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Abschiebung nach Libanon

Das unsanfte Erwachen des Clan-Chefs

Von Reinhard Bingener
 - 20:00

Ibrahim Miri hat den Großteil seines Lebens in Deutschland verbracht. Wie viele andere aus seiner Familie reiste er Mitte der achtziger Jahre ohne Ausweispapiere aus dem Libanon ein. Damals war er 13 Jahre alt. Später stieg er zu einem der wichtigsten Anführer seines Familienclans auf. Zu den kriminellen Geschäften der Miris zählen, unter anderem, Drogenhandel, Waffenhandel und Sozialleistungsbetrug. Doch obwohl Ibrahim Miri seit 2006 ausreisepflichtig ist, sind bislang alle Bemühungen gescheitert, ihn außer Landes zu schaffen.

Nun hatten die Behörden Erfolg. Wie die Innensenatoren in Bremen und Berlin am Donnerstag bestätigten, konnte Ibrahim Miri am Mittwoch in den Libanon verbracht werden. Über Einzelheiten schweigt man sich wegen der „Sicherheitsinteressen“ der beteiligten Beamten aus. Nach einem Bericht der „Bild“-Zeitung handelte es sich um eine recht aufwendige Aktion, die unter dem Titel „Störung der Nachtruhe des Herrn Miri“ stand: Spezialkräfte betraten um 3:40 Uhr morgens Ibrahim Miris Wohnung in Bremen und schlichen sich zu seinem Bett. Die Polizisten weckten den Schlafenden mit der Ankündigung, er werde jetzt sofort abgeschoben. Mit einem Hubschrauber wurde Miri darauf zum Flughafen Berlin-Schönefeld geflogen und dort in einen bereitstehenden Learjet verbracht. Bereits um 6:20 Uhr startete der Jet, sodass Miri noch am Vormittag in Beirut an die libanesischen Behörden übergeben werden konnte.

Vermutlich stand die Aktion in Verbindung zu einem Besuch des Berliner Innensenators Andreas Geisel im Libanon vor zwei Monaten. Bei dem Besuch ging es um Themen wie die Stärkung der dortigen Feuerwehr. Aber wie es heißt, „könne nicht ausgeschlossen werden“, dass der SPD-Politiker am Rande auch über die Abschiebung von Mhallami-Kurden gesprochen habe, zu denen der Miri-Clan zählt. Bei der Innenministerkonferenz vor drei Wochen hatte Geisel bereits angekündigt, dass man an der Rückführung einzelner Krimineller in den Libanon arbeite. Dass der Libanon sich darauf einlässt, ist bemerkenswert.

Offene Machtdemonstrationen in Bremen

Die Mhallami siedelten bis ins vergangene Jahrhundert nämlich hauptsächlich im Süden der Türkei. Erst im Lauf der Zeit wanderten sie in den Libanon und wurden dort später – teils als Staatenlose – in den 1975 ausgebrochenen Bürgerkrieg hereingezogen. Vor diesem Konflikt flohen viele der sogenannten M-Kurden (wobei die ethnische Zugehörigkeit bis heute kontrovers diskutiert wird) nach Europa, insbesondere nach Nordeuropa. In Deutschland ballten sich die Mhallami insbesondere in Berlin und in Bremen, dort insbesondere die Familie der Miris. 3000 Mitglieder soll der Clan in der Hansestadt haben. Gegen mehr als 1200 von ihnen hat die Polizei bereits ermittelt.

Die Probleme mit kriminellen Clans und ihren abgeschotteten Strukturen sind dort deshalb auch früher als anderswo zu Tage getreten. 15 Jahre ist es bereits her, dass die Miris in Bremen damit begannen, ihren Machtanspruch offen zur Schau zu stellen. In Erinnerung geblieben sind besonders die weißen Polo-Shirts mit dem goldenem „M“ der Clan-Mitglieder sowie die lauten Karossen, mit denen die Miris die Bremer Disko-Meile entlangfuhren. Im Januar 2006 lieferten sich Clanmitglieder auf der Meile nahe des Hauptbahnhofs eine schwere Schießerei mit einer rivalisierenden Gruppe, bei der mehr als dreißig Schüsse abgefeuert wurden.

