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Er zeigt, wo’s langgeht: Premierminister Winston Churchill überquert mit Feldmarschall Bernard Montgomery und weiteren Soldaten den Rhein.

Churchill am Niederrhein

Von REINER BURGER
Er zeigt, wo’s langgeht: Premierminister Winston Churchill überquert mit Feldmarschall Bernard Montgomery und weiteren Soldaten den Rhein. Foto: ddp

24. März 2020 · Winston Churchill reiste oft an die Front – auch vor 75 Jahren, beim Übertritt der Alliierten über den deutschen Schicksalsfluss.

Winston Churchill hatte ein feines Gespür für bedeutende Momente. Deshalb wusste er, dass die alliierte Rheinquerung nördlich des Ruhrgebiets nicht nur ein spektakuläres militärisches Unternehmen werden würde, sondern auch ein wichtiger symbolischer Akt auf dem schon so langen Weg zum endgültigen Sieg über Hitler-Deutschland. Bei diesem großen Ereignis am deutschen Schicksalsfluss wollte der britische Premierminister unbedingt dabei sein. Also brach er am Nachmittag des 23. März 1945 vom Royal-Air-Force-Stützpunkt Northolt bei London in Richtung Niederrhein auf. Mit ihm an Bord der Douglas-Dakota waren neben der Besatzung seine fünf wichtigsten Mitarbeiter und Berater.

Der britische Premierminister war ein rastlos Reisender. Kein anderer Staatsmann war damals auch nur annähernd so mobil. Churchill-Forscher haben ausgerechnet, dass er in den ersten vier Jahren des Kriegs rund 180.000 Kilometer zu Lande, zu Wasser und zuletzt immer häufiger in der Luft zurückgelegt hat. „Bei seinen Treffen mit Roosevelt und Stalin in Washington und Moskau und anderswo und bei seinen zahllosen Besuchen an vorderster Front, in der Regel in irgendeiner Uniform, in Frankreich, Nordafrika, Italien und schließlich gegen Kriegsende am Niederrhein scheute Churchill weder Unbequemlichkeiten noch Gefahren für Leib und Leben“, schreibt sein Biograf Peter Alter.

F.A.Z.-Karte sie.

Auch bei der alliierten Landung in der Normandie im Juni 1944 wäre Churchill gerne von Beginn an dabei gewesen. Feldmarschall Sir Bernard Montgomery und der König waren dagegen. Georg VI. persönlich musste Churchill die Idee ausreden. „Lieber Winston“, schrieb der besorgte König, „ich ... möchte Sie in allem Ernst bitten, Ihre Absicht noch einmal zu erwägen.“ Widerwillig beherzigte der Premierminister den royalen Rat. Zunächst verfolgte er die Operation Overlord von London aus, zunehmend besorgt und ungeduldig. Am vierten Tag nach der Landung macht er sich dann doch auf den Weg.  

Nun, Anfang 1945, war Churchills Groll über die verpasste Chance noch immer nicht ganz verflogen. Der Premierminister hatte einen Verdacht: So wie Montgomery ihn von der Normandie fernzuhalten versucht habe, so wolle der Feldmarschall ihn nun auch von der Operation Plunder fernhalten, der Rheinüberquerung. Feldmarschall Alan Brooke, der Chef des Generalstabs der britischen Landstreitkräfte und Churchills wichtigster militärischer Berater, ließ Montgomery das in einem zugleich launigen und mahnenden Brief wissen. „Ich kann Ihnen versichern, dass er entschlossen ist, zum Übergang über den Rhein zu erscheinen, und dass er jetzt davon spricht, in einen Panzer zu klettern! Ich glaube, das Ungefährlichste wäre, einen einigermaßen sicheren Beobachtungspunkt ausfindig zu machen (nicht zu weit hinten, sonst ist der Teufel los), zu dem er gebracht werden kann und von wo er genug sehen und ihm erklärt werden kann, was vor sich geht.“  


„Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“
WINSTON CHURCHILL

Seit Anfang 1945 zeichnete sich ab, dass der alles entscheidende Durchbruch amerikanischer, britischer und kanadischer Truppen an der Westfront zwischen Emmerich und Wesel stattfinden würde. Wäre der Rhein dort endlich überquert, würde die alliierte Riesenarmee das Ruhrgebiet umschließen und sodann zügig ins Reich vorstoßen können. Nach wenigen weiteren Wochen wäre Hitler dann niedergerungen. Nichts weniger als das hatte Churchill in auswegloser Lage gut fünf Jahre zuvor Volk und König versprochen. Einen erbitterten Kampf hatte der neue Premierminister angekündigt – "zu Wasser, zu Lande und in der Luft“. Mit aller Macht und aller Kraft gelte es, „Krieg zu führen gegen eine ungeheuerliche Tyrannei, die in dem finsteren, trübseligen Katalog des menschlichen Verbrechens unübertroffen bleibt“. Klarsichtig wie kein anderer britischer Politiker hatte Churchill von Beginn an vor Hitler gewarnt, war darüber in den dreißiger Jahren zum einsamen Rufer in der Wüste, zum politischen Outcast geworden. Doch im Mai 1940, da weite Teile Nord-und Westeuropas durch Hitlers Armeen okkupiert waren, die Landung deutscher Truppen an den Küsten Britanniens nur noch eine Frage der Zeit schien, wurde der entschiedene Gegner der Appeasement-Politik regelrecht an die Macht katapultiert. Nun war allen klar: Wenn uns noch jemand retten kann, dann Churchill.

„Ich habe nichts zu bieten als Blut, Mühsal, Tränen und Schweiß“, hatte Churchill im Unterhaus in seiner nüchternen, pathetischen, kurzen Rede gesagt, die seine berühmteste werden sollte. „Sie fragen: Was ist unser Ziel? Ich kann es in einem Wort nennen: Sieg – Sieg um jeden Preis, Sieg trotz allem Schrecken, Sieg, wie lang und beschwerlich der Weg dahin auch sein mag.“ In diesen dunklen Wochen gelang der Armeeführung ein wundersamer Coup: Nach der Kapitulation Frankreichs im Juni 1940 war das britische Expeditionskorps auf dem Kontinent in eine im Wortsinn ausweglose Lage geraten. Jedes Schiff, jedes Boot, alles was einen Kiel hatte, gerade noch als seetauglich eingestuft werden konnte, wurde für eine in der Geschichte beispiellose Evakuierung eingesetzt. Also nicht nur alles, was die Marine aufzubieten hatte, sondern auch eilig requirierte Segeljollen und Fischkutter. Zwar mussten die Briten Unmengen von Waffen und Ausrüstung an der französischen Kanalküste zurücklassen. Doch beinahe 340.000 Mann konnten sie aus dem eingekesselten Brückenkopf Dünkirchen auf die Insel zurückführen. Die in aller Eile improvisierte Aktion war kein militärischer, wohl aber ein psychologischer Wendepunkt. Ihr Erfolg stärkte die britische Moral ungemein. Dass Churchill keine Zweifel an seiner Siegeszuversicht zuließ, schien nun gar nicht mehr so irrational.

Und er kommt an sein Ziel: Der britische Premierminister betritt am 25. März 1945 das östliche Ufer des Rheins.
Und er kommt an sein Ziel: Der britische Premierminister betritt am 25. März 1945 das östliche Ufer des Rheins. Foto: Getty
Und er kommt an sein Ziel: Der britische Premierminister betritt am 25. März 1945 das östliche Ufer des Rheins. Foto: Getty

Nahe Dünkirchen erreichte Churchills Dakota am Nachmittag des 23. März 1945 den französischen Luftraum. Über Brüssel flog der Premierminister nach Venlo an der Grenze zu Deutschland. Auf einem von Bombentrichtern übersäten Rollfeld landete das Flugzeug. Von dort ging es nach Walbeck, wo Montgomery soeben sein Hauptquartier aufgeschlagen hatte. Beim Tee erläuterte der Feldmarschall „den Angriffsplan zum Übergang über den Rhein, der heute Nacht auf einer Frontbreite von zwei Armeen beginnt, mit der amerikanischen 9. Armee als rechtem und der britischen 2. Armee als linkem Flügel“, notierte Alan Brooke in sein Tagebuch.

