die weiteren wissenschaftlichen Forschungen Elisabeth Altmann-Gottheiners; befaßt sie sich ja einmal mit den Zuständen eines wichtigen Produktionszweiges und sodann mit der Lage der Menschen, die in ihm beschäftigt sind. In dieser Richtung sollten sich auch ihre weiteren Untersuchungen bewegen; wir nennen nur „Die gewerbliche Arbeiterinnenfrage“ und „Die Entwicklung der Frauenarbeit in der Metallindustrie“.

Die Lage der Arbeiterinnen

Naturgemäß interessierte sie das Schicksal der weiblichen Arbeiterschaft in besonderem Maße, und sie verstand es ausgezeichnet, auch in mündlicher Darstellung, sich den geistigen Voraussetzungen des jeweiligen Hörerkreises anpassend, ein lebendiges Bild der Verhältnisse zu geben. Ihr ruhiger klarer Vortrag, die einleuchtenden Beispiele und Belege, vor allem die starke innere Wärme, die auch die trockene Statistik zu beleben vermochte, fesselten die Zuhörer vom ersten Satze an.

Diese Fähigkeit, darzustellen und vorzutragen, machte sie in hohem Grade zum Dozenten geeignet, und es erfüllte weite Kreise mit Genugtuung, als die Handelshochschule Mannheim, sich fortschrittlich über veraltete Bedenken hinwegsetzend, Dr. Altmann-Gottheiner 1908 mit einem Lehrauftrag für die Fächer Volkswirtschaft, Sozialpolitik und verwandte Gebiete betraute. An dieser Stätte hat sie seitdem dauerend gewirkt und dort als eine der wenigen deutschen Frauen den Professorentitel erhalten.

Ein freundliches Schicksal hatte es gefügt, daß sie bald nach Abschluß ihrer Universitätsstudien einen Lebensgefährten gefunden hat, mit dem sie volle Uebereinstimmung der Interessen und Ueberzeugungen verband. Die Arbeit Prof. Dr. P.G. Altmanns hat wohl bei niemand eingehenderes Verständnis gefunden als bei Elisabeth Altmann-Gottheiner, und sie wiederum konnte bei ihm die gleiche Würdigung voraussetzen. Ein beglückendes Beispiel dessen, was die Ehe unter modernen Verhältnissen an neuen Werten hervorzubringen vermag. Und welche Fülle feinen menschlichen Verstehens, zarter Rücksicht und Schonung in diesem Hause waltete, konnten diejenigen erfahren, die in den Jahren als das Leid der Krankheit sich noch nicht allzu tief herabgesenkt hatte, die ruhigen büchergefüllten Zimmer betreten durften.

Auch über Probleme der Frauenbewegung, die ja auch in harmonischen Ehen einen Stein des Anstoßes bilden können, herrschte bei dem Ehepaar die gleiche Ueberzeugung. Tatsächlich ist das Leben Elisabeth Altmann-Gottheiners von diesen Fragen nicht zu trennen.

Weggefährtin einflussreicher Frauen

In Berlin gehörte sie mit Selbstverständlichkeit dem Kreise um Helene Lange an, in Frankfurt, wohin sie später übersiedelte, verband enge Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft sie mit Jenny Apolant, in Mannheim nahm sie regen Anteil an der Arbeit der Organisationen, die unter der Führung Julie Bassermanns und Alice Bensheimers ins Leben getreten werden. Ueber die lokale Wirksamkeit hinaus war sie lange Jahre hindurch tätig im Verband zweier großer Frauenverbände, des Bundes deutscher Frauenvereine und des Allgemeine Deutschen Frauenvereins (des jetzigen Deutschen Staatsbürgerinnen-Verbandes); für letzteren gab sie seit 1912 die Zeitschrift „Neue Bahnen“ heraus, ein ausgezeichnetes allgemein orientiertes Blatt, das bis zu Inflation, der so viele Veröffentlichungen zum Opfer fielen, einem festen Leserkreis Richtlinien und wertvolle Anregungen vermittelte.

Als die Zunahme wissenschaftlicher Arbeit Elisabeth Altmann-Gottheiner zwang, ihre Vereinstätigkeit einzuschränken, führte sie auf allgemeinen Wunsch eine wichtige Aufgabe fort, den Vorsitz des Ausschusses für Arbeiterinnenfragen beim Internationalen Frauenbund. Die dort zur Erörterung stehenden Probleme waren unter ihrer Leitung einer fachgemäßen Bearbeitung sicher, und noch vor kurzem ist sie in der neu umstrittenen Frage der Arbeiterinnenschutzgesetzgebung mit einer zusammenfassenden Darstellung (in der Zeitschrift „Die Frau“) hervorgetreten, die die Argumente der Gegner solcher Bestimmungen entkräftet. Für die internationale Arbeit macht auch ihre große Sprachbeherrschung sie vorzüglich geeignet; ihre stets freundliche Bereitschaft, für Ungeübte zu übersetzen und zu interpretieren, gewann ihr viele Freunde. Wir Mitglieder der deutschen Frauenbewegung wußten im internationalen Kreise deutsche Arbeit und Leistung stets hervorragend gut durch sie vertreten.

Neben dem Verkehr mit der Frauenbewegung pflegte Elisabeth Altmann-Gottheiner einer lebhafte Verbindung mit Organisationen der Arbeiterschaft und mit Vereinen, die sich mit deren Lage beschäftigen. Den ausgezeichneten Konferenzen des „Vereins zur Förderung der Arbeiterinneninteressen“ (Berlin) hat sie stets beigewohnt, an der Behandlung der zur Erörterung stehenden Fragen lebhaft mitgewirkt. Der heutige Stand der Untersuchung der Arbeiter- und vor allem der Arbeiterinnenprobleme baut sich mit auf ihre Darstellungen auf.

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Daß eine so an brennenden Fragen der Gegenwart teilnehmende Natur politisch der Zukunft zugewandt sein mußte ist klar. Wenn Elisabeth Altmann-Gottheiner trotzdem in der Politik wenig hervorgetreten ist, so lag es im Wesentlichen an der Ueberfülle drängender Berufsarbeit, die ihre zarte Konstitution sehr belastete. Immer stärker trat bei ihr das Bedürfnis hervor, sich Stunden gesammelter Arbeit zu sichern, Stunden auch der Ruhe für Bewältigung menschlicher Aufgaben, die viel von ihr verlangten. Die letzte Krankheit hat sie geheißen, sich mit der vornehmen Würde, die sich auszeichnete, ganz auf sich zurückzuziehen. Auch nahe Arbeitsgenossen wußten wenig von den Schatten, die sie schon lange umgaben, und stehen erschüttert vor dem allzu frühen Abschluß dieses Lebens. Doch nehmen sie die Gewißheit hinweg, daß die Kraft, die dieses Dasein gestaltet hat, auch über den Tod hinaus lebendig wirkt in Taten und im Geiste.

Quelle: ngra.
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