Frankfurter Zeitung 19.12.1930

Der Überlebenskampf der Kurkliniken

20.12.2020
, 08:31
Erholung in der Stadt: Kurgäste auf dem Dachgarten des Europahauses in Berlin.
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In Sanatorien und Privatkliniken erholen und kurieren sich viele Deutsche. In der Wirtschaftskrise bleiben die meisten der – oft gut betuchten – Gäste aus. Was wird nun aus den Anstalten?
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Von Kriegsbeginn an haben die Sanatorien und Privatkliniken entsprechend der zunehmenden Verschlechterung des deutschen Wirtschaftslebens um ihre Existenz kämpfen müssen. Hatten wir vor dem Kriege etwa 5.000 Sanatorien und Privatkliniken, so sind sie heute auf schätzungsweise noch nicht einmal 1.000 zurückgegangen. Durchweg waren diese Anstalten Privatbesitz, überwiegend von Ärzten. Diese Einzelpersonen mußten die gesamte Steuerlast und wirtschaftlichen Verluste tragen, sie hatten nicht die Möglichkeit, sich durch entsprechend Überschüsse für solche Belastungen Reserven zu schaffen. So kam es, daß die meisten Besitzer genötigt waren, ihre Einnahmen als Arzt und Sanatoriumsleiter dem Wirtschaftsbetriebe zuzuführen, so daß der Reinverdienst eines Sanatoriumsarztes, wenn er gleichzeitig Besitzer war, am Jahresende trotz großer Mühe und vieler Sorgen sehr gering war.

Hieraus ergab sich die weitere Schwierigkeit, daß der Nachwuchs für die ärztlich geleiteten Sanatorien fehlte. Es hätte genügend Ärzte gegeben, die als Arzt und als Wissenschaftler gerne die Leitung eines solchen Hauses übernommen hätten, aber unter den obwaltenden Umständen war dies ein Ding der Unmöglichkeit. Erst recht ist es heute kaum einem Arzt in Deutschland möglich, die mit der Übernahme der ärztlichen Leitung eines Sanatoriums verbundene Finanztransaktion vorzunehmen. So mußten die verdienstvollen Männer bis weit über die Grenze ihrer persönlichen Fähigkeit und ihres leistungsfähigen Alters die Bürde ihrer Lebenswerke selbst weiter tragen.

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Zu dieser wirtschaftlichen Not in den Sanatorien und Heilstätten selbst, welche sich in fast gleicher Form auch in den Badeorten und in der gesamten Badeindustrie nachweisen läßt, kam die Tatsache, daß das heilungsuchende Publikum, insbesondere in Deutschland und den osteuropäischen Ländern, in seiner Leistungsfähigkeit und Kaufkraft geschwächt wurde, daß der Besuch von Sanatorien und Spezialkliniken immer mehr erschwert wurde. Auf diese Weise vergrößerte sich der Leerlauf in den Häusern immer mehr. Ich schätze die durchschnittliche Ausnutzung der noch vorhandenen Sanatorien und Privatkliniken auf etwa 40 bis 50 Prozent der Gesamt-Jahresbelegungsmöglichkeit.

Individuelle Behandlung nur für zahlende Kurgäste

Die Sozialversicherung hat versucht, eine Anzahl solcher Sanatorien, besonders in den Badeorten, aufzukaufen und dort für einen besonderen Kreis von Versicherten ausschließlich zu verwenden. Diese Unternehmungen der Sozialversicherung waren durchweg für die betreffenden Kreise zu groß. Um sie zu füllen, werden mehr Mitglieder in diese Heilstätten gesandt, als es bei sorgsamer Abwägung der zwingenden Notwendigkeit zulässig wäre.

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Es muß aber unbedingt versucht werden, daß der klinisch zu betreuende Sozialversicherte oder minderbemittelte Kurgast die gleiche individuelle Behandlung erfährt, wie es der zahlende Kurgast beansprucht. Diese Einstellung auf die einzelne Person ist gerade bei den Minderbemittelten um so dringender erforderlich, als die Verordnungen, besonders auf diätetischem Gebiet, seinem Lebensstandard zu Hause angepaßt werden müssen. Diese Eigenart der ergiebigsten persönlichen Behandlung ist eines der Hauptkennzeichen der Leistung der Spezialsanatorien.

Da aber das Bedürfnis nach der intensiven Behandlung in Deutschland nicht abnahm, sondern nur durch die bereits erwähnte wirtschaftliche Verarmung nicht mehr allgemein zu befriedigen ist, so scheint es mir eine dringende Aufgabe zu sein, die wertvollen Einrichtungen den heilsuchenden jedes Standes zu erschließen. Da ich dieses Problem seit drei Jahren in meinem jetzigen Wirkungskreis verfolge, war es mir möglich, die in Frage kommenden Möglichkeiten kennen zu lernen und die geeigneten Wege zu erforschen. Die Bestrebungen gingen zunächst dahin, die in Frage kommenden Sanatoriumsbesitzer enger zusammenzuschließen. Es wurde der „Verein klinisch geleiteter Sanatorien Deutschlands“ mit dem Sitz in Frankfurt a. M. gegründet. Dieser Verein, dem sich erfreulicherweise namhafte ärztliche Persönlichkeiten zur Verfügung gestellt haben, hat gemeinnützigen Charakter. Von ihm ist auch die Gründung einer gemeinnützigen Gesellschaft klinisch geleiteter Sanatorien Deutschlands betreiben worden.

