Frankfurter Zeitung 30.12.1930

Amerika kämpft gegen die Flaute und Faschisten

30.12.2020
, 19:54
Straßenmarkt in New York: Die Wirtschaftskrise macht 1930 in Amerika viele Menschen arbeitslos.
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Seit dem Schwarzen Freitag strauchelt die amerikanische Wirtschaft. Die Arbeitslosigkeit und Not der Bevölkerung ist groß. Gleichzeitig wettern Faschisten gegen die schwarze Minderheit.
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In Washington läuft zurzeit eine nette aber etwas sarkastische Anekdote um. Nach ihr soll es jedem amerikanischen Beamten bei Todesstrafe verboten sein, das Wort: „Busineß-Depression“ auszusprechen, ohne gleichzeitig – wie zur Entschuldigung – das Attribut: „worldwide“ (d.i.: in der ganzen Welt verbreitet) hinzuzufügen.

Gegen eine allgemeine Weltdepression nämlich – so ist der Gedankengang – kann eine einzelne Regierung nur schwer ankämpfen, selbst eine Regierung, die sich früher so gern rühmte, ganz besonders reich an nationalökonomischer Weisheit zu sein.

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Wenn es nun tatsächlich richtig ist, daß die Deflationserscheinungen auf fast allen Rohstoff-Märkten der Welt, die Stockungen im internationalen Warenhandel infolge der geschwächten Kaufkraft der europäischen Abnehmer, die Produktionseinschränkungen und Arbeiter-Entlassungen in allen Ländern zum mindesten teilweise Wirkungen weltwirtschaftlicher Konstellationen sind, auf deren Gestaltung die einzelne Volkswirtschaft nur einen beschränkten Einfluß ausüben kann, so ergibt sich ganz von selbst, daß nur ein internationaler Gedankenaustausch über diese Fragen der logische Ausweg wäre.

Auf dem Weg zur internationalen Wirtschaftskonferenz?

Zu den interessantesten Meldungen, die in der letzten Zeit aus Paris herüberdrangen, gehört zweifellos eine Anregung zu einer derartigen internationalen Konferenz führender Wirtschaftsexperten. Wird man diesen Gedanken, der sich beiläufig aus der Reise J.P. Morgans und Owen D. Youngs nach Frankreich und der für den Dezember in Paris anberaumten Tagung der Internationalen Handelskammer ergab, weiter verfolgen und die zur Zeit wohl hierfür besonders empfängliche Weltmeinung in diesem Sinne mobilisieren?

An dringlichen Problemen, deren Lösung nur durch internationale Verständigungen gefunden werden kann, fehlt es wahrhaftig nicht, und vielleicht darf man erwarten, daß die Resonanz, die ein auf breitester Grundlage zu suchender Meinungsaustausch in der Weltpresse fände, Steine ins Rollen bringen würde, die die Regierungen oder ihre offiziellen und offiziösen Vertreter einstweilen noch aus Furcht vor innerpolitischen Komplikationen nicht anzutasten wagen. […].

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Nach einer Schätzung des Vorsitzenden des Ressorts für Metallhandel der American Federation of Labor soll es zur Zeit ungefähr 16 Millionen Arbeitslose in der Welt geben. In den U.S.A. nahm man vor kurzem – sicherlich viel zu gering – 3,5 Millionen Erwerbslose an. Hier, wo man im allgemeinen Arbeitsentlassungen ohne soziale Erwägungen rücksichtslos aus Rentabilitätsrücksichten vorzunehmen pflegt, soll in den letzten Jahren ein großer Teil der Entlassenen im Anschluß an die Einführung arbeitsersparender Maschinen brotlos geworden sein.

Nach einem wohl etwas straffen Beispiel, das die American Federation of Labor anführt, können heute vier Arbeiter in drei Minuten eine Menge Kupfer abladen, die vor nur wenigen Jahren von hundert Arbeitern in vier Stunden abgeladen zu werden pflegte. Der intensive Ausbau der amerikanischen Industrie während der letzten Jahre hat dazu geführt, daß derartige Erscheinungen hier vermutlich öfters und in auffälligerer Weise al in anderen Ländern hervortreten. Schon zu normalen Zeiten bildeten Arbeiterentlassungen bei der Einführung moderner Maschinen also ein schwieriges Problem.

