Grüne gedenken Petra Kelly

„Über alle Grenzen gelebt“

Von Stephan Löwenstein
24.11.2007
, 10:19
Eine prägende Person: Petra Kelly
Die einstige Frontfrau hat die Grünen in ihren Anfangsjahren geprägt wie wohl keine andere Persönlichkeit. Vor fünfzehn Jahren wurde sie von ihrem Lebensgefährten Gerd Bastian im Schlaf erschossen, dieser Tage wäre sie 60 Jahre alt geworden. Wie viel Petra Kelly steckt heute noch in den Grünen?
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Die Grünen sind an diesem Freitag zu ihrer 27. ordentlichen Bundesdelegiertenkonferenz in der Nürnberger Frankenhalle zusammenkommen. So mancher Gedanke und so manches Gedenken wird Petra Kelly gelten.

Die einstige Frontfrau der Grünen ist vor fünfzehn Jahren, am 1. Oktober 1992, tragisch ums Leben gekommen, als sie von ihrem Lebensgefährten Gerd Bastian im Schlaf erschossen wurde. Am kommenden Donnerstag würde sie sonst sechzig Jahre alt werden.

„Widerstand gegen eine Zukunft des Todes“

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Petra Kelly hat die Grünen in ihren Anfangsjahren geprägt wie wohl keine andere Persönlichkeit. Sie hat ihr Entstehen Ende der siebziger Jahre vorangetrieben, sie hat Grundsätze der „Antiparteienpartei“ formuliert, und sie hat diese Partei durch ihre prägnante öffentliche Präsenz buchstäblich verkörpert.

Prägnante öffentliche Präsenz: Petra Kelly auf einer Parteiveranstaltung 1982
Prägnante öffentliche Präsenz: Petra Kelly auf einer Parteiveranstaltung 1982 Bild:

Dabei rechnete sie immer in der größtmöglichen moralischen Währung: „Die Grünen, und darum bin ich auch Mitglied bei den Grünen und setze meine Kraft und Energie dort ein, sind die einzige politische Partei im Widerstand gegen eine Zukunft des Todes.“ Doch schon in den späten achtziger Jahren hat sie sich von ihrer Partei deutlich entfremdet. Wie viel Petra Kelly steckt heute noch in den Grünen?

„Petra war stets die Erste“

„Viel“, meint Claudia Roth, fügt aber hinzu, „und vielleicht muss es noch mehr Petra Kelly wieder in den Grünen geben.“ Die heutige Parteivorsitzende verweist auf die Pläne des amerikanischen Präsidenten Bush zur Raketenabwehr, auf die Ankündigungen des russischen Präsidenten Putin zur nuklearen Rüstung, auf die Aufrüstung in aller Welt überhaupt. „Petra war die Erste, die über alle Grenzen gelebt und gearbeitet hat. Sie war eigentlich diejenige, die den globalen Gedanken gelebt hat: mehr als alle anderen, inklusive Joschka Fischer.“

Wie anstrengend diese Kellysche Grenzenlosigkeit für ihre Umgebung war, davon kann Frau Roth berichten. Sie arbeitete als junge Frau als Pressesprecherin der Fraktion. Und wenn Frau Kelly gerade wieder einmal in einer anderen Weltgegend unterwegs war, konnte sie zu jeder Tages- und Nachtzeit in Bonn anrufen, um ihre jüngsten Beobachtungen mitzuteilen.

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„Eine sehr realpolitische Visionärin“

Legendär sind die unzähligen gelben Klebezettel, die, voll mit Anweisungen, auf jedem freien Fleck in der Bundesgeschäftsstelle hafteten. „Sie war eine sehr realpolitische Visionärin,“ sagt Roth. „Ihr Motto war: Wenn du dich einsetzt für eine gerechte Welt, dann ist das Realpolitik. Sie war eine Bewegungsgrüne, nicht eine Linke. Sie wusste, dass man für politische Veränderung gesellschaftliche Mehrheiten braucht. Und die Formierung von internationalen Bewegungen hat ja wieder Zulauf.“

Eine „Identifikationsfigur jenseits der Mauer“ war Petra Kelly für Katrin Göring-Eckardt. „Sie hat zu den wenigen gehört, die sich in die DDR aufgemacht haben.“ Die 1980 Vierzehnjährige war nicht auf die „Aktuelle Kamera“ angewiesen, „wir wohnten ja nicht in Dresden“. Zu Hause wurde jeden Abend die „Tagesschau“ eingeschaltet.

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Daher kannte die heutige Bundestagsvizepräsidentin durchaus die Namen von noch anderen Grünen, sie nennt Joschka Fischer, Waltraud Schoppe. „Aber über Kelly habe ich gedacht: Das wäre jemand, der ein politisches Vorbild sein könnte.“

Und heute? „Wenn man über moralische Prinzipien und Lebensstil spricht, dann denkt man auch an Petra Kelly. Natürlich haben sich die Grünen verändert, und die Welt drumherum auch. Was sie gemacht hat, bleibt richtig.“

