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Sexismus im Internet

Geh doch zu Hause du alte Sch...

Von Lydia Rosenfelder
 - 15:12
Hemmungslos im Netz: Im Umgang mit attraktiven Politikerinnen, die im Internet auftreten, gibt es keine Grenzen der Vertraulichkeit.zur Bildergalerie

Eine schöne Frau wie Dorothee Bär bekommt viele Komplimente. Sie muss nur ihr Porträt auf Facebook hochladen, schon setzt der Minnesang ein: „Eine Göttin wie in der griechischen Mythologie“, „Was für eine göttliche Ausstrahlung!“, „Eine schöne, tolle junge Frau“, „Sie sind ein Traum“, „Hübsch und g’scheit!“, „Unfassbar schön“, „Ich liebe Dich“.

Dorothee Bär ist CSU-Staatssekretärin beim Bundesverkehrsministerium, verheiratet, drei Kinder. Sie beschäftigt sich zum Beispiel mit Bau, Betrieb und Instandhaltung von Busbahnhöfen und Fernbushaltestellen. Nicht viele Leute haben dazu eine Meinung. Trotzdem gibt es viele, die eine Meinung zu Dorothee Bär haben.

Zum Beispiel zu ihrem letzten Auftritt im ZDF: „Warum hast Du diesen weinroten Sack angehabt? Dir stehen so viele Sachen, wer hat Dich denn da beraten?“, schreibt ein Mann auf ihre Internetseite. Andere beschäftigen sich mit ihrem Dialekt, wieder andere begutachten ihre Figur: „Diese Frau kann man sehr gut von oben bis unten fotografieren, das ist nicht immer bei anderen möglich. Die ziehen besser Hosen an.“

17 Jährig und Rüschengardine: Wer schreibt diese Beleidigungen?

Im Umgang mit attraktiven Politikerinnen, die im Internet auftreten, gibt es keine Grenzen der Vertraulichkeit. Man beurteilt ihre Schönheit, macht Heiratsanträge. Manche gehen noch weiter. Eine junge Bundestagsabgeordnete hat das erlebt, nachdem sie im Plenum gegen die Legalisierung von Cannabis gesprochen hatte. Auf der Facebookseite der Abgeordneten – sie will nicht mit Namen genannt werden – stand kurz darauf der Satz: „Du gehörst mal so richtig durchge... bis dir das A... reisst.“ Der Verfasser hatte die abgekürzten Worte ausgeschrieben.

Wer schreibt so etwas? Die Abgeordnete klickte auf die Profilseite des Kommentators. Da stand nur ein ausgedachter Name. Aber der Kommentator hatte ein Foto hochgeladen, ein Selfie, das er, vielleicht 16 oder 17 Jahre alt, in einem Wohnzimmer vor einer Rüschengardine von sich gemacht hat.

Die Abgeordnete löschte den Kommentar. Danach bereute sie es. Denn nun hat sie immer noch den Satz im Kopf, kann aber nicht rechtlich gegen ihn vorgehen. Andere Kommentatoren denken nicht einmal daran, sich hinter Phantasienamen zu verstecken. Einer äußerte sich auf ihrer Seite so: „Geh doch nach Hause, du alte Sch.....“ Diesmal stammen die Punkte vom Autor selbst. Dahinter setzte er ein zwinkerndes Smiley. Auf seiner Facebookseite erfährt man einiges über ihn: Er hat als Garten- und Landschaftsbauer gearbeitet, ist in Kassel geboren und wohnt in Frankfurt. Er ist jenseits der fünfzig, trägt dunkle, angegraute Locken und hat am 10. Juni eine Beziehung beendet.

Anonymes Beleidigen ist nicht nur ein Internetphänomen

Auch Zuschriften zu einer bestimmten politischen Debatte sind oft nicht sachlich. Die Bundestagsabgeordnete Nicole Gohlke von der Linksfraktion unterstützte vor zwei Jahren einen Gruppenantrag, der mehrheitlich von der Koalition getragen wurde und die Beschneidung von Jungen gesetzlich regelt. Kurze Zeit später bekam sie E-Mails wie diese: „Ich wünsche dir, dass du selber genitalverstümmelt wirst.“ Oder: „Ich hoffe, dass du und deine Tochter verschleiert herumlaufen müsst, wenn die Muslime die Macht übernehmen.“ Die meisten waren sexistisch oder rassistisch.

Anonyme, hasserfüllte Nachrichten gegen Frauen gab es schon vor dem Internet. Sie kamen per Post, Fax oder Telefon. Als Dagmar Wöhrl vor zwanzig Jahren für die CSU in den Bundestag einzog, erhielt sie sehr viele Briefe. Auf die Aggression, die ihr daraus entgegenschlug, sei sie nicht vorbereitet gewesen, sagt sie. Damals war sie in Presse, Funk und Fernsehen sehr präsent, jedes Mal mit dem Zusatz „die frühere Miss Germany“, seltener mit der Bezeichnung „Rechtsanwältin“. Ein Mann rief wiederholt in ihrem Büro an und sagte, er werde sie töten, zerstückeln und in einem Sarg über die Grenze schmuggeln. Die Polizei fand den Anrufer, es war ein Freigänger, wegen Totschlags verurteilt.

