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AfD und Neue Rechte

Wie sich Rechtspopulisten zu Widerstandskämpfern stilisieren

Von Matthias Gafke
Aktualisiert am 07.09.2016
 - 15:48
Symbolpolitik: Die Wirmer-Flagge auf einer Pegida-Demonstration im Februar
Die AfD und die Neue Rechte versuchen den Widerstand des 20. Juli um Graf Stauffenberg gegen das NS-Regime zu vereinnahmen. Welche Strategie verfolgen die Populisten mit dieser Instrumentalisierung?

„Es lebe das heilige Deutschland“: So lautet die Schrift auf der Schleife des Kranzes, den die Landtagsfraktion der AfD Sachsen-Anhalt am 20. Juli dieses Jahres in Magdeburg am Denkmal für den Widerstandskämpfer Henning von Tresckow niederlegte. Tresckow, Generalmajor und Chef des Stabes der 2. Armee, gehörte zum engsten Kreis der Verschwörer um Claus Schenk Graf von Stauffenberg, dessen Versuch, Deutschland und die Welt von Adolf Hitler zu befreien, am 20. Juli 1944 scheiterte.

Das „heilige Deutschland“ ist eine Anspielung auf die letzten Worte Stauffenbergs vor seiner Exekution durch ein Erschießungskommando im Hof des Bendlerblocks, des ehemaligen Sitzes des Oberkommandos des Heeres, der den Verschwörern als Zentrale diente. Über Stauffenbergs letzte Worte ist viel spekuliert worden. Nicht auszuschließen ist, dass er „Es lebe das geheime Deutschland!“ rief. Auch wenn der exakte Wortlaut des Vivat-Rufs Spekulation bleiben wird, war er zweifelsfrei eine Hommage an den Dichter Stefan George, den der Attentäter als „Meister“ verehrte. Stauffenberg und seine Brüder Berthold und Alexander waren Mitglieder des George-Kreises, einer Gruppe von Intellektuellen, die sich um den Dichter sammelten. Mit dem „Geheimen Deutschland“ – so auch der Titel eines George-Gedichts – verband Stauffenberg die geistige Erneuerung des Abendlandes, die von Deutschland ausgehen sollte.

Die Verachtung der „Gleichheitslüge“

Historiker wie Johannes Tuchel, Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand, und Frank Bajohr, wissenschaftlicher Leiter des Zentrums für Holocaust-Studien am Institut für Zeitgeschichte, vertreten den Standpunkt, dass der Einsatz der Männer des 20. Juli höchste moralische Würdigung verdiene. „Es war natürlich alles besser, als nichts zu machen“, so Frank Bajohr. Der Leiter der Gedenkstätte Deutscher Widerstand verweist auf die große Bedeutung des Attentats für die politische Kultur der Bundesrepublik: Dass der Kreis um Stauffenberg dem Krieg und den nationalsozialistischen Verbrechen ein Ende bereiten wollte, sei etwas, so Tuchel, das man heute uneingeschränkt als vorbildhaftes Verhalten bezeichnen könne. So verdienstvoll das Attentat auf den Diktator aber auch war, so wenig sind Stauffenbergs Pläne für eine gesellschaftliche Neuordnung mit einer Demokratie westlich-liberaler Prägung in Einklang zu bringen. Mit der Weimarer Republik assoziierten die Verschwörer Chaos und Unübersichtlichkeit. Ihnen schwebte vielmehr eine „echte Volksgemeinschaft“ vor, die sich gegen einen gesellschaftlichen Pluralismus wandte. „Das propagierte Gesellschaftsbild und die Verfassungspläne waren eben sehr weit entfernt von einer offenen demokratischen Gesellschaft“, fasst der Historiker Gerd R. Ueberschär in seinem Buch zum deutschen Widerstand gegen das NS-Regime zusammen.

