Frankfurter Zeitung 26.04.1930

Sollten Abtreibungen erlaubt sein?

26.04.2020
, 12:37
Hebammenkurs an der Berliner Charité. Um 1930 (digital koloriert).
Not und Hunger breiter Bevölkerungsschichten feuern die Debatte um den Abtreibungsparagrafen an. Eine Frauenärztin plädiert dafür, unehelich Schwangere zu schützen. Zuversichtlich ist sie aber nicht.
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Unseren Ueberlegungen über Nutzen oder Schaden, den das Bestehen eines Abtreibungsparagraphen im Gesetz stiftet, hat die Frage nach dem vom Gesetzgeber beabsichtigten Zweck vorauszugehen. Der Zweck des in seinem Wortlaut als bekannt vorausgesetzten Abreibungsparagraphen ist: Leben zu schützen, sobald es im menschlichen Keime entstanden ist. Hat das Gesetz diesen Zweck erreicht?

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Die Zahl der Uebertretungen des Abtreibungsparagraphen ist exakt nicht abzuschätzen. Die Zahl der jährlichen Todesfälle von Frauen, die an sich eine Abtreibung haben vollziehen lassen, bewegt sich um 10 000 herum, entspricht also der Bevölkerung eines kleinen Städtchens. Dauerndem Siechtum aus den Folgen der Abreibung verfallen wenigstens 16 000 Frauen im Jahr. Todesfälle und Siechtum werden fast ausschließlich von den Frauen des Proletariats bestritten. Wenn nun bei dem im Verhältnis zur Zahl der Abtreibungen geringen Prozentsatz ernstlicher Schäden eine so hohe absolute Zahl von Todesfällen und schweren Erkrankungen zustandekommt, so läßt dies Schlüsse auf die allgemeine Häufigkeit der Gesetzesübertretungen zu.

Der Abtreibungsparagraph war in der weitaus überwiegenden Mehrzahl beabsichtigter Vernichtungen keimenden Lebens nicht imstande, lebensschützend zu wirken, vielmehr sind durch sein Vorhandensein zweierlei unerwünschte Folgen eingetreten: es sind nicht nur trotz dem Gesetze die überwiegende Mehrzahl der beabsichtigten Fruchtabtreibungen vollzogen worden, ihr illegaler Charakter der die Eingriffe in die Hand Unbefugter zwang, hat gleichzeitig zum Tode, zum Siechtum und zur dauernden Unfruchtbarkeit einer großen Zahl abtreibender Schwangeren geführt und sie damit von jeder zukünftigen Mutterwerdung ausgeschlossen; das Vorhandensein des Abtreibungsparagraphen hat – aus noch zu erörternden Gründen – Menschen in die Lage gedrängt, gegen ein wohl bekämpfenswertes, aber zunächst einmal bestehendes und damit verbindliches Gesetz zu verstoßen.

(…) Die Befolgung des Gesetzes wäre bestenfalls einem Zwang zu danken. Dieser Zwang durch die angedrohte Strafe ist von einer außerordentlichen Geringfügigkeit bei allen denen, die sich in wirklicher Not befinden. Die Hand des Gesetzes erreicht nur einen ganz kleinen Teil der Gesetzbrecher, die Not erreicht sie in den von uns ins Auge gefaßten Kreisen mit unverbrüchlicher Gewißheit. Die Unerbittlichkeit der Not in bestimmten proletarischen Kreisen ist so groß, daß das Gefängnis trotz der Härten der Freiheitsberaubung oft wie ein Sanatoriumsaufenthalt wirkt.

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Keine Angst vor Bestrafung

Die Strafe als solche kann den durch seine Notlage außerhalb der Gesellschaft Lebenden nicht schrecken, da er auch ohne Strafe deklassiert ist. Das unehelich Mutter gewordene Mädchen der bürgerlichen Kreise verliert – einzelne Sonderfälle ausgenommen – gesellschaftliche Stellung und Lebensunterhalt mit Sicherheit; durch eine Abtreibung, durch welche die Tatsache der Schwangerschaft denselben Kreisen im allgemeinen verborgen bleibt, nur in dem verhältnismäßig seltenen Falle, daß der Arm des Gesetzes sie erfaßt.

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Die ideale Forderung wäre, Verhältnisse zu schaffen, in denen eine Unterbrechung der Schwangerschaft nur noch aus Gründen unvermeidlicher Krankheit, nicht mehr aus vermeidlicher Not beabsichtigt werden könnte. Unter jedem System erfüllbare Forderung, aber zur Verhinderung von Abtreibungswünschen nur mäßig geeignet, weil nicht ausreichend die Ursachen bekämpfend, ist umfassender Schutz der schwangeren Frau unabhängig vom Stande der Verehelichung, umfassender Schutz der gewordenen Mutter und des Kindes, unabhängig davon ob ehelich geboren oder nicht, bessere Sicherung der Alimente für das uneheliche Kind durch internationale Abkommen und durch gesetzlichen Zwang solcher Männer zur Arbeit, die sich mutwillig der Alimentationspflicht durch Niederlegen der Arbeit oder betrügerischer Handlungen entziehen.