Politikerin betreibt Dokumentation des Hasses

Jetzt ist die Bundestagsabgeordnete sechzig Jahre alt, sie sieht zwar immer noch sehr gut aus, ist aber nicht mehr Zielscheibe für sexistische Anfeindungen. Sie sagt: „Heute richten sich die Briefe und Mails weniger gegen mich als Frau in der Politik. Aber aggressiv sind sie manchmal immer noch. Gerade wenn jemand meine politischen Entscheidungen nicht gutheißt.“

Halina Wawzyniak von der Linksfraktion im Bundestag lässt den Hass auf ihrer Seite stehen, „zu Dokumentationszwecken“. Auf ihrer Seite bei Twitter schrieb jemand: „Du dumme Fotze“, ein anderer: „Du hässliches Viech du“. Wawzyniak betreibt auch einen Blog, unter einem ihrer Beiträge steht: „Und euch beiden Hexen, Ihnen und Frau Wagenknecht, für Sie beide würde ich persönlich das Hölzlein an der Reibfläche entlangführen um den Scheiterhaufen zu entzünden auf dem Ihr beide Furien im reinigenden Feuer des Antikommunismus lebendig verbrennen sollt.“

Halina Wawzyniak sagt, dass viele Kolleginnen solche Internetkommentatoren sofort blockierten. Sie würde „ihre vier Fans“, die sich immer wieder melden, inzwischen kennen. Die Kommentare schaltet sie trotzdem frei, weil sie zeigen will, wie Politikerinnen öffentlich beleidigt werden.

Morddrohungen im Briefkasten – vor allem Politikerinnen werden belästigt

Oft filtert das Büro den Dreck aus dem Posteingang heraus, bevor die Abgeordneten ihn überhaupt sehen. Einige Frauen wenden jedoch Energie auf, um selbst zurückzuschlagen. Dorothee Bär stellt den Angreifer, indem sie den beleidigenden Tweet selbst noch einmal veröffentlicht, so dass der Sender unter Beschuss gerät.

Und sie antwortet auch. Sachlich, aber hart. „Da bin ich gnadenloser geworden.“ Morddrohungen bekam sie auch schon, eine davon lag unfrankiert im Briefkasten ihres Wohnhauses in Bayern. Sie sagt dazu: „Steigt die Bekanntheit als Politikerin, steigt auch die Zahl der Irren, die sich zu Wort melden.“

Manche Schreiber stört es schon, dass es überhaupt Frauen in der Politik gibt. So schildert es die CDU-Politikerin Julia Klöckner. Als sie kürzlich vor antisemitischen Parolen in Deutschland warnte, kamen Kommentare von Männern mit vermutlich muslimischem oder arabischem Hintergrund: „In meinem Land müssen Frauen ruhig sein.“ Oder: „Bei uns wäre es nicht möglich, dass eine Frau eine solche Position hat.“

Hochschlafen und Schönheitsbonus – Reduktion auf das Äußerliche

Frauen tragen in der deutschen Politik immer noch keine High-heels – anders als in Frankreich oder Amerika. Denn wer zu gut aussieht, dem wird vorgeworfen, nur deshalb Karriere zu machen. Bei Katja Suding, Vorsitzende der Hamburger FDP-Bürgerschaftsfraktion, wurde spekuliert, ob sie das Direktmandat ihrem wehenden Haar auf dem Wahlplakat verdankt. Der Linken Nicole Gohlke wurde nachgesagt, sie hätte den guten Listenplatz nur, weil sie jemandes Günstling sei.

Und bei Katrin Albsteiger von der Unionsfraktion im Bundestag hieß es, sie sei gegen die Frauenquote, weil sie mit den Männern in der Partei ins Bett wolle. „Es trifft mich, wenn man mich im Internet als dummes Blondchen bezeichnet“, sagt sie. „Ansonsten gehen mir solche Kommentare nicht allzu nahe. Man muss auch mit offenen Haaren eine Bundestagsrede halten dürfen.“

Eine bekannte FDP-Politikerin bekam gleich mehrere E-Mails mit derselben Abwandlung eines Guido-Westerwelle-Spruchs: „Auf jedem Schiff, das dampft und segelt, gibt es einen, der die Schlampe vögelt.“ Ihr Mitarbeiter konnte einen Absender identifizieren und rief dort an. Ein Mann meldete sich. Er behauptete, er wisse von keiner E-Mail. „Aber Sie haben doch gerade eben eine E-Mail an uns geschickt“, sagte der Mitarbeiter. „Das muss mein Sohn gewesen sein“, antwortete der Mann.

Die Frau bekam noch Schlimmeres zu lesen. „Man sollte Sie mit Ihren Schamlippen ans Stadttor tackern.“ Wenn sie unterwegs ist, schaut sie sich die Leute auf der Straße an und fragt sich, wer von denen ihr wohl solche Sachen schreibt.

Quelle: F.A.S.
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