Frankfurter Zeitung 04.12.1930

Mussolinis Schlacht um stabile Preise

04.12.2020
, 07:35
Rom um 1930: Nach dem wirtschaftlichen Aufschwung kam der Kampf um die Lira.
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Italien versinkt in der Inflation. Die Faschisten suchen sie zu bremsen. Die Frankfurter Zeitung analysiert, wie sie sich dabei schlagen.
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Nach der Liraschlacht, der Weizenschlacht und zahlreichen anderen solchen unblutigen „Schlachten“ ist nun auch die Preisschlacht vom fascistischen Regime verkündet worden. Die Herabsetzung der Beamtengehälter um 12 Prozent soll nur die Einleitung zu einer allgemeinen Preisherabsetzung sein. An und für sich ist die Konjunktur ohne Zweifel einer solchen Politik günstig. Der allgemeinen Entwertung des Geldes in den ersten Nachkriegsjahren ist nun schon seit einer Reihe von Jahren eine energische Gegenbewegung gefolgt, die sich überall in dem rapiden Fallen aller Rohstoffe äußert.

In Italien sind, wie überall, die Kleinhandelspreise dem Fallen der Großhandelspreise nur zögernd und unvollkommen gefolgt. Die italienischen Indexzahlen gehen vom Juni 1927 aus, wo bereits die Großhandelspreise gegenüber dem Maximum, das 1926 verzeichnet worden war, um 26,8 Prozent gefallen waren. Aber auch dann noch bleibt der Preisfall im Kleinhandel hinter dem im Großhandel entschieden zurück.

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Die Quote 4: Nachdem für die Lira-Stabilisierung f. Zt. die „Quote 90“ von Mussolini als Parole ausgegeben worden war, hat er jetzt in seiner drastischen Weise für die „Preisschlacht“ die „Quote 4“ als Schlachtruf ausgegeben, d.h. Gehälter, Löhne und Preise sollen auf dem vierfachen Stand von 1914 stabilisiert werden, was übrigens eine leichte Verteuerung bedeutete, da die Goldlira gleich 3,66 Papierlire ist.

Preisentwicklung in Italien
Preisentwicklung in Italien Bild: Frankfurter Zeitung

Nun bewegen sich die neuen Gehaltstabellen allerdings um das Vierfache von 1914, indem der Multiplikationsfaktor zwischen 3,64 in der zweithöchsten und 5,28 in der niedrigsten Gehaltsklasse schwankt, aber an Steuerlasten legt der Staat heute den Bürgern etwa das Achtfache auf, indem er seine Einnahmen von 2.500 auf rund 20.000 Millionen Lire gesteigert hat. Auf die Höhe der Mieten, der Löhne und der Steuern verweist auch immer der Kleinhandel, wenn ihm das Zurückblieben hinter der Preissenkung des Großhandels vorgeworfen wird.

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Fleisch und Eier acht Mal so teuer

Grundsätzlich sei für die nachstehenden Berechnungen bemerkt, daß sie die Veränderungen von der Vorkriegszeit an bis zum Beginne des jetzigen Ermäßigungs-Feldzuges zeigen, da sich weder dessen Tragweite noch dessen Dauer überstehen läßt. Pflanzliche Nahrungsmittel, insbesondere Brot und Makkaroni, sind seit der Vorkriegszeit im Großhandel auf 280 bis 380 Prozent, im Kleinhandel aber auf 470 bis 500 Prozent gestiegen, dagegen Reis im Großhandel auf 300, im Kleinhandel auf 400 Prozent, stärker Kartoffeln, nämlich auf 420 bzw. 500 bis 600 Prozent, Kalbfleisch und Eier stehen etwa achtmal höher als vor dem Kriege. Auf Zucker hat der Staat sowohl die Fabrikationssteuer wie den Einfuhrzoll verfünffacht, ebenso die Tarife für Personen und Güter auf der Staatsbahn.