Nachdem nun aber die allgemeine Wirtschaftsdepression die Aussaugung der durch technische Verbesserungen arbeitslos Gewordenen verhindert, ist die Lage besonders ernst geworden. Vielfach überlegt man sich, ob dem verkleinerten Arbeitsquantum nicht durch Einführung eines häufigeren Schichtwechsels Rechnung getragen werden soll.

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Beachtenswert ist es vor allen Dingen, daß man jetzt selbst hier Zweifel daran zu hegen beginnt, ob der hohe Lebensstandard des amerikanischen Volkes, dem zu Liebe man angeblich die hohen Schutzzölle eingeführt hat, sich weiterhin aufrecht erhalten läßt. Aber das ist heute nicht einmal die dringendste Frage. – Es gilt vor allen Dingen für die zu sorgen, die jetzt nach Monaten der Arbeitslosigkeit ihre Ersparnisse aufgezehrt haben und nun weder zu Arbeitslosenversicherungen noch behördlichen Unterstützungen Zuflucht nehmen können. In New York allein sollen über 15.000 Familien erwerbs- und mittellos sein. Hierzu kommen noch über 50.000 Zugewanderte, die hier Arbeit zu finden hofften und nunmehr mit ihrem Rat zu Ende sind.

„Soweit als möglich haben sich die verschiedenen Wohltätigkeits-Vereine der Bedürftigen angenommen. Aber was sind selbst die 55 Millionen Dollar, die von den 220 amerikanischen Wohltätigkeitsorganisationen für Notfälle angesammelt worden sind gegen das, was man braucht? „Im Hinblick auf die besonders schwierige Arbeitslosigkeit scheinen die vorhandenen Mittel unzureichend“, heißt es in einem Bericht der Wohltätigkeitsorganisationen. Trotz großzügiger Beweise privater Hilfsbereitschaft weiß man nicht, was diesen Winter mit den vielen Beschäftigungslosen werden wird. Die Lage – hat man dem mit der Rettungsaktion beauftragten Colonel Woods mitgeteilt – ist deshalb besonders besorgniserregend, weil viele Erwerbslose nunmehr schon den zweiten Winter ohne Arbeit überstehen müssen. Am härtesten betroffen sind die Staaten im Mittelwesten und an den großen Seen. Schlimm steht es auch in den Industrie-Zentren: New York und Pennsylvanien.

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Brotneid und Rassenhaß

Zum Kapitel: „Wirtschaftskrise und Rassenvorteile“ haben nun auch die U.S.A. einen Beitrag geliefert. In Georgia hat sich vor einiger Zeit eine Organisation gebildet, die sich „American Faschist Association“ nennt und das Ziel verfolgt, Neger aus ihren Stellungen zu vertreiben und sie durch Weiße zu ersetzen. Ferner will man „den Kommunismus in Georgia bekämpfen“. Da es in Georgia aber kaum Kommunisten gibt, wird sich ihre Tätigkeit in erster Linie der Aufgabe widmen: „Georgia zu einem Land für den weißen Mann zu machen“.

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Die Organisation, deren Geburtsstadt Atlanta ist, wurde von einem bei den Wahlen durchgefallenen Bürgermeisteramts-Kandidaten ins Leben gerufen und verzeichnet zur Zeit schon über 27.000 Anhänger. Welche Mittel ergriffen werden sollen, um die Unternehmer von Georgia „zu veranlassen“, ihre farbigen Angestellten durch weiße zu ersetzen, wird uns vorläufig nicht mitgeteilt. Doch bedarf es keiner sonderlichen Phantasie, um sich vorzustellen, auf welche Weise ein Druck in diesem Sinne ausgeübt werden kann.

Die „amerikanischen Fascisten“ besitzen auch schon eine Wochen-Zeitschrift, auf deren Titelseite das Motto prangt: „Amerika für die Amerikaner“. Auch sie tragen nach berühmten Vorbilde schwarze Hemden und wollen durch diese Uniformität eine Solidarität der Gesinnung den Fremdrassigen gegenüber zum Ausdruck bringen. Aber ihre Bewegung gedeiht vorläufig nur auf einem Boden, den die wirtschaftliche Not lockerte. Zu normalen Zeiten hätte man für sie nichts als ein Achselzucken übrig.

Quelle: ngra.
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