Später wurden die Miris auch als Rocker aktiv. Ab 2011 traten in Bremen die dort bis dahin unbekannten „Mongols“ auf. Präsident der „Mongols MC Bremen“: Ibrahim Miri. In der Folgezeit versuchte Ibrahim Miri, der als charismatisch, intelligent und gewalttätig beschrieben wird, sich mit seinen „Mongols“ gegen den Widerstand der „Hells Angels“ in der Region zu etablieren. Es kam zu mehreren Zusammenstößen zwischen den Rockergruppen auf offener Straße, bei deren Eindämmung die Polizei teils ihre Schusswaffen einsetzen musste. In Bremen führten die Vorfälle zu einem Bewusstseinswandel. Die Behörden entwickelten damals die Strategie „niedriger Einschreitschwellen“ und schauten den Clans und Rockern genau auf alle Finger. So zwang das Bauordnungsamt beispielsweise eine Rockergruppe, ihr Vereinsheim aufzugeben, weil für das Gebäude bloß eine Nutzungserlaubnis als Tischlerei vorlag.

Abschiebung könnte den Clan merklich schwächen

Parallel dazu wurden mit großem Aufwand kriminalistische Ermittlungen geführt. Am 2. Juli 2013 schlugen Spezialkräfte zu, kurz nachdem ein mit Marihuana gefüllter Müllsack in den Kofferraums eines Leihwagens geladen wurde. Am Steuer des Wagens: Ibrahim Miri. In einer Bunkerwohnung wurden im Anschluss eine Pumpgun samt Munition gefunden sowie kiloweise weitere Drogen, mit denen die vom Miri-Clan durchsetzten Rocker den Drogenmarkt in Neubrandenburg wieder in Schwung bringen wollten. Der Ermittlungserfolg mündete in einen Prozess, an dessen Ende Ibrahim Miri wegen bandenmäßigen Drogenhandels zu sechs Jahren Haft verurteilt wurde.

Um die Miris wurde es in Bremen seither merklich ruhiger, während die Probleme mit kriminellen Familienclans in anderen Regionen, insbesondere in Berlin und Nordrhein-Westfalen, zunehmend die Schlagzeilen bestimmten. Die Bremer Sicherheitsbehörden weisen allerdings darauf hin, dass die Miris ihre kriminellen Geschäfte in der Stadt keineswegs aufgegeben hätten. Die Clanmitglieder hätten gelernt, dass ihnen öffentliches Dominanzgebaren schade und sie von der Polizei beobachtet werden. Ibrahim Miri soll laut Medienberichten sogar aus dem Gefängnis heraus versucht haben, ein neues Rocker-Bündnis zu schmieden; von 2017 ab durfte er seine Zelle zeitweilig wieder verlassen.

Bei den Behörden galt Ibrahim Miri deshalb weiter als „die Führungsperson in Bremen“. Seine Abschiebung könnte den Clan daher empfindlich treffen. Eine illegale Rückkehr des Clan-Chefs hält man in Bremen zwar nicht für ausgeschlossen. Aber da für ihn nun ein Einreiseverbot gilt, müsste er sich im Untergrund bewegen und könnte bei Entdeckung umgehend in Abschiebehaft genommen werden. Möglicherweise drohen den Clans künftig auch noch weitere Abschiebungen. Der Berliner Innensenator Geisel versprach, auch in Berlin werde man den Clan-Kriminellen „weiterhin auf den Füßen stehen“ Und „wo es möglich ist, kommen auch Abschiebungen in Betracht.“

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Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Bingener, Reinhard
Reinhard Bingener
Politischer Korrespondent für Niedersachsen, Sachsen-Anhalt und Bremen mit Sitz in Hannover.
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