Diese Gesellschaft ist inzwischen ins Leben getreten. Ihre Ziele sind, den klinischen Betrieb der Sanatorien auf möglichst hohem ärztlichen Niveau einzurichten und zu erhalten, solche Sanatorien, welche für die Gesundung Kranker, für das Ansehen der Sanatorien in Deutschland und für etwaige Badeorte bedeutsam geworden sind, zu erhalten, diese Vorzüge einer spezialklinischen Behandlung und fachgemäßen Trink- und Badekur auch Minder- oder Unbemittelten jeglicher Konfession und jeglichen Standes zu ermöglichen.

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Das mit diesem Zusammenschluß verbundene Finanzproblem ist in der Weise gelöst, daß ausgesuchte Sanatorien sich dieser Gesellschaft anschließen und den gesamten Betrieb einer zentralen, auf Gemeinnützigkeit aufgebauten Einrichtung übergeben. Die Ablösung des Eigentums erfolgt gegen Vergütung einer den Verhältnissen und der Lage angemessenen Entschädigung. Der Zeitpunkt der Entschädigung wird je nach dem Alter des betreffenden Sanatoriumsbesitzers festgelegt. Die Kapitalien werden auf dem Anleihemarkt des In- und Auslandes aufgebracht, denn dem Ausland sind gerade diese Einrichtungen in Deutschland wohlbekannt.

Die Rentabilität ist dadurch gegeben, daß unter Aufrechterhaltung der bisherigen gutzahlenden Klientel der übergroße Leerlauf durch Aufnahme von Minderbemittelten vermieden wird, keinerlei Gewinne ausgeschüttet werden und Steuerentlastung in Frage kommt.

Die einzelnen Häuser sind im Rahmen des möglichen unter dem Gesichtspunkt der verschiedenen Spezialkrankheiten, Spezialkurorte und Gegenden ausgesucht. Die Gesellschaft ist mit Rücksicht auf ihre Gemeinnützigkeit der staatlichen Aufsicht unterstellt und von einem Kuratorium betreut. In dieses Kuratorium sind nächst den Fachpersönlichkeiten an diesen Problemen interessierte Personen des öffentlichen Lebens, der Ärzteorganisationen, der Sozialversicherung und der freien Wohlfahrtspflege berufen. Für jedes einzelne Unternehmen ist außerdem noch ein Hauskuratorium gebildet. Bei Auflösung wird das Vermögen den einzelnen Spezialzwecken nahestehenden Körperschaften der öffentlichen oder freien Wohlfahrtspflege überwiesen.

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Bei der allgemeinen Verarmung kann auf lange Sicht hin nur mit einer Klientel gerechnet werden, die um ihrer Krankheit willen gezwungen ist, sich einer Spezialheilkur zu unterziehen. So müssen denn auch die Sanatorien viel mehr den klinischen Charakter betonen und entwickeln. Sie müssen sich alle neuzeitlichen Errungenschaften therapeutischer Art, besonders auf dem Gebiete des Diätwesens, nutzbar machen, ohne die wertvollen Erfahrungen der Naturheilkunde und der physikalischen Behandlung zurückzustellen. Die vollkommen klinisch eingestellten Sanatorien werden dann auch mit den praktischen Ärzten bei der Weiterbehandlung ihrer Patienten zu größerem gegenseitigen Verständnis und enger Zusammenarbeit kommen. Sind diese ernsthaften klinischen Voraussetzungen geschaffen, so werden sich gerne jüngere Wissenschaftler und tüchtige Ärzte finden, die gewillt sind, die ärztliche Aufgabe der Sanatoriumsleitung zu übernehmen.

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Die Möglichkeiten der Fortbildung und der Forschung sind in diesen Häusern bei weitem noch nicht erschöpft. Durch die anfangs geschilderten Umstände hat der jugendliche Nachwuchs, besonders auf ärztlichem Gebiet, gefehlt, damit auch der Wetteifer, das in diesen Häusern verborgene Material der Forschung und Wissenschaft zu erschließen. Besondere Aufgaben liegen auf dem Gebiet des Diätwesens. Diese klinisch geleiteten Sanatorien können besser als irgend eine andere Anstalt Ausbildungs- und Fortbildungsstätten auf diesem Gebiet werden. Gelingt es, diese neuen Wege mit dem obersten Ziel des höchstmöglichen Heilerfolges in den Sanatorien, Privatkliniken und Badeorten zu beschreiten, so wird, trotz der heutigen schweren Zeit, ein Wiederaufblühen eintreten.

Quelle: ngra.
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