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Selbst bei Erfüllung empfängnisverhütender Methoden und ihrer verantwortungsvollen Anwendung sind Zustände unvermeidlich, in denen von Frauen Unterbrechungen der Schwangerschaft gewünscht werden, die als berechtigt anerkannt werden müßten. Das sind die Voraussetzungen der ärztlichen Indikationen, die übrigens auch zum Teil vermieden werden könnten, wenn es selbstverständliche Gepflogenheit würde, sich eingehend vor einer Ehe und beabsichtigten Schwangerschaft und überdies in gewissen Abständen untersuchen zu lassen, auch wenn man sich in keiner Weise krank fühlt, so wie es Gepflogenheit geordneter Menschen geworden ist, sich vierteljährlich beim Zahnarzt vorzustellen.

Die Entscheidung fällt oft zu spät

Die ärztlichen Indikationen müßten mit mehr prophylaktischem Denken angewandt werden, als es heute noch größtenteils üblich ist, in bestimmten ärztlichen Ueberzeugungen erscheint Schwangerschaftsunterbrechung erst zulässig, nachdem das Fortschreiten der Erkrankung nachweisbar geworden ist, also erst in Fällen in denen ein günstiger Ausgang nicht mehr in dem sicheren therapeutischen Bereich des Arztes liegt.

Die Berücksichtigung des sozialen Milieus, in dem die Patientin mit ihrem Leiden sich betätigen und durchhalten muß, hat sich bereits allgemein durchgesetzt, nicht allgemein hingegen die ausreichende Berücksichtigung solcher Gesundheitsstörungen, die sich ausschließlich oder vorwiegend aus der wirtschaftlichen Notlage erklären lassen (also ausgesprochene Hungerkrankheiten wie Avitaminosen, bestimmte Stoffwechselerkrankungen u.v.m.).

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Solange die viel wichtigeren und von jeder Richtung bevorzugten ausreichenden wirtschaftlichen Sicherungen nicht vorhanden sind, müßte für nachweislich schwere Notzustände, in denen zwar die Mutter noch nicht krank ist, in denen indessen andere Familienmitglieder Opfer der Not geworden oder sich bei gerechter Prüfung das Unausbleibliche von Gesundheits- und Gesittungsschäden zuverlässig voraussehen ließe, auch eine soziale Indikation als Notstandsindikation unter den gegenwärtigen Verhältnissen zugelassen werden.

Bisher sind weder die Sicherungen erfüllt, die dauernd das Verfahren der Wahl mit Recht proklamiert werden, und die imstande wären, unter würdigen Bedingungen gewährt, die Voraussetzungen der sozialen Indikation zu beseitigen, noch ist in solchen Notzuständen, wie sie mir aus der Erfahrung vorschweben, die Vernichtung eines Keimes möglich, der, zum Menschen ausgereift, infolge von Not und Elend in zartester Jugend unter Umständen die schwere Qual des Sterbens auf sich nehmen muß. Eine soziale Indikation aus Gründen äußerster, unabwendbarer Notlage bei dadurch bewirkter Gesundheitsschädigung oder –bedrohung muß der gleichen sittlichen Beurteilung unterliegen wie die ärztliche.

Unehelich Schwangere brauchen Schutz

Damit die uneheliche Schwangerschaft an sich nicht Veranlassung zur Schwangerschaftsunterbrechung werde, ist eine Sicherung der Anwendung der im Gesetze festgelegten Bestimmungen zum Schutze der unehelichen Schwangeren dringend anzustreben, und eine Erweiterung solcher Gesetze zum wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Schutz der unehelichen Mutter und der unehelichen Kinder dringendste Forderung.

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(…)

Für die Erwägung, den Abtreibungsparagraphen ganz fallen zu lassen und ihn nach dem Beispiel Rußlands vollständig in die Hände der Gesundheitsbehörden zu legen, d.h. die Strafbarkeit der Abtreibung von der Uebertretung der von dieser Behörde erlassenen Vorschriften abhängig zu machen, spricht die schnellere Anpassungsfähigkeit solcher Behörden an gegebene Verhältnisse und neue wissenschaftliche Tatsachen, die Möglichkeit, Vorschriften, die sich als ungeeignet erwiesen haben, leichter abändern zu können als Gesetze.

Wir dürfen indessen nicht verkennen, daß in Rußland die Verhältnisse grundsätzlich anders liegen als bei uns, dort besteht eine herrschende staatliche Gesinnung, behördliche Zuschriften können immer nur im Geiste dieser staatlichen Gesinnung erfolgen.

Bei der Kurzlebigkeit unserer Regierungen bestünde die Gefahr eines dauernden Wechsels der Vorschriften, mit allen Nachteilen eines solchen Schwankens von einem Extrem zum andern und mit der besonderen Gefahr, daß die Gesundheitsbehörden statt größerer Freiheit zu gewähren engere Grenzen ziehen würden als es moderne Staatsgesetze täten.

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Mir scheint unter den obwaltenden Bedingungen in unserem Lande der Unterschied zwischen der völligen Abschaffung des Abtreibungsparagraphen mit Vorschriften der Gesundheitsbehörden und der Einführung der gesetzlich zulässigen Schwangerschaftsunterbrechung für die drei bekannten Indikationen nur ein praktisch-technischer zur sein. Grundsätzlich darf nicht übersehen werden, daß es bestimmter Vorschriften und Regelungen in dieser Frage bedarf, selbst Rußland hat seine Vorschriften und Beschränkungen. Es kommt aber darauf an, solche Vorschriften zu schaffen, deren Erfüllung man gerechterweise fordern darf, und die keine unbilligen, sinnlosen Zumutungen an den freien, bewußten, verantwortlichen weiblichen Menschen stellen.

Dr. Hertha Riese (Frankfurt)

Quelle: rere.
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