Karlheinz Weißmann, ein Vordenker der Neuen Rechten, sagte dieser Zeitung, die Vorstellung, der 20. Juli sei ein rechter Widerstand gewesen, habe eine große Rolle für die Zeitung „Junge Freiheit“ und ihr gesamtes Umfeld gespielt. „Ich habe schon mit Kommilitonen zum 20. Juli 1984 die ganze Göttinger Universität mit Plakaten eingedeckt, auf denen stand ,Es lebe das heilige Deutschland!‘“, so Weißmann. Vor allem der sogenannte Eid der Verschwörer übt auf die Neue Rechte eine große Faszination aus. Darin spricht Stauffenberg von der Verachtung der „Gleichheitslüge“ und fordert die Anerkennung der „naturgegebenen Ränge“. Dahinter verbirgt sich die Ablehnung der Gleichheitsidee der Aufklärung und der Werte der Französischen Revolution. Was Stauffenberg für den rechten Rand so attraktiv macht, sind mithin die antipluralistischen, antiliberalen und antiparlamentarischen Positionen der Verschwörer des 20. Juli.

Golden eingefasstes Philippuskreuz auf rotem Grund

Ebenso instrumentalisiert wie die Person des Grafen Stauffenberg wird die sogenannte Wirmer-Fahne, die zum Beispiel auf Pegida-Demonstrationen in Dresden regelmäßig zu sehen ist. Online-Händler wie Ebay oder Amazon bieten sie unter Stichworten wie „Deutscher Widerstand“, „20. Juli“ oder „Stauffenberg“ zum Kauf an. Der katholische Rechtsanwalt Josef Wirmer hatte die Fahne 1944 entworfen, die – sollte Stauffenbergs Umsturzversuch glücken – zur neuen Nationalflagge werden sollte. Nach dem gescheiterten Attentat wurde Wirmer festgenommen und im Konzentrationslager Ravensbrück inhaftiert. Der Volksgerichtshof verurteilte ihn am 8. September 1944 zum Tode. Wenige Stunden später wurde das Urteil in Berlin-Plötzensee vollstreckt.

Die Wirmer-Fahne, die den skandinavischen Flaggen ähnelt, zeigt ein golden eingefasstes Philippuskreuz auf rotem Grund. Der senkrechte Querbalken ist zum Mast hin verschoben. Das schwarze Kreuz war als Bekenntnis zum Christentum und als Kontrapunkt gegen das Hakenkreuz der Nationalsozialisten gedacht. Die Farben Schwarz-Rot-Gold erinnerten an die Befreiungskriege gegen Napoleon und die deutsche Einheitsbewegung im 19. Jahrhundert. Wirmers Verwendung der demokratischen Farben ist insofern bemerkenswert, da sie an die im militärischen Widerstand unpopuläre Trikolore der Weimarer Republik erinnert.

Verhöhnung von Wirmers Überzeugungen

Nach dem Krieg geriet die Fahne keineswegs sofort in Vergessenheit. Vertreter von CDU und CSU plädierten im Parlamentarischen Rat für Wirmers Entwurf als neue Nationalflagge. Die Christlichen Demokraten hatten dabei im Auge, dass die SED in der Sowjetischen Besatzungszone mit der schwarz-rot-goldenen Trikolore liebäugelte. Der Grundausschuss des Parlamentarischen Rates beriet über den Vorschlag der Unionsparteien am 3. November 1948. Weil man aber bewusst an die Tradition der Weimarer Republik anknüpfen wollte, kam die Wirmer-Fahne nicht als Bundesflagge in Frage.

Bis zu Beginn der sechziger Jahre tauchte Wirmers Entwurf in abgewandelter Form in den Organisationsemblemen von CDU und Junger Union auf. Danach geriet die Fahne in Vergessenheit. Ins Bewusstsein der bundesrepublikanischen Öffentlichkeit kehrte sie erst zurück, als weit rechts stehende Organisationen und Bewegungen damit auf die Straße gingen.

Die Aneignung von Symbolen und Personen des Widerstands gegen den Nationalsozialismus ist Teil einer Strategie, sich zu einem Widerstandskämpfer in einem unfreien Staat zu stilisieren. Unterstützt wird diese absurde historische Analogie, wenn AfD-Politiker wie Björn Höcke und Alexander Gauland von einer „Kanzler-Diktatorin“ sprechen. Der Vorsitzende der „Stiftung 20. Juli 1944“, Robert von Steinau-Steinrück, sagte dieses Jahr anlässlich des Attentats vor 72 Jahren, das Schwenken der Wirmer-Fahne auf extremistischen und fremdenfeindlichen Veranstaltungen verhöhne das, wofür Josef Wirmer gestanden habe: eine freiheitliche und tolerante Gesellschaft.

Quelle: F.