Frankfurter Zeitung 12.12.1930

Was steckt hinter dem Verbot von „Im Westen nichts Neues“?

12.12.2020
, 08:19
Propaganda Ausstellung im Filmmuseum Potsdam: Ein Werbeplakat für den Kinofilm „Im Westen nichts Neues“.
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In seinem Roman schildert Erich Maria Remarque die Schrecken des Ersten Weltkriegs aus der Sicht eines jungen Soldaten. Als Nationalsozialisten dagegen auf die Straße gehen, wird der Film gestoppt. Aber liegt das wirklich an ihnen?
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Im „Angriff“, dem Berliner nationalsozialistischen Organ, war vor einigen Tagen zu lesen, daß am Abend die deutschdenkenden Einwohner Berlins abermals in einer Massenkundgebung am Wittenbergplatz den Machthabern ihr Wollen und ihr Fühlen demonstrieren würden. Dr. Goebbels werde zu den Massen sprechen, ebenso eine ganze Reihe von Mitgliedern der nationalsozialistischen Reichstagsfraktion. „Heute Abend müssen es 60-, 80-, ja 100.000 Volksgenossen sein, die unserem Rufe folgen!“ Es sind aber nicht 100.000, es sind auch nicht 80 oder 60.000, sondern es sind nach einer objektiven Schätzung sicher nicht mehr als 6.000 Personen gewesen, die dem Rufe des „Angriffs“ gefolgt sind. Eine solche Menge reicht natürlich aus, auf dem Mittenbergplatz einen beträchtlichen Spektakel zu machen und den Verkehr dort zu stören. Aber daß große Massen der Berliner Bevölkerung dem Rufe, Anstoß zu nehmen, gefolgt seien, das ist einfach nicht wahr. Und woran sollten sie denn Anstoß nehmen?

Der Remarque-Film war erst ein paarmal gelaufen, es sind also nur sehr wenige Menschen in der Lage gewesen, ihn kennen zu lernen. Gar kein Zweifel besteht darüber, daß die allermeisten derjenigen, die demonstriert haben, die allermeisten also auch dieser 6.000, ihn überhaupt nicht gesehen haben. Man darf allerdings überzeugt sein, daß sie auch vor dem Film selber in Tönen der Empörung und der Störung sich betätigt hätten, denn dazu waren sie ja da.

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Aber von einer sachlichen Beurteilung und Stellungnahme ist bei alledem gar keine Rede. Die nationalsozialistische Leitung hatte beschlossen, diesen Film zum Anlaß zu nehmen. Das ist ausgeführt worden. Ihr Erfolg auf der Straße war freilich bei weitem nicht so groß, wie sie erwartet hatten. Aber das Ergebnis ist nun, daß der Film verboten worden ist. An dem Film selber liegt uns gar nichts. Aber es ist bedauerlich, daß die verschiedenen Behörden, die in dieser Angelegenheit bemüht worden sind, es nicht verstanden haben, Form zu wahren.

Verfilmte Niederlage

In allen Dingen des Lebens, die von einiger Wichtigkeit sind, ist es durchaus nicht gleichgültig, ob sie so oder anders erledigt werden. Der Vorsitzende der Oberprüfstelle, Ministerialrat Seeger, hat in der Begründung, die er dem Spruche der Kammer mitgab, u.a. gesagt daß die in dem Film dargestellten Typen das Ansehen der Kriegsteilnehmer auf das empfindlichste verletzten. Denn der Film zeige nicht den Krieg sondern die deutsche Niederlage. „Und ich möchte,“ sagte Herr Seeger, „das Volk sehen, das sich die Darstellung der eigenen Niederlage gefallen ließe.“

 Erich Maria Remarque schrieb den desillusionierenden Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ (Archivbild).
Erich Maria Remarque schrieb den desillusionierenden Kriegsroman „Im Westen nichts Neues“ (Archivbild). Bild: Picture-Alliance

Wir wollen gegen diese Begründung nicht polemisieren. Man könnte freilich z.B. einwenden, daß es Deutsche gibt, die sogar in der amerikanischen Fassung nichts Anstößiges gefunden haben, weil die dem Ansehen der deutschen Soldaten abträglichen Stellen, die tatsächlich darin waren, infolge des energischen Einspruches des deutschen Generalkonsuls von San Franzisko entfernt worden sind. Es gibt allerdings, wie Berliner Blätter berichten, auch überzeugte Republikaner, die sich, nachdem sie den Film in Berlin gesehen hatten, in Zuschriften gegen ihn aussprachen. Aber auf all das kommt es jetzt nicht mehr an. Wenn die Oberprüfstelle den Film verbieten wollte, und diese Absicht hat offenbar bestanden, dann mußte sie natürlich auch Gründe dafür angeben. Sie mußte eine Form dafür finden, und eine andere als die, daß der Film empfindlich verletze, gibt es ja wohl nicht. Es blieb dann dem Vorsitzenden nur noch übrig zu betonen, daß die Entscheidung nicht unter dem Drucke der Straße erfolge, und das hat er getan. Aber wird diese Erklärung auch auf die Nationalsozialisten Eindruck machen?