Nach dem Abendessen nahm der Premierminister Brooke mit auf einen Spaziergang. „Wir wanderten im Mondlicht auf und ab; es war eine herrliche Nacht, und wir genossen das Bewusstsein, im bedeutungsvollen Augenblick des Rheinübergangs hier zu sein“, heißt es in Brookes Aufzeichnungen. „Es ist schwer, sich vorzustellen, dass 25 Meilen von hier entlang dem Rheinufer Hunderte Männer in tödliche Kämpfe verstrickt sind, während weitere Hunderte sich zusammenreißen, um es mit einer der schwersten Prüfungen ihres Lebens aufzunehmen.“


„Churchill brachte es offensichtlich immer zuwege, sich im Kampfgebiet aufzuhalten, wenn eine besonders wichtige Operation anlief.“
DWIGHT D. EISENHOWER

Schwer war die Prüfung auch für die Deutschen. Schon seit Februar hatten britische Bomberverbände heftige Angriffe am Niederrhein geflogen. Wesel war nach einer dritten Welle bereits am 19. Februar fast vollständig zerstört worden. Am Abend des 23. März griffen noch einmal 200 Flugzeuge an – auch die Ruinen, so glaubten die Alliierten, konnten noch genug Verteidigungswert für die Wehrmacht haben. Doch nun war Wesel pulverisiert. Montgomery sprach von einem „Meisterwerk“, das es seinen Truppen möglich machte, noch vor Mitternacht in die Stadt auf der östlichen Rheinseite einzudringen. Kopfzerbrechen bereitete ihm unterdessen der hohe Besuch aus London: Der Feldmarschall hatte sich vorgenommen, den Premierminister im Blick zu behalten, um sicherzustellen, „dass er sich nur dorthin begibt, wo er niemanden stört“.

Doch am Samstagmorgen wollte Churchill rasch an die Front. Wie angekündigt kletterte er auf einen Panzer. Auf einem Foto ist Churchill zu sehen, wie er sich auf dem Fahrzeug sitzend durch das Örtchen Kehrum zu einem Aussichtspunkt südlich von Kalkar fahren lässt . Bei Xanten beobachtete er von einer Anhöhe aus das größte Luftlandeunternehmen, das im Zweiten Weltkrieg an einem Tag stattfand: Mehr als 14.000 Fallschirmspringer wurden an jenem 24. März ins Gefecht gebracht. „Es war heller Tag, als sich das ferne, aber intensive Dröhnen und Brummen von großen Schwärmen von Flugzeugen bemerkbar machte. Dann strömten in einer halben Stunde mehr als 2000 Flugzeuge in ihren Formationen über unseren Köpfen“, schrieb Churchill in „Triumph and Tragedy“, seinem mehrbändigen Buch zum Zweiten Weltkrieg. Auch ans Flussufer wollte Churchill endlich. Er wollte „an den Rheinübergängen herumbummeln, und wir hatten Mühe, ihn zurückzuhalten. Schließlich aber benahm er sich vernünftig“, notierte Brooke in sein Tagebuch.

Umso begeisterter war Churchill, als ihm am folgenden Tag Dwight D. Eisenhower, der Oberbefehlshaber der alliierten Streitkräfte in Europa, eine Fahrt nach Büderich vorschlug. Dort hätten die Amerikaner ein Haus mit Sandsäcken gesichert. Es handelte sich um die Gaststätte „Wacht am Rhein“. Churchill erinnerte sich später: „Die Offiziere sagten uns, dass das andere Ufer, soweit sie wüssten, unbesetzt sei, und so schauten und beobachteten wir eine Zeit lang. Unter angemessenen Sicherheitsvorkehrungen wurden wir dann in das Gebäude geführt.“ Vom Balkon der Gaststätte aus beobachtete Churchill gemeinsam mit Montgomery und Eisenhower eine Weile den Übersetzverkehr der Fähren. Der Premierminister ließ sich auf einen Stuhl nieder und verlangte ein Fernglas. „Churchill brachte es offensichtlich immer zuwege, sich im Kampfgebiet aufzuhalten, wenn eine besonders wichtige Operation anlief“, schrieb Eisenhower in seinen Memoiren. „An diesem Morgen war er sehr gut aufgelegt, und uns ging es ja nicht anders. Er rief ein ums andere Mal: ‚Mein lieber General, die Deutschen sind geschlagen. Jetzt haben wir sie. Jetzt sind sie fertig.'“

Churchill am 25. März 1945 in den Trümmern der „Rheinbaben-Brücke“ in Wesel.
Churchill am 25. März 1945 in den Trümmern der „Rheinbaben-Brücke“ in Wesel. Foto: Picture-Alliance

Als sich Eisenhower auf dem Balkon der „Wacht am Rhein“ verabschiedet hatte, weil andere Pflichten warteten, sah Churchill ein Panzer-Landungsschiff, das in der Nähe ankerte. „Also sagte ich zu Montgomery: ‚Warum setzen wir nicht über und schauen uns die andere Seite an?‘ Einigermaßen überrascht hörte ich ihn antworten: ‚Warum nicht?'“ Montgomery holte noch Erkundigungen ein, dann setzten er, Churchill und Brooke gemeinsam mit einigen amerikanischen Soldaten über. „In hellstem Sonnenschein und absolutem Frieden landeten wir am deutschen Ufer und gingen dort eine halbe Stunde unbelästigt spazieren“, erinnerte sich Churchill später. Selbst der bisher so bedenkenträgerische Brooke konnte sich dem Zauber des Moments nun nicht mehr entziehen: „Es war sehr erregend, den Fuß auf das andere Ufer zu setzen.“

Derweil bemerkte Montgomery, dass Churchills Abenteuerlust noch nicht gestillt war, denn nun sagte er: „Fahren wir zur Eisenbahnbrücke nach Wesel, wo wir sehen können, was vorgeht.“ Die Stimmung war prächtig. Erstaunlich agil kraxelte der 70 Jahre alte Premierminister durch die Trümmer der zerstörten Eisenbahnbrücke in Wesel. Sein Markenzeichen, die Zigarre, behielt er selbst dann noch im Mundwinkel, als wieder geschossen wurde: Nur ein paar hundert Meter entfernt schlugen deutsche Granaten ein. Der für den Frontabschnitt zuständige amerikanische General bestand darauf, den Ausflug rasch abzubrechen. „Das Gesicht, das Winston jetzt machte, glich genau dem eines kleinen Jungen, den das Kinderfräulein von seiner Strandburg wegholt! Er legte beide Arme um eine der verbotenen Brückenstreben und guckte mit Schmolllippen und ängstlichen Augen“, notierte Brooke. „Gott sei Dank ging er ruhig weg. Aber die Trennung kam ihm schmerzlich an. Es war ihm ein unermessliches Vergnügen gewesen.“ Die Schilderungen von Feldmarschall Brooke, dem späteren Lord Alanbrooke, erwecken mitunter den Eindruck, bei Churchills Drei-Tage-Besuch am Niederrhein habe es sich um die skurrile Sightseeing-Tour eines abenteuersüchtigen älteren Herrn gehandelt.

Doch das wird dem Premierminister nicht gerecht. Seine vielen Frontbesuche unternahm Churchill, der Oberbefehlshaber, in erster Linie, um sich aus erster Hand zu informieren und um die Moral der Truppe und den Durchhaltewillen zu Hause zu stärken. Deshalb hieß er es ausdrücklich gut, dass über die meisten seiner Visiten ausführlich in der Presse berichtet wurde. Auch die Etappen der Niederrhein-Tour wurden von Militärfotografen gut dokumentiert. Churchill zählte zu den ersten Staatsmännern, die Symbolpolitik und Öffentlichkeitsarbeit systematisch für sich einzusetzen wussten. Hinzu kam nach Einschätzung von Historiker Alter: „Die Nähe der Front und die Gesellschaft der einfachen Soldaten, mit denen er sprach und scherzte, suchte er auch aus ganz persönlichen Gründen. Sie gaben ihm das stimulierende Gefühl, sich mitten im Geschehen aufzuhalten, am Ort der Entscheidung zu sein – das Gefühl von Drama, Abenteuer und Kampf, das er seit Jugendzeiten liebte.“

Auf dem Balkon der Gaststätte „Wacht am Rhein“ in Büderich: Winston Churchill, Dwight D. Eisenhower und Bernard Montgomery blicken zufrieden auf ihre Erfolge.
Auf dem Balkon der Gaststätte „Wacht am Rhein“ in Büderich: Winston Churchill, Dwight D. Eisenhower und Bernard Montgomery blicken zufrieden auf ihre Erfolge. Foto: Imperial War Museum
Auf dem Balkon der Gaststätte „Wacht am Rhein“ in Büderich: Winston Churchill, Dwight D. Eisenhower und Bernard Montgomery blicken zufrieden auf ihre Erfolge. Foto: Imperial War Museum

