Frankfurter Zeitung 09.05.1929

Was will die junge Generation?

10.05.2019
, 07:44
Die „Bündische Jugend“ in Potsdam 1929
Das alte Parteiwesen reizt die junge Generation nicht mehr. Stattdessen organisieren sie sich in überparteilichen Bündnissen, denn sie spüren den Drang der „neuen Zeit“. Sie warten nur noch auf ihren Moment.
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Es ist in der letzten Zeit viel von den neuen Zusammenschlüssen der „jungen Generation“ die Rede gewesen, die, entstanden aus einer Unzufriedenheit mit den bestehenden innerpolitischen und parlamentarischen Verhältnissen, es sich zur Aufgabe machten, eine tiefgreifende Erneuerung des politischen Lebens in die Wege zu leiten. „Front 1929“, „Februar-Klub“ „Dienstag-Kreis“ und andere sind neben der „Volksnationalen Aktion“ des „Jungdeutschen Ordens“ nur die bekanntesten. Ihr – ausgesprochenes oder unausgesprochenes – Ziel ist letztlich die Ueberwindung der augenblicklichen Krise durch Schaffung einer „starken aktiven Mitte“ – über die Köpfe der Parteien hinweg. Man hat sich, da die Suche nach fähigen Männern selbst bei den Klügeren zu einem dummen Gerede von scheinbaren Diktaturgelüsten auszuarten drohte, eine zeitlang erwartungsvoll mit diesen vermutlichen „Lichtzeichen“ beschäftigt, bis man, in die Tiefe forschend, anscheinend doch auch dort allzusehr den Mangel an neuen Ideen zu spüren vermeinte und sich zum Teil langsam wieder von diesen Bemühungen abwandte, um doch noch nach einer Notlösung aus den gegeben Verhältnissen heraus zu suchen.

Die Bemühungen der „jungen Generation“ sind damit natürlich noch lange nicht gescheitert. Ihre Unzufriedenheit mit der heutigen Situation – und keineswegs nur der politischen – besteht im Gegenteil nach wie vor ungemindert weiter. Wenn die Versuche von 1928 und 1929 nicht glückten, so werden 1930 und 1931 neue unternommen werden.

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Es kann auf allen Gebieten des öffentlichen wie des privaten Lebens festgestellt werden, daß sich – die Jahreszahl ist willkürlich genommen – seit 1914 ein grundlegender Wandel in allem vollzogen hat. Und das scheint uns das Entscheiden zu sein“ Dieser neue Zeitgeist ist es, den diese sogenannte „junge Generation“ so stark verspürt, der ihr den spezifischen Stempel aufdrückt, und dem allein sie ihre eigenartige Besonderheit verdankt, weil sie ihm eben in einem stärkeren Maße offen ist als die Aelteren, deren Weltbild schon vor 1914 einigermaßen feststand. Man täte daher wohl auch besser, endlich einmal damit aufzuhören, die große tiefgreifende Bewegung, von der unsere Zeit erfüllt und getragen ist, immer nur auf die „Jugend“ und auf die „junge Generation“ zurückzuführen, da diese Bewegung sonst so hingestellt wird, als wäre sie nur und ausschließlich die Domäne einer bestimmten, altersmäßig umgrenzten Generation, während sie doch ihrem tiefsten Inhalt nach alle angeht und sich auf alle Gebiete erstreckt.

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Die „junge Generation“ fühlt freilich den Drang am stärksten, dieser „neuen Zeit“ nachzuspüren und auf ihren Ruf zu hören. Sie versucht ihn ganz zu hören. Daher die so oft kritisierte „Schweigsamkeit“ und „Zurückhaltung“ der „Kriegsgeneration“, die Remarque für „vom Kriege zerstört“ hält. Daher ihre oft so tiefgreifende Zwiespältigkeit und „Befangenheit“. Sie lauscht nach dem starken Strom der Zeit und – wartet auf ihren Ruf. Sie scheint sich noch nicht sicher genug zu fühlen, das Positive zu tun, um dessen Ausdruck sie vorerst noch ringt. Es mag ein Zeichen dieser Zeit sein, daß sie, so paradox es klingt, zur Vorsicht mahnt und vor allzugroßer Sicherheit warnt und mißtrauisch macht. Die ihren Ruf vernehmen, sind sich zu einem großen Teil heute noch der Unvollkommenheit ihrer Kraft als Werkzeug bewußt – was sie leisten, trägt vorläufig noch immer den Charakter des Provisorischen, des Unfertigen, des erst noch Werdenden. So sind sie zunächst noch stärker in der Ablehnung, der Negation, der Erkenntnis des dem „Zeitgeist“ nicht Entsprechendem als in der Offenbarung des Nötigen, des Morgigen, des mit aller Kraft anzustrebenden Kommenden der neuen Form. Sie scheinen zu warten, bis die Zeit, – bis ihre Zeit, reif geworden ist – für ihre Tat, doch scheinen sie zu wissen, daß diese Zeit kommen wird.

