Fraktionsführung der Linken

Abschied vom großen Gregor

Von Mechthild Küpper, Berlin
13.10.2015
, 07:10
Von Mittwoch an wird Gregor Gysi einfaches Mitglied des Bundestags sein.
Gregor Gysi geht. Die Fraktion muss nun wie die Linkspartei ohne Führungsfiguren aus der Gründerzeit auskommen. Bartsch und Wagenknecht treten die Nachfolge des sprachmächtigen und witzigen Ostdeutschen an.
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Heute endet die fulminante politische Karriere von Gregor Gysi - vorläufig. Die Fraktion der Linkspartei im Bundestag tritt um 13 Uhr zusammen, um zwei Vorsitzende zu wählen, Sahra Wagenknecht und Dietmar Bartsch. Es ist möglich, aber unwahrscheinlich, dass etwas dazwischenkommt. Am Mittwoch um 18 Uhr richtet die Fraktion ihrem langjährigen Vorsitzenden einen Abschiedsempfang unter der Reichstagskuppel aus.

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Von Mittwoch an wird Gysi einfaches Mitglied des Bundestags sein. In der Linkspartei hat er schon lange - seit 1993 - keine Funktion mehr inne. Er will stellvertretendes Mitglied im Auswärtigen Ausschuss werden - gelernte Ostdeutsche, die in der DDR eingesperrt waren, lieben das Reisen -, er wird versuchen, nicht von der Hinterbank aus die Fraktion zu lenken, wird seine Matinee-Gespräche mit anderen Prominenten im Berliner Deutschen Theater intensivieren, und er wird seine Memoiren schreiben, an denen er wohl schon geraume Zeit arbeitet.

Gysi wird Gysi bleiben, einer der unterhaltsamsten Typen also, die es in der Politik der Nachwendezeit gab. Er wird nicht aufhören, für die Öffentlichkeit interessant zu sein, nur weil er nicht mehr Fraktionsvorsitzender ist. Vielleicht wird er erst richtig loslegen, jetzt, wo nicht jeder seiner Sätze mit der Realität seiner Partei und Fraktion verglichen werden kann. Vielleicht tut ihm der Wechsel von der Politik ins Unterhaltungsfach gut.

Am Schluss hat er im Amt das getan, was er oft tat: Den gesamten Sommer über schaute er dem Treiben um den Euro und die Schulden Griechenlands zu. Er sah zu, wie sich der Finanzpolitiker der Fraktion, Axel Troost, der Sahra Wagenknecht nur allzu gut verstanden hatte, bei ihr entschuldigen musste. Dabei hatte sie, zunächst nur implizit, dann aber so ausdrücklich, dass es auch Gysi hörte, durchaus von Grexit und einem Ende des Euros gesprochen. Kurz vorm Ende seiner Dienstzeit reichte es ihm dann doch, und er legte der Fraktion ein Papier zur Abstimmung vor, in dem er sich in Ton und Inhalt gegen seiner Nachfolgerin wandte: „Statt für den Austritt Deutschlands aus der Gemeinschaftswährung und/oder der EU oder für ihre Auflösung zu kämpfen, ist es Aufgabe der linken Kräfte, in der gesamten Bevölkerung der Union, Mehrheiten für eine andere Politik der EU zu gewinnen.“

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Wie bei ihm üblich, zögerte er lange, die linken Verbalradikalismen zurückzuweisen. Als kurz vor der Vorsitzendenwahl unvorteilhafte, drei Jahre alte Informationen über Dietmar Bartsch’ lockere Sprüche aus der Fraktion an die Presse gereicht wurden, ließ Gysi es mit allgemeinen Ermahnungen in alle Richtungen bewenden: „Das Misstrauen“ müsse abgebaut werden.

Gysi will jüngeren Nachfolger
Im Herbst soll der Fraktionsvorsitz abgegeben werden
© reuters, reuters

Gysi weiß, dass er keine Tiger in seiner Truppe hat

Bei der Gelegenheit seines letzten Hintergrundgesprächs mit der Presse zeigte Gysi, wie wenig er die schätzt, die beruflich mit ihm seit 1989/90 zu tun haben. Er ließ zur Feier des Tages um halb zehn morgens billigen Schaumwein ausschenken. Als Gastgeber wird man Gysi keine große Zukunft prognostizieren. Er ähnelt dem Zirkusdirektor, der glaubt, die Leute seien gekommen, ihn anzustaunen, nicht seine Tiger. Gysi weiß, dass er keine Tiger in seiner Truppe hat, und er hat sich und das Publikum daran gewöhnt, sich für die Hauptattraktion seines Ladens zu halten.

