Großbritannien

Blair mit Herzproblemen: „Nur noch eine volle Amtszeit"

01.10.2004
, 13:29
Blair beim Labour-Parteitag in Brighton
Premierminister Blair hat am Freitag in einem Londoner Krankenhaus seine Herzrhythmusstörungen behandeln lassen. Auch aus diesem Grrunde will er nur noch „eine volle dritte Amtszeit“ absolvieren.
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Premierminister Blair hat am Freitag in einem Londoner Krankenhaus seine Herzrhythmusstörungen behandeln lassen. Es war nicht ein chirurgischer Eingriff. In der nächsten Woche will er, wie geplant, eine Afrikareise beginnen.

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Dennoch hat Blair bei dieser Gelegenheit mitgeteilt, er werde nur noch „eine volle dritte Amtszeit“ absolvieren, nicht mehr eine vierte. Im kommenden Frühjahr wolle er bei der Unterhauswahl abermals antreten. Er machte damit Spekulationen ein Ende, er könnte nach der halben Legislaturperiode zugunsten von Finanzminister Gordon Brown zurücktreten. Zugleich wurde bekannt, daß die Familie Blair sich für das spätere Privatleben ein Londoner Haus gekauft hat.

„Zeit nach Blair“

Auf unterschiedliche Weise lenken diese Neuigkeiten die innenpolitische Aufmerksamkeit ruckartig auf dasselbe Stichwort: die "Zeit nach Blair". Am selben Tag hat die Labour Party eine Nachwahl in einem nordenglischen Stammwahlkreis nur noch mit Mühe gewonnen.

Die Konservativen freilich haben den Wettbewerb politisch fast nicht überlebt. Zum erstenmal seit dem Zweiten Weltkrieg kamen sie in einer Nachwahl, die üblicherweise der Opposition nützt, nur auf den vierten Platz.

Freundschaftsdienste für Mandelson

Der Wahlgang in Hartlepool war nötig, weil Blair den Labour-Abgeordneten Mandelson als EU-Kommissar nach Brüssel entsandt hat. Peter Mandelson ist ein enger Freund Blairs. Deshalb hat er zwei von Skandalen erzwungene Rücktritte als Minister ungewöhnlich gut überstanden. Und zwar paßte der preziöse "Peter" als Verkörperung der Londoner New-Labour-Schickeria denkbar schlecht in den Arbeiterwahlkreis; dennoch hatten die folgsamen Labour-Wähler ihn 2001 mit einer Mehrheit von 14500 Stimmen akzeptiert. Dieser Vorsprung ist auf 2000 geschrumpft.

Von den rund 31000 abgegebenen Stimmen waren nur noch 12500 für Labour. Fast hätten die Liberal-Demokraten der Regierung das Mandat abgenommen. Obwohl es im Wahlkreis keine ethnischen Minderheiten gibt und Europa im Wahlkampf nicht vorkam, hat die chauvinistische "Unabhängigkeitspartei" UKIP den dritten Rang gewonnen. Erst danach kamen die Konservativen mit rund neun Prozent.

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Düstere Zukunft für die Konservativen

Labour kann den knappen Sieg mit einem Stoßseufzer der Erleichterung quittieren, Oppositionsführer Howard dagegen muß eher vor Verzweiflung stöhnen. Wenn die Stimmen der Rechten auch bei der Wahl im nächsten Jahr derart geteilt werden, steht den Konservativen eine düstere Zukunft bevor.

Das robuste Mehrheitswahlrecht dürfte ihnen zwar den offiziellen Rang samt Besoldung als "Ihrer Majestät loyale Opposition" retten, aber alles andere erscheint immer irrealer. In der Partei gibt es sogar Überlegungen, nach der nächsten Katastrophe den Namen zu ändern, um den Geruch des chronischen Niedergangs der konservativen Geschichte abzustreifen. Der Parteitag der Konservativen in der nächsten Woche in Bournemouth konnte keinen schlechteren Start haben.

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Herzrhythmusstörungen

Tony Blair hat seine Sensation erst am Donnerstag abend um zehn Uhr herausgelassen, als die Wahl in Hartlepool vorbei war. Daß er an Herzrhythmusstörungen leidet, war schon seit Oktober letzten Jahres bekannt. Damals war er an einem Wochenende vom Landsitz Chequers rasch in ein Krankenhaus gebracht und unter Vollnarkose mit Elektroschocks behandelt worden.

Seither war nur noch ein anderer Gesundheitsalarm bekanntgeworden, aber wegen Magenbeschwerden. Ein Arzt war mit einem Motorrad in die Downing Street geeilt. Jetzt sagte Blair im Fernsehen, die Störungen seien seit zwei Monaten wieder aufgetreten, und er wolle sie jetzt ein für allemal beheben.

Keine Operation

Mit Hilfe eines Katheters, den man unter Röntgenbeobachtung durch eine Schlagader in das Herz leitet, wird die verantwortliche Stelle des Muskels elektrisch so behandelt, daß die Störungen nicht mehr wiederkommen. Jedermann bemüht sich, aufzuklären, es handele sich beileibe nicht um eine „Operation“, sondern nur um eine sogenannte „Prozedur“ unter lokaler Betäubung. Der Patient könne nach ein paar Stunden Ruhe wieder arbeiten, und die kurzfristigen Erfolgsaussichten und langfristigen Heilungschancen seien geradezu überwältigend gut.

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Politisch erscheint die andere Ankündigung Blairs deshalb fast noch bedeutsamer: er werde nur „eine volle dritte Amtszeit“ regieren. Das hatte er bisher nur einmal angedeutet, aber nie so deutlich gesagt. Die Verkündung muß die Kraftfelder in der Regierung und Parteiführung neu ordnen. Bis zum Ende der nächsten Legislaturperiode sind es noch fünf oder sechs Jahre. Die ganze Zeit müßte der ständige Premiersanwärter Gordon Brown seinen Anspruch behaupten, und darüber würde er fast 60 Jahre alt.

Premier auf Abruf?

Deshalb scheint das Rennen um die Nachfolge nicht nur außergewöhnlich früh offiziell zu beginnen, die Nachfolge ist auch offener denn je. Schatzkanzler Brown soll von der Mitteilung überrascht worden sein, als er in Washington zu einer Sitzung der Weltbank ankam. Er hat sogleich seine besten Wünsche für die Genesung übermitteln lassen.

Die Formel von der „vollen dritten Amtszeit“ täuscht zudem. Wegen der politischen Bedeutung und der technischen Fristen eines Amtswechsels könnte Premierminister Blair nie bis zum Ende regieren und kurz vor dem Wahlkampf einfach rasch mit einem Nachfolger wechseln. Die Prozeduren in der Partei allein verschlängen ein halbes Jahr; womöglich müßte es einen Sonderparteitag geben. Deshalb droht das Gegenteil dessen, was Blair bewirken wollte: Das Warten auf den dramatischen Wechselschritt wird mit der ersten Stunde nach seinem letztem Wahlsieg beginnen. Blair wird wahrscheinlich gewinnen, aber fortan nur noch auf Abruf regieren.

Quelle: hr.; Frankfurter Allgemeine Zeitung
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