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Erst in der Sitzung des Ministerrates vom 25. November sind die Gütertarife wieder auf das Vierfache von 1914 gesenkt worden. Besonders schwer ist aber die Verteuerung der Produktion und des Konsums durch eine erst jüngst vorgenommene starke Steuererhöhung auf Gas und Elektrizität, die heute durchschnittlich fünfmal soviel kosten als 1914, und durch den Hochschutzzoll.

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Während die Nettopreise für den elektrischen Strom seit Vorkriegszeit nur verdreifacht sind, ist die Steuer darauf von 11 auf 75 Centimes per kW-Stunde oder fast auf das Siebenfache gestiegen. Der erst im Jahre 1925 wiedereingeführte Weizenzoll ist im vorigen Jahre auf 51,20 Lire per Doppelzentner erhöht worden. Die Verbilligungskampagne der Regierung müßte eigentlich mit einem gründlichen Abbau der Verbrauchssteuern und der Zölle eingeleitet werden.

Die Eingriffe der Behörden

Statt dessen sucht sich zunächst durch eine mit allen Mitteln betriebene Propaganda und durch Festsetzung von Preisen durch die korporativen Organisationen ihr Ziel zu erreichen. Die italienische Presse ist voll von Meldungen aus dem ganzen Lande, daß hier die Bäcker, dort die Fleischer die Preise eine Kleinigkeit herabgesetzt und gar hie und da ein Hausherr seien Mieter mit der Mitteilung, daß die Miete um 10 Prozent ermäßigt werde, überrascht habe.

„In keinem demiliberalen, individualistischen und atomistischen Staat,“ so verkündet der frühere Finanzminister De Stafani triumphierend, „hätte sich eine solche rapide Preisanpassung vollziehen können“. Gemach, gemach! Dieses Lied von der allgemeinen Verbilligung klingt nicht neu in unseren Ohren, wir haben es um 1927 während der Lira-Aufwertung und Stabilisierung immer wieder gehört und müssen nun erfahren, daß es zu früh gesunden worden ist. Die große Frage bleibt, wie lange die billigen Preise, die jetzt verfügt werden, vorhalten.

Kämpft gegen die Entwertung der Lira: Der italienische Ministerpräsident und Diktator Benito Mussolini.
Kämpft gegen die Entwertung der Lira: Der italienische Ministerpräsident und Diktator Benito Mussolini. Bild: Picture-Alliance

Der Staat sucht ferne die Kleinhandelspreise zu drücken, indem er die für seine Beamten errichteten billigen Lebensmittelläden einer großen Allgemeinheit, zum Beispiel dem Dopolavoro, dem fascistischen Feierabend-Verbande der Arbeiter und Angestellten, der jetzt 1 ½ Millionen Mitglieder zählt und wahrscheinlich nun riesig wächst, zugänglich macht. In dieser Maßnahme liegt ohne Zweifel eine Härte oder Ungerechtigkeit gegenüber dem Kleinhandel, der vom Staate keine mietfreien Lokale zur Verfügung bekommt wie die erwähnte „Provida“, sondern ihm noch hohe Steuern zu zahlen hat, wovon diese befreit ist. Davon abgesehen, hat es aber bisher der Kleinhandel immer verstanden, sich Zwangspreisen zu entziehen, indem er eine Aufwertung der Qualitäten vornahm und zu den Zwangspreisen nur mindere Qualitäten verkaufte, die in einer so kultivierten Stadt wie Rom häufig selbst von den Volksklassen verschmäht werden, so daß hier auch der Gefrierfleischabsatz sehr gering ist.

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Was nun die Mieten anbetrifft, die heute durchschnittlich sechsmal so hoch wie 1914 stehen dürften, so hat die Regierung nicht die einzig zur allgemeinen Herabsetzung wirksame Maßregel erlassen, nämlich ein Gesetz, sondern sie sucht die Hausbesitzer durch deren Verbände dahin zu „überreden“. (Inzwischen ist Verfügung ergangen. Red.)