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Die „junge Generation“ ist der neuen Zeit wohl so offen, weil sie am wenigsten vorbelastet ist mit den falschen Wegen, die eine zu Ende gehende Zeit im Abstieg zu gehen begann. So zeigt es sich, daß etwa in der Parteipolitik in fast allen Parteien – vielleicht mit Ausnahme der extremen Flügelparteien: Der Kommunisten und der Nationalsozialisten – der Nachwuchs fehlt, mindestens nicht im entsprechendes Ausmaß „mit dabei ist“. Es ist eben Tatsache, daß in der „jungen Generation“ das alte Parteiwesen alles Verlockende verloren hat. Und das scheint vor allem darauf zurückzuführen zu sein, wie diese Politik bisher getrieben wurde und wird.

Es scheint im alten Parteiwesen irgend etwas grundsätzlich nicht zu stimmen. Immer stärker bricht sich die Erkenntnis durch, daß die alten Begriffe „rechts“ und „links“ ihren Sinn mehr oder weniger verloren haben, daß die Gruppierung und das Verhältnis der Parteien untereinander nicht mehr in der alten Weise zutreffen und daß in den Parlamenten die alte Methodik der starren Traditionsbildung sich endgültig überlebt hat. Die dem Zeitgeist Offenen wünschen, so parlamentarisch und demokratisch sie auch sein mögen, eine durchgreifende Aenderung all dieser Dinge.

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Für das Gemeinwohl und eine Zukunft weiter Sicht

Es hat keinen Sinn, hier all die Reformen aufzuzählen, die aus dem inneren Gesetz dieser Zeit heraus heute und morgen nötig wären. Es steht ja vieles davon auch heute schon in manchem Parteiprogramm. Darauf kommt es auch gar nicht so sehr an. Worauf es aber nach der Meinung dieser „Jungen“ jetzt und sofort ankäme, das wäre eine gründliche Aenderung der „Parteitaktik“, eine Absetzung aller ämterslebenden und fortschrittsfeindlichen „Bonzen“ und eine geradere, entschiedenere und verantwortungsbewußtere Haltung der Parteien. Das gilt auch für alle Parteien, und es gilt besonders auch für die Parteien der sogenannten „Mitte“. Was die „volksnationale Aktion“ und was die neuen „Fronten“, „Klubs“ und „Kreise“ wünschen, das ist in erster Linie eine Durchdringung des politischen Lebens mit einem neuen Geiste größerer Aufrichtigkeit, verantwortungsbewußtere Entschiedenheit und tatkräftigerer Entschlossenheit und Geradlinigkeit. Sie haben genug von den Deklamationen und dem haltlosen Hin und Her und sehen sich nach der mannhaften Tat, die schließlich auch einmal mit einem Schwertreich einen gordischen Knoten zerhauen darf – wenn man damit nur von der Stelle kommt. Die bisherige Krumme und oft nur schwer verständliche „Taktik“ der alten Parteien verachten sie. Sie wünschen eine Politik, die nicht von Rücksichten auf Zweit- und Drittrangiges bestimmt wird, sondern die sichtbar von den großen Ideen getragen ist, die auf das Gesamtwohl und auf eine Zukunft weiter Sicht gerichtet sind.

Es war bei den letzten Wahlen so – und es wird bei den nächsten genau wieder so sein, – daß weitaus die Mehrwahl der „dem Zeitgeist Offenen“ – gleichgültig welcher Weltanschauung – völlig ratlos war und nicht wußte, welche Partei sie wählen sollte. Niemals gab es eine so tiefgehende Wahlmüdigkeit in Deutschland wie in unseren Tagen. – Der „Zeitgeist“ revoltiert, stäubt sich gegen die „alten Geleise“. Es muß etwas geschehen.

