Jüdisches Leben in Mainz

Sprechende Steine werben für Schum-Städte

Von Markus Schug
22.01.2021
, 09:00
Jüdisches Leben in Mainz reicht mehr als 1000 Jahre zurück. Der neuerliche Fund von mittelalterlichen Grabsteinen im Lauterenviertel ist dafür ein weiterer Beleg - und ein großes Plus im Bewerbungsprozess als Weltkulturerbe.

Zwischen 40 und 250 Kilogramm wiegen die behauenen Kalksandsteine, von denen bis zum Jahresende 18 unterschiedlich gestaltete Platten bei Bauarbeiten im Mainzer Lauterenviertel entdeckt worden sind. Mit Blick auf die aktuelle Bewerbung der Stadt Mainz, die im Sommer gemeinsam mit Worms und Speyer als Unesco-Welterbe anerkannt werden möchte, haben die Spolien allerdings ein noch viel größeres Gewicht: Schließlich sind die aus dem Mittelalter stammenden Grabsteine, die später offenbar in einer Befestigungsmauer am Rheinufer verbaut wurden, ein weiterer, deutlicher Beleg für die mehr als 1000 Jahre alte jüdische Geschichte in der einst auch als Magenza bekannten Stadt.

Daran erinnert nicht zuletzt der 1926 auf Initiative des damaligen Rabbiners Sali Levi angelegte Mainzer Denkmalfriedhof, auf dem viele anderswo und meist eher zufällig entdeckte jüdische Grabsteine den ihnen gebührenden Platz fanden. Dabei handele es sich um einen Ort, der „in seiner Form weltweit einzigartig ist“, sagte Kulturminister Konrad Wolf (SPD) am Mittwoch bei einer Besichtigung der im November aus altem Mauerwerk geretteten und inzwischen in ein Depot der Landesarchäologie gebrachten Relikte. Der seit dem elften Jahrhundert genutzte alte jüdischen Friedhof zwischen Mombacher Straße und Fritz-Kohl-Straße sowie die später auf einen Nachbargrundstück aufgestellten etwa 180 steinernen Denkmäler seien ein „zentrales Monument“ bei der laufenden Bewerbung als Weltkulturerbe.

Antrag in Vorprüfung sehr gut bewertet

Als dereinst bedeutende jüdische Zentren der Gelehrsamkeit am Rhein bitten die drei Schum-Städte in einem gemeinsamen Antrag um Aufnahme in die etwa 1200 Titelträger umfassende Unesco-Liste. Schum ist ein Akronym, gebildet aus den Anfangsbuchstaben der für die drei Orte im Mittelalter gebräuchlichen hebräischen Namen Schpira, Warmaisa und Magenza, in denen bis heute bedeutende Bauwerke wie Mikwen und Synagogen, aber eben auch außergewöhnliche Friedhöfe erhalten geblieben sind.

Wissen war nie wertvoller

Vertrauen Sie auf unsere fundierte Corona-Berichterstattung und sichern Sie sich mit F+ 30 Tage freien Zugriff auf FAZ.NET.

JETZT F+ KOSTENLOS SICHERN

Da der Antrag in der Vorprüfung sehr gut bewertet worden sei, geht Minister Wolf davon aus, dass das im Juni oder Juli tagende Welterbekomitee sich für die Schum-Städte entscheiden könnte. Um diese Auszeichnung bemühen sich neben anderen auch die Darmstädter Künstlerkolonie Mathildenhöhe und einige europäische Kurbäder. Zu der rheinland-pfälzischen Bewerbung und den neuen Funden von der Rheinstraße passt, dass vor allem im Spätsommer und Herbst bundesweit an „1700 Jahre jüdisches Leben in Deutschland“ erinnert werden soll. Grundlage für das bereits ausgerufene Festjahr mit bis zu 1000 Veranstaltungen und – abhängig von der weiteren Entwicklung der Corona-Pandemie – möglichst vielen „Begegnungen“ ist ein aus dem Jahr 321 stammendes Edikt des römischen Kaisers Konstantin. Sein Erlass gilt unter Experten als das älteste erhaltene Schriftzeugnis jüdischen Lebens nördlich der Alpen.

„Wir wollen zeigen, dass jüdisches Leben seit Jahrhunderten ein bedeutender Bestandteil unserer Kultur ist“, sagte Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) vor wenigen Tagen bei der Vorstellung des Programms. „Wir richten den Blick aber auch in die Gegenwart und in die Zukunft. Gemeinsam machen wir deutlich, dass jede Form von Antisemitismus bei uns keinen Platz hat.“

Zweckentfremdet als Baumaterial

Dass das Zusammenleben in früheren Zeiten auch nicht immer geklappt hat und es in Mainz mehrfach zu blutigen Pogromen gekommen ist, zeigen nach Ansicht von Landesarchäologin Marion Witteyer die mittelalterlichen Grabsteine. Sie seien wohl um 1438, also bald nachdem die damalige jüdische Bevölkerung aus der Stadt vertrieben worden war, vom Friedhof Judensand geholt und als Baumaterial zweckentfremdet worden. Mehr könne man dazu jedoch erst sagen, wenn alle Inschriften entziffert und übersetzt seien, erklärte der Mainzer Rabbiner Aharon Vernikovsky, der bei einer ersten Inaugenscheinnahme der Spolien selbst nur Textfragmente lesen konnte.

Aller Voraussicht nach werden die 18 frisch ausgegrabenen steinernen Zeugnisse nach der wissenschaftlichen Bearbeitung ebenfalls auf dem Denkmalfriedhof aufgestellt – also ganz in die Nähe jenes Bestattungsfeldes, von dem sie einst widerrechtlich weggeholt wurden. So wie es bisher schon mit fast 200 anderen jüdischen Grabsteinen und Fragmenten gemacht wurde, die bei Bau- und Grabungsarbeiten irgendwo in der mehr als 2000 Jahre alten Stadt zum Vorschein kamen. Nur das älteste Fundstück dieser Reihe, der aus dem Jahr 1049 stammende Grabstein des Jehuda ben Schneor, wird im Landesmuseum präsentiert.

Schließlich soll es sich bei dem 1922 am Gautor entdeckten Ausstellungsobjekt, das als Teil einer Brücke mit eingemauert worden war, um den ältesten datierbaren jüdischen Grabstein Mitteleuropas handeln.

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Schug, Markus
Markus Schug
Korrespondent Rhein-Main-Süd.
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot