Im Gespräch: Jörg-Dietrich Hoppe

„Wen wollen wir zuerst behandeln?“

23.02.2010
, 10:06
Bundesärztekammer-Präsident Hoppe fordert eine neue Debatte über Priorisierung in der Medizin
Bundesärztekammer-Präsident Hoppe beklagt im Gespräch mit der F.A.S. eine „heimliche Rationalisierung“ in der Medizin, bei der nicht mehr die Effektivität einer Therapie über die Behandlung der Patienten entscheide, sondern ihr Preis. Abermals stößt er die Debatte über Priorisierung von Leistungen an.
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Am Mainzer Ärztetag im Mai letzten Jahres beklagte der Bundesärztekammer-Präsident Jörg-Dietrich Hoppe die schlechte Lage des deutschen Gesundheitswesens. Die umfassende Behandlung der Patienten sei nicht mehr gesichert, stattdessen Mangelversorgung „leider die Realität“.

Als Konsequenz forderte Hoppe eine Prioritätenliste für Leistungen, nicht alle Behandlungen könnten Kassenpatienten bezahlt werden: Schwere Krankheiten sollten oben auf der Liste stehen; Behandlungen, die durch einen ungesunden Lebensstil nötig geworden seien, jedoch nicht. Damals zog der Vorstoß des Ärztevertreters einen Sturm der Entrüstung nach sich, Gesundheitsministerin Ulla Schmidt lehnte ihn ab.

Doch Jörg-Dietrich Hoppe bleibt dabei: Um das Gesundheitssystem in seiner Form erhalten zu können, müsse man die Priorisierungs-Debatte erneut anstoßen. Denn schon längst herrsche eine „heimliche Rationalisierung“ in der Medizin, bei der nicht mehr die Effektivität einer Therapie über die Behandlung der Patienten entscheide, sondern ihr Preis.

Welche Behandlung sie ihrem Patienten empfehlen, sei nicht immer die freie Entscheidung der Ärzte, sagt Hoppe
Welche Behandlung sie ihrem Patienten empfehlen, sei nicht immer die freie Entscheidung der Ärzte, sagt Hoppe Bild: dpa

Herr Hoppe, vor kurzem haben Sie gesagt, manche Krebspatienten würden besonders teure Medikamente nicht mehr bekommen. Wie kann das sein?

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Ärzte aus mehreren Kliniken haben mir berichtet, dass die neuen Behandlungsmethoden mit innovativen Arzneimitteln einfach zu viel kosten und dass sie sie deshalb nicht anwenden würden. Ich vermute, dass das angesichts des Kostendrucks der Kliniken bei anderen Krankheiten ähnlich ist, auch wenn sich bisher keine Ärzte bei mir gemeldet haben.

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Können wir es uns wirklich nicht mehr leisten, allen Krebspatienten die nötigen Medikamente zu bezahlen?

Bisher ist über die Kosten nie wirklich gesprochen worden. Das ändert sich jetzt: Ärzte sind mitunter gezwungen, Prioritäten zu setzen. Manche verwenden ein neues, teures Krebsmedikament grundsätzlich nicht, andere entscheiden je nach Krebsart und dem Stadium der Krankheit. Dabei spielen die Kosten eine wichtige Rolle.

Und Sie finden das richtig, dass diese Geldfragen bei der Therapie berücksichtigt werden?

Nein, ich finde das höchst problematisch. Es sollte bei der Entscheidung, welche Behandlung gewählt wird, nur um Lebenserwartung und Lebensqualität gehen, nicht um die Kosten. Leider aber ist unser System der gesetzlichen Krankenversicherung unterfinanziert – es fehlt am Geld.

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Man könnte doch auch sparen, anstatt immer mehr auszugeben.

Das machen wir ja schon. Aber der wissenschaftliche Fortschritt ist nicht unendlich finanzierbar. Wir müssen in Deutschland endlich ein Verfahren entwickeln, nach dem entschieden wird, wer wie behandelt wird, wenn die Mittel nicht für alle reichen. Wir müssen endlich über Priorisierung sprechen. Oder wollen wir, dass es so kommt wie in England, wo Patienten vom 75. Lebensjahr an kein künstliches Hüftgelenk mehr erhalten?

Ist das, was Sie unter Priorisierung verstehen, nicht eigentlich eine Rationierung?

Rationierung bedeutet, dass einer ganzen Gruppe von Menschen medizinische Leistungen grundsätzlich vorenthalten werden und man gar nicht mehr den einzelnen Patienten im Blick hat. Das ist in England der Fall. Oder es wäre der Fall, wenn etwa Zuckerkranke keine Nierentransplantationen mehr bekommen würden. Bei der Priorisierung aber werden andere Rangfolgen festgelegt: Wie wollen wir den Mangel verteilen? Welche Krankheiten wollen wir zuerst behandeln? Und welche Patienten?

Wer soll darüber entscheiden?

Entscheiden muss die Politik. Wir helfen dabei gerne. Es sollte ein Gesundheitsrat gebildet werden, der Vorschläge unterbreitet, zusammengesetzt aus Medizinern, Juristen, Ethikern, Ökonomen und Patientenvertretern und Philosophen. Ich schlage zudem eine Enquetekommission vor, die den Abgeordneten des Bundestags Hinweise gibt.

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Warum sollten die Ärzte einen Teil ihrer Autonomie freiwillig abgeben wollen?

Wirkliche Freiheit in der Therapie gibt es doch schon lange nicht mehr. Hinzu kommt, dass es für die ärztliche Behandlung eine zu große Belastung ist, wenn Ärzte den Patienten erklären müssen, dass für manche Behandlung das Geld nicht reicht. Das stört das Vertrauensverhältnis zwischen Arzt und Patienten.

Die Ärzte, mit denen wir vor dem Treffen mit Ihnen gesprochen haben, geben zwar zu: Heimliche Rationierung ist ein Problem, aber bei mir gibt es das nicht. Man trifft niemanden, weder einen Krankenhausarzt noch einen niedergelassenen Krebsspezialisten, der tatsächlich ein Beispiel aus seiner Arbeit liefern wollte.

Das ist ja das Problem, dass die Rationierung heimlich ist.

Übertreiben Sie nicht? Gerade für Krebspatienten steht doch besonders viel Geld zur Verfügung, sind die Budgets der Ärzte besonders hoch, gibt es Sonderentgelte für teure Medikamente.

Diejenigen, die mir ihr Leid geklagt haben, sagen mir etwas ganz anderes. Und die kommen aus allen Bereichen der Krankenversorgung, auch aus den vergleichsweise finanziell gut ausgestatteten Universitätskliniken.

Sie sind sehr angegriffen worden für Ihre Forderung nach Priorisierung. Menschenverachtend – das war ein Wort, das benutzt wurde. Auch Gesundheitsminister Rösler hat sich dagegen ausgesprochen.

Ich hoffe, durch die Debatte wird klar, dass die Kosten für Gesundheit angesichts der demografischen Entwicklung höher sein werden, als wir gegenwärtig dafür zu zahlen bereit sind.

Und wer soll das zahlen? Viele Kassen erheben schon Zusatzbeträge.

Es war falsch, dass man über mehrere Jahrzehnte das Gefühl vermittelt hat, durch die Zahlungen von Beiträgen an die gesetzlichen Krankenversicherungen sei alles abgegolten. Wir müssen viel mehr Aufklärung betreiben, damit alle verstehen, dass der hohe Standard im Gesundheitswesen mit dem Geld, das im Moment vorhanden ist, nicht zu halten ist.

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Geht es Ihnen wirklich um diese Priorisierungsdebatte oder einfach darum, mehr Geld ins System zu bekommen? Darf man mit dem sensiblen Thema Krebs so Alarm schlagen?

Wenn wir in Deutschland unser Gesundheitswesen so schlecht ausstatten wie bisher, dann müssen wir Rangfolgen festlegen. Man kann auch die Meinung vertreten, mit dem vorhandenen Geld finanzieren wir nur einen Grundkatalog von Leistungen. Dann können die Menschen sich durch Versicherungen etwas dazukaufen oder sogar privat etwas zuzahlen, wenn sie keine regelmäßigen Versicherungsbeiträge bezahlen wollen.

Aber ist das nicht sozial ungerecht?

Das werden Sie nie aus der Welt kriegen.

Genaue Vorstellungen von dem, was Sie wollen, scheinen Sie aber nicht zu haben. Sie haben sogar vorgeschlagen, dass Leute, die ungesund leben und deshalb krank werden, zuletzt behandelt werden sollen. Verstehen wir Sie richtig: Wenn ich Lungenkrebs bekomme, weil ich rauche, muss ich dann meine Operation selber zahlen?

Ich wollte eine Debatte über mehr Eigenverantwortung anstoßen, aber das ist ein gefährliches Pflaster. Darauf lasse ich mich nicht mehr ein. Zumindest aber habe ich eines erreicht: Die Leute haben zugehört.

Sie sind optimistisch, dass Sie die Politik so dazu bringen, über Priorisierung zu sprechen?

Ja, auf jeden Fall. Die Diskussion ist zwingend!

Wo sehen Sie Anzeichen dafür?

Das ist zu früh. Dass Minister Rösler jetzt nicht unbedingt sofort mit Priorisierung aufwarten will, das kann man ja verstehen. Aber dass die Debatte unethisch ist, wie er behauptet, das werden wir schnell widerlegen.

Die Frage, was Überleben kosten darf, ist doch ein großes Tabu, gerade in Deutschland.

Die Menschen spüren, dass sie immer schlechter behandelt werden, dass sie nicht mehr alles bekommen. In der Wissenschaft wird die Diskussion über Priorisierung und Rationierung deshalb doch schon seit Jahren geführt.

Nach einer amerikanischen Studie fallen drei Viertel der Kosten im Gesundheitswesen im letzten Lebensjahr eines Menschen an, davon ein Drittel in den letzten drei Monaten. Da läge es natürlich nahe, dort mit dem Sparen anzusetzen. Genau das ist aber ethisch am sensibelsten.

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Wir warnen schon lange davor, dass den todkranken Menschen eingeredet werden könnte, sie sollten sich lieber umbringen oder ärztlich assistierten Suizid in Anspruch nehmen, als der Allgemeinheit zur Last fallen. Niemand darf aus Kostengründen in die Selbsttötung getrieben werden. Wenn es aber aus medizinischen Gründen vollkommen sinnlos ist, eine körperlich belastende und noch dazu teure Therapie anzufangen, dann kann man mit dem Patienten sprechen, ob man die Therapie nicht besser so ausrichtet, dass der Rest des Lebens so erträglich wie möglich gestaltet wird. Deswegen favorisieren wir ja die Palliativmedizin.

Aber geht es nicht doch darum, wie viel wir bereit sind, für ein paar Monate Leben zu bezahlen?

Wir wollen nicht, dass die Kosten-Nutzen-Debatte gerade in dieser Situation einsetzt. Wenn wir uns nach einer Priorisierung aus Kostengründen grundsätzlich gegen eine bestimmte Tumorbehandlung entscheiden, dann gilt diese Entscheidung nicht nur für alte Menschen, sondern für alle.

Das Gespräch mit Jörg-Dietrich Hoppe führten Christiane Hoffmann und Oliver Hoischen.

Quelle: F.A.Z.
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