Und die „Jungen“ meinen, daß in der Tat schon allerlei geschehen könnte. Vielleicht wäre zu erwägen, ob nicht auf bestimmten Gebieten schon jetzt und sofort eine überparteiliche Zusammenarbeit einsetzen könnte, und es sei zunächst auch nur, um einzelne, ganz bestimmte größere Fragen (etwa die der Wahlreform, der Reichseinheit, der Wehrverfassung, der Sozialreform u. a.) von allen Gesichtspunkten her so gründlich und so erschöpfend zu klären, daß damit wichtige Vorarbeit für ihre spätere parlamentarische Behandlung geleistet werden könnte. Sie denken sich diese Zusammenarbeit keineswegs so, wie man heute schon in parlamentarischen Gremien, Kommissionen Ausschüssen und Unterausschüssen meistens zusammenarbeitet – indem man nämlich versucht, möglichst viel für die eigenen Parteizwecke – politisch oder sachlich – herauszuholen, sondern – und das wäre Voraussetzung für diese Zusammenarbeit“ – in einem Geiste größtmöglicher Aufrichtigkeit, Offenheit und Liebe zur Sache, geleitet von dem ausschließlichen Willen, zu einem für die Allgemeinheit bestmöglichen Ergebnis zu kommen.

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Es geht daraus schon hervor, daß in erster Linie an Sachverständigenausschüsse gedacht ist. Und es muß zugegeben werden, daß es nicht immer leicht, manchmal vielleicht sogar unmöglich sein wird, die überall lauernden „Sonderinteressen“ zu überwinden und zu einer wirklich den Interessen der Allgemeinheit dienenden Lösung zu kommen. Freilich müßten die Mitgleiter dieser Ausschüsse von den Parteien unabhängig und in ihrer Sachehrlichkeit unbestechlich sein. Sie müßten den Reihen der „dem neuen Zeitgeist Offenene“ entnommen sein.

Ein kleiner Ansatz dazu wurde, von der „jungen Generation“ aus, 1927 auf dem Freusburger Weltjugendtreffen und 1929 auf dem Weltjugend-Friedenskongreß in Ommen unternommen, er wird in diesen Tagen auf einem überbündischen Reichsführertreffen auf dem Ludwigstein fortgesetzt. Junge Männer und Frauen der verschiedensten politischen und weltanschaulichen Richtungen, so aus dem kommunistischen wie aus dem sozialistischen, demokratischen und sogar dem nationalistischen Lager, wie auch aus dem konfessionellen Gruppen, arbeiten hier zusammen, um, über die alten Trennungen hinweg, zu einer umfassenderen Schau der Verhältnisse und Notwendigkeiten des politischen, des wirtschaftlichen, des sozialen, des pädagogischen und des gesamten Lebens überhaupt, zu kommen. Von der anfänglich vielleicht etwas zu deklamatorischen und auf das Allgemeine eingestellten Art ihrer Arbeit, die aber doch auch schon aufrief und sammelten kommt diese, immer weitere Kreise erfassende Gruppe junger Menschen jetzt allmählich immer mehr zur Vertiefung und Spezialisierung der Arbeit, indem sie sich systematisch ganz bestimmten Einzelaufgaben zuwendet, die auf die verschiedenste Weise in kameradschaftlicher überbündscher Zusammenarbeit behandelt werden. So stehen in diesem Jahre neben den übrigen Arbeitsgebieten die Kolonialfrage und die Frage „Bürgertum und Proletariat“ im Vordergrund der Aussprache, nächstes Jahr voraussichtlich die Korridorfrage und das Verhältnis „Deutschland-Frankreich“.

Die Augen werden klar bei dieser Arbeit zusammen mit den Gegnern von gestern und vielleicht auch von morgen, und manche gern gehütete Illusion wird fählings zerrissen. Man möchte wünschen, daß diese Arbeit in deutschen Landen Schule machte“ Wir müssen aus der Sackgasse der heutigen Parteistarre heraus. Es muß versucht werden, neue Wege auch in der Politik zu finden, um auch da – dem „neuen Zeitgeist“ mehr als bisher gerecht zu werden.

Quelle: glog.
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