Bei seinen Reisen an die Front legte Churchill jedoch stets Wert darauf, voll arbeitsfähig zu sein. Auch in Montgomerys Hauptquartier am Niederrhein warteten auf den Premierminister stapelweise Briefe und Akten, die man ihm aus London nachgeschickt hatte. Zahlreiche Fernschreiben erreichten Churchill während der drei Tage, darunter am 23. März auch ein – wie sein Privatsekretär festhielt – "bösartiges Telegramm“ des sowjetischen Außenministers Wjatscheslaw Molotow, „der die Frechheit besaß, am Vorabend unserer möglicherweise kriegsentscheidenden Operation darauf hinzuweisen, dass die Russen die Hauptlast des Kriegs trügen“. Churchill diktierte eine Antwort, verwarf sie, diktierte eine zweite, verwarf auch diese, und entschloss sich, die Sache lieber noch einmal sorgfältig zu überdenken. Nach dem geglückten Durchbruch am Rhein kabelte Churchill am 25. März an Anthony Eden, seinen Außenminister, er verstehe die Angst der Russen, denn die Westalliierten könnten nun die Elbe oder gar Berlin vor den sowjetischen Truppen erreichen. Am Niederrhein hätten er und seine Begleiter jedenfalls einen „vergnüglichen Tag“ gehabt, hieß es in dem Telegramm weiter. „Wir haben den Rhein überquert.“ Zweifellos war es eine große Genugtuung für ihn, „das Ostufer des traditionellen deutschen Verteidigungsriegels betreten zu können“, schrieb Eisenhower in seinen Memoiren. „Vielleicht sah er darin eine für die endgültige Niederlage des Feindes symbolische Handlung – eines Feindes, der England fünf Jahre zuvor an die Wand gedrückt hatte.“

Über eine gerade fertiggestellte Behelfsbrücke fuhr Churchill am 26. März noch einmal ans andere Ufer. Zur Gruppe war nun General Neil Ritchie gestoßen, der seit 1939 im britischen Expeditionscorps unter Brooke gedient hatte. „Ein seltsames Gefühl, zusammen mit dem alten Ritchie am Ostufer des Rheins entlangzufahren und an unseren gemeinsamen Rückzug aus Dünkirchen zu denken“, notierte Brooke in sein Tagebuch. „Ich kann es fast nicht glauben, dass wir nach diesen sechs Jahren endlosen qualvollen Ringens endlich auf der Schwelle zum Ende stehen.“ In einem Buffalo-Schwimmpanzer ließ sich Churchill zurück ans Westufer bringen. Mit Montgomery und Brooke picknickte er in schönstem Frieden, wo wenige Stunden zuvor noch die Front verlaufen war. Um kurz nach 16 Uhr startete die Dakota mit Churchills Reisegesellschaft in Venlo. „Der Premierminister arbeitet in der Maschine, in der es abwechselnd zu heiß und zu kalt war“, notierte sein Privatsekretär. „Nach einem aufregenden Wochenende mit herrlichem Wetter kehrten wir in bester Gesundheit und Gemütslage nach Northolt zurück.“

Bald schon aber sollte sich Churchills Laune drastisch verschlechtern, denn die Sowjetunion hielt sich immer häufiger nicht an Absprachen. Die bedingungslose Kapitulation Deutschlands am 8. Mai erfüllte ihn nur mit einem „kurzen Moment der Freude“. Nur vier Tage später schrieb er an den neuen amerikanischen Präsidenten Harry S. Truman sein – wie er später befand – „bedeutendstes Telegramm“. Die Lage in Europa beunruhige ihn zutiefst. Ein „eiserner Vorhang“ sei vor der russischen Front niedergegangen. „Was dahinter vorgeht, wissen wir nicht.“

Churchill hoffte, bei der Konferenz von Potsdam werde es ihm gelingen, Josef Stalin Einhalt zu gebieten. Er war überzeugt, dass die weitere Ausdehnung des sowjetischen Einflusses in Ost- und Südosteuropa verhindert werden müsse. Derweil fand in Großbritannien die überfällige Parlamentswahl statt, die sich mehr als drei Wochen hinzog. Die Dreimächtekonferenz war noch nicht zu Ende, als am 26. Juli feststand: Das britische Volk, das Winston Churchill wenige Wochen zuvor auf den Straßen des Vereinigten Königreichs als seinen Kriegshelden, als lebenden Mythos gefeiert hatte – es hatte ihn abgewählt.

24.03.2020
Quelle: F.A.Z. Magazin

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