„Kompromissloser Stil geht nicht mehr“

Anna Lührmann sieht Kontinuität vor allem in den Sachfragen. Sie nennt etwa den Einsatz für die Schwächsten der Welt oder den europäischen Gedanken, den Petra Kelly bei den „Jungen Europäischen Föderalisten“ gelebt habe: „Bei denen war ich auch aktiv“, sagt Frau Lührmann. D

och von diesem Verbindungszweig hat die junge Bundestagsabgeordnete erst aus den Geschichtsbüchern erfahren. Als Kelly starb, war Lührmann 9. Als sie jetzt gebeten wurde, einen Aufsatz über die einst berühmteste Grüne zu schreiben, „bin ich erst mal in die Bundestagsbibliothek gegangen“. Freilich, mit dem Stil der Altvorderen kann die junge Politikerin aus dem „Realo“-Landesverband Hessen offenkundig nicht mehr viel anfangen. „Kompromissloser Stil geht nicht mehr bei den Grünen. Inzwischen haben alle irgendwo Regierungserfahrung gemacht und gelernt, dass man Kompromisse machen muss und die reine grüne Lehre nicht umsetzen kann.“

Wäre sie heute gegen Militärinterventionen?

Überhaupt nicht mag Marieluise Beck die Frage, wie viel von Petra Kelly heute noch in den Grünen stecke. Das könne sie schon deshalb nicht beantworten, weil man ja nicht sagen könne, wie Kelly sich zu den Problemen stellen würde, die heute in der Außenpolitik zu lösen sind. „Ihre Friedenspolitik war sicher eine Abrüstungspolitik. Aber wie sie zu dem sagen würde, das heute unter dem Mantel humanitäre Intervention steht, das weiß ich nicht.“

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Damit will Frau Beck offenkundig Vorwürfen begegnen, die Grünen hätten mit den Militärinterventionen der rot-grünen Regierungszeit gleichsam Petra Kelly verraten. Die Bundestagsabgeordnete gehörte schon der ersten Grünen-Fraktion in Bonn an, die sie gemeinsam mit Petra Kelly und Otto Schily anführte. Auch sie sieht den Wandel vor allem im Stil, aber nicht wegen der Kompromisse, sondern der Äußerungsformen: „Symbolpolitik und Bewegung statt des langweiligen Worts, das sind die Stilmittel, derer sich inzwischen alle bedienen.“ Frau Beck verweist auf den Fußball, den Bundeskanzlerin Merkel dem ausgeschiedenen Minister Müntefering geschenkt hat, oder auf Guido Westerwelles „18“-Schuhsohlen. „Damit ist das Sensationsmoment gefallen. Das ist als Exklusivmittel der Grünen nicht zu verkaufen.“

Bewertungen zwischen Historisierung und Kontinuitätssuche

Vier Frauen, vier politische Generationen der Grünen, vier Bewertungen zwischen Historisierung und Kontinuitätssuche, teils vereinnahmend, teils defensiv, teils neugierig-distanziert. Sie zeigen exemplarisch, wie tief die Grünen sich auch personell verändert haben seit den achtziger Jahren. Mehr als ein Drittel der Mitglieder haben sie nach Schätzungen seit Anfang der Neunziger „ausgetauscht“.

Die Zäsur von 1990, als „alle von Deutschland reden, wir vom Wetter“ (Wahl-Slogan) und die Grünen infolgedessen aus dem Bundestag gewählt wurden, hatte nicht das Ende der Partei zur Folge. Das war sicher auch der von bemerkenswerten Persönlichkeiten geprägten „Bündnis 90“-Gruppe geschuldet. 1993 fand man sich zu „Bündnis 90/Die Grünen“ zusammen.

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Aber überdies war die personelle Fluktuation seither begleitet von einem Stilwechsel - nach außen wie nach innen. Die Parteiflügel wandelten sich von unversöhnlichen Gegnern zu „Strömungen“, Koordinationszirkeln und Aufstiegstreppen für die Parteikarrieren.

Tränenausbrüche vor laufender Kamera

Gerne verweisen Grüne darauf, dass Entscheidungen nicht mehr nach Strömungslinien verliefen. So wird es wohl auch auf dem Nürnberger Parteitag sein, wo sich in der Sozialdebatte „Linke“ wie „Realos“ unter Anträgen zu beiden Konzepten zu finden sind, die dort zur Abstimmung stehen. Freilich, die personellen Auseinandersetzungen sind dadurch nicht verschwunden, dass sie nicht mehr wie zu Kellys Zeiten in öffentlichen Fraktionssitzungen mit Tränenausbrüchen vor laufender Kamera stattfinden.

Die Heinrich-Böll-Stiftung nimmt den bevorstehenden Geburtstag zum Anlass für ein Büchlein mit dem Titel „Petra Kelly - eine Erinnerung“. Enge Weggefährten wie Lukas Beckmann oder Marieluise Beck zeichnen ihr Bild von der Verstorbenen.

Und gewiss nicht zufällig wird zum Schluss ein offener Brief Kellys an ihre Partei aus der Zeit nach der Abwahl aus dem Bundestag 1990 abgedruckt. Darin heißt es: „Ich glaube, dass wir zuallererst menschlich gescheitert sind. Dabei hatten wir ohnehin eine sehr lange Schonzeit. Aber acht Jahre Selbstzerfleischung und fruchtlose, die politischen Aktivitäten lähmende Flügelkämpfe mit den jeweiligen Flügelmullahs und ein unerträgliches, von Neid und Misstrauen geprägtes Klima waren auch dem grünsten Wähler zu viel.“

Quelle: F.A.Z.
Autorenportät / Löwenstein, Stephan
Stephan Löwenstein
Politischer Korrespondent mit Sitz in Wien.
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