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Die Abgeordneten, die seine Nachfolger wählen werden, verweisen auf die unglamourösen Doppelspitzen der Grünen: Was Anton Hofreiter und Katrin Göring-Eckardt könnten, schafften ja wohl auch Wagenknecht und Bartsch. Ähnlich argumentiert Gysi, wenn nach der Regierungsfähigkeit seiner Truppen gefragt wird: Wenn man sehe, wer in Deutschland alles regiere, brauche man sich vor seinen Parteifreunden nicht zu fürchten.

Fürchten kann man sich jedoch vor seiner Personalpolitik, die mit der Wahl von Wagenknecht und Bartsch abermals siegreich sein wird. Gysi träumt - wie es auch Lothar Bisky tat - von einer gesamtdeutschen Linken. Diesem Ziel ordnet er viele andere Wünsche unter. Doch zog seine Partei PDS nach 1989/90 vor allem eine bestimmte Sorte westdeutscher Linke an. Die anderen, die sich vom Stalinismus, totalitären Ideen und Menschheitsbeglückungsprojekten verabschiedet hatten, waren längst anderswo organisiert. Und so hinterlässt Gysi als seine Nachfolge zwei Galionsfiguren von Strömungen, die seit vielen Jahren mit immer neuer Lust zeigen, dass sie einander von Herzen verachten.

Schon 2010 hatte Gysi mit seiner Personalpolitik die Partei fast an den Abgrund geführt. Eine lange Nacht lang verhandelte er mit den Leithammeln der Landesverbände, säuberlich nach Ost und West getrennt, und stellte danach ein Führungsteam vor, das sich alsbald als völlig dysfunktional erwies. Erst 2012, beim Göttinger Parteitag, wagte Gysi eine offene Kritik am stalinistischen Auftreten vieler westlicher Linkspartei-Abgeordnete; er sprach von Hass. Zuvor aber hatte er, auf Betreiben von Oskar Lafontaine, seinen langjährigen Weggefährten Bartsch auf offener Bühne beschuldigt - und praktischerweise auch gleich mit Ächtung bestraft.

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Gysi ist von Herkunft und Prägung her ein Strafverteidiger

Wäre Politik tatsächlich, wie man sich das vorstellt, eine Kette von Geschäften auf Gegenseitigkeit, dann hätte Bartsch bis zur Rente mit 67 bei Gysi Wohltaten gut. So sehr jedoch Gysi sich als Erziehungsberechtigter von Partei und Fraktion sieht, so sehr ist er in Wirklichkeit auf eigene Faust und ausschließlich auf eigene Rechnung unterwegs.

Von Lafontaine, den er anfangs hoch schätzte und doch am Ende gern gehen sah, hat er gelernt. Lafontaine hat in seiner langen politischen Karriere so viele Skandale erlebt und erfolgreich überlebt, dass Gysi die Haltung des „Hab’ ich das eigentlich nötig?“ bei dem einen und einzigen Thema übernahm, das ihn bis heute sichtbar schmerzt, und das sind die Vorwürfe, er habe inoffiziell der Stasi zugearbeitet. Sonst ist er, anders als Lafontaine, durchaus nicht hochmütig, sondern möchte gemocht werden. Die Witze, die ironischen Beobachtungen, die pointierten Erzählungen aus seinem inzwischen 67 Jahre währenden Leben erzeugen eine Wärme um ihn herum, die nur wenige Politiker herstellen können. Als vor vielen Jahren Lafontaine und Gysi gemeinsam zu Hintergrundgesprächen in Berliner Hinterzimmern einluden, dozierte Lafontaine über trockene deutsche Spitzenrieslinge, während Gysi sagte, er wolle auch eine Karaffe Wein, aber bitte „nicht so ein saures Zeug“.

Aus der Gysi-Biographie des Journalisten Jens König kann man vieles lernen, vor allem aber dies: Gysi ist von Herkunft und Prägung her ein Strafverteidiger, und das heißt, er hat verinnerlicht, dass man am weitesten kommt, wenn man nur zugibt, was das Gericht schon längst weiß und beweisen kann.

Quelle: F.A.Z.
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