Wer es gerade vor drei Jahren erlebt hat, wie die Hausbesitzer sich dem Mieter gegenüber zu sträuben versuchten, als diese auf Grund eines neuen Gesetzes eine Ermäßigung verlangten, der wird von der jetzigen Überredung dieser Klasse nicht viel erwarten. Übrigens ist erst am 1. Juli d. I. die lange Zwangswirtschaft für die Mieten abgeschafft worden, sehr zum Vorteil für den Wohnungsmarkt, so daß jetzt Wohnungen zu erschwinglichen Preisen ausreichend zur Verfügung stehen und die Regierung schwerlich schon wieder ihre Wohnungspolitik ändern kann. Die Skepsis gegenüber dem bevorstehenden Preisabbau bricht selbst unter dem fascistischen Preßregime durch.

Arnaldo Mussolini warnt schon vor den „Deserteuren der Preisschlacht“. In der „Stampa“ wird verlangt, man solle dafür sorgen, daß die Herabsetzung auch anhalte. Denn heute spielten die Händler zwar die Rolle schüchterner Lämmer, aber im Herzen trügen sie schon die Hoffnung, daß nach der Ebbe die Preiswelle wieder hochflute. Am deutlichsten aber spricht der „Lavoro Fascista“: Ehe die Arbeiter eine allgemeine Lohnsenkung annähmen, müßten die angekündigten Preissenkungen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern zur Wirklichkeit werden. Deshalb müsse man erbarmungslos alle Übertreter strafen: die Bäcker, die zu ermäßigtem Preise ungenießbares Brot verkaufen, die Händler, die die heute ermäßigten Warenpreise morgen wieder heraufsetzen, die Hausbesitzer, die ihr Ohr dem Appell verschließen. Auch die in die Arbeitsverträge nicht eingeschlossenen Beamtenkategorien müßten zunächst eine Gehaltsverkürzung hinnehmen.

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Lohne und Kapitalertrag

Nicht nur in diesem Organ wird verlangt, daß der Kapitalertrag in Gestalt der Dividenden gleichfalls eine Herabsetzung erfahre. (Wir fürchten, daß das infolge der allgemeinen Krise in Landwirtschaft und Industrie schon ohnehin in empfindlicher Wiese geschieht, was die Börse übrigens schon mit einer andauernden scharfen Baisse „eskompetiert“ hat.)

Insbesondere hat man die Elektrizitätsgesellschaften im Auge, von denen eine Herabsetzung der Stromtarife gefordert wird. In dieser Industrie sind jetzt etwa 9 Milliarden Kapital angelegt, die sich durchschnittlich mit 6,5 bis 7 Prozent verzinsen. Angesichts der schlechten Zeiten hatte die gesamte Industrie bereits eine allgemeine Lohnsenkung eingeleitet. In der bis Ende Juni reichenden Statistik ist davon noch nichts zu merken, der „Lavoro Fascista“ aber spricht von Kürzungen von 12 bis 28 Prozent. Bisher hatten sich die Arbeitgeber durch eine extensive Auslegung der Kollektivverträge geholfen, indem sie die von qualifizierten Arbeitern verdienten Löhne auf den festgesetzten Mindestlohn ermäßigten. Nach einer Instruktion des Korporationsministeriums ist das aber künftig durch einseitige Anordnung nicht mehr möglich, sondern es bedarf einer neuen Vereinbarung zwischen den beiden Teilen. Wie dem auch sie, die durch die allgemeine Depression angeregte Lohnsenkung wird durch die Baissekampagne einen weiteren Anstoß erhalten.

Hintergrund

Italien erlebt in den Jahren vor der Weltwirtschaftskrise einen wirtschaftlichen Aufschwung. Der Anstieg des Bruttoinlandsproduktes hatte die faschistische Regierung allerdings zu großen Teilen mit Krediten erkauft. Die Schuldenlast führte zu einer Abwertung der Lira. Der sagte Mussolini den Kampf an: Mit der Quota 90 strebte er einen Wechselkurs von einem britischen Pfund zu 90 Lira an. Diese Rückkehr zum Goldstandard stürzte Italien allerdings in eine Deflation und hohe Arbeitslosigkeit. ngra.

Quelle: ngra.
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