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Wir haben hier in Frankfurt den Remarque-Film nicht gesehen und sind daher in der Lage, es dahingestellt sein zu lassen, ob er empfindlich verletze oder nicht. Aber angenommen es sei so – warum hat man denn das nicht früher gemerkt? Das Gutachten des Reichsministeriums des Inneren, das jetzt in der neuen Phase erstattet wurde, enthält einen sehr richtigen und vortrefflichen Satz. Das deutsche Volk, so heißt es da, stecke in diesem Winter in so tiefer seelischer Not und innerer Zerrissenheit, daß alles abgelehnt werden müsse, was geeignet sei, den inneren Zwiespalt noch zu vertiefen. Wer würde dem nicht zustimmen?

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Es ist aber fatal, daß das Ministerium des Inneren erst jetzt zu der Erkenntnis gekommen ist, der Remarque-Film müsse zu einer Steigerung der seelischen Depression und zu einer Verschärfung der Gegensätze führen. Da diese Einsicht auch dem Reichsministerium des Inneren selbstverständlich nicht erst unter dem Druck der Straße gekommen ist – denn so etwas ist doch, wie jedermann zugeben wird, vollkommen ausgeschlossen –, so muß man fragen, wo denn diese Erkenntnis gewesen sei, als das Ministerium durch sein früheres Gutachten die Aufführung des Films ermöglichte.

Obgleich es verlockend wäre, den bitteren Scherz noch fortzusetzen, möchten wir doch ganz einfach sagen, das das Reichsministerium des Inneren in dieser Angelegenheit keine gute Figur macht. Nachdem es sich für den Film engagiert hatte, aber nun entschlossen war, ihn abzulehnen, gab es nur noch eine Form dafür, die wenigstens an sich einwandfrei gewesen wäre. Man hätte auf alle Floskeln verzichten müssen, etwa auf die, daß der Film um so peinlicher wirke, als es an Momenten fehle, die zeigten, daß die Menschen aus der Qual des Augenblicks zu einem höheren Erlebnis emporgelangten. Man wird es der zuständigen Stelle des Ministeriums ja doch nicht glauben, daß sie jetzt zu einem höheren oder tieferen Erlebnis des Films gelangt sei. Aber sie hätte ganz einfach, schlicht und gerade sagen können, worauf ja die ganze Geschichte hinausgeht, daß eine Gefährdung der öffentlichen Ordnung vorliege und darum der Film zu verbieten sei. Das Ministerium des Inneren befand sich ja nicht in einer richterlichen Position, es brauchte also gar nicht Schachmotive anzugeben, es konnte sich auf einen polizeilichen Gesichtspunkt beschränken. Das wäre das Beste gewesen.

Es charakterisiert den ganzen Film-Rummel, daß man ernsthaft die Frage aufwerfen darf, ob eine Notwendigkeit bestanden hätte, auch nur den polizeilichen Gesichtspunkt in Funktion treten zu lassen, wenn der Remarque-Film zufällig in die Hände einer anderen Firma gekommen wäre. Die von Herrn Hugenberg geleitete Ufa hat vor einem Jahre den amerikanischen Fliegerfilm „Wings“ in Deutschland vorgeführt, einen Film, der in der amerikanischen Originalfassung eine antideutsche Tendenz hatte. Man hat anstößige Stellen herausgeschnitten und das übrige vor deutschen Augen ablaufen lassen. Einen Spektakel hat es damals nicht gegeben, keine Demonstrationen und keine Verbote. Es ist nichts weniger als eine unmögliche Vorstellung, daß die Ufa auch den Remarque-Film gezeigt hätte.

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Der „Vorwärts“ berichtet sogar, daß bei der Aufführung des Film, die vor der Premiere stattfand, zwei Vertreter der Ufa anwesend gewesen seien, die sich begeistert geäußert hätten. Sie sagten zwar auch etwas von politischen Hindernissen, fügten aber hinzu, daß sie in den Städten, in denen sie zu 50 p. Ct. an den Kinos beteiligt seien, ihre Teilhaber abschließen lassen würden, um an dem guten Geschäft teilzunehmen. Man ersieht aus alledem, wie die Dinge tatsächlich liegen, und wir kommen damit zum Ausgangspunkt zurück. Es handelte sich nicht, zum mindesten durchaus noch nicht, weil noch nicht genügend Zeit und Gelegenheit zu allgemeinerem Aufputschen war, um eine große Volksbewegung. Es handelt sich auch nicht um einen ganz besonderen Fall, wahrscheinlich überhaupt nicht und gewiß nicht im Vergleiche zu dem, was die Ufa schon getan hat und hier wieder zu tun bereit gewesen wäre, – sondern es ist eine nationalsozialistische Parteiaktion gewesen, die der Umstand ermöglichte, daß der deutsche und geradezu deutschnationale Herr Hugenberg seine Hand nicht im Spiele hatte. Daß ein solcher Rummel sein Ziel erreicht, ist beklagenswert.

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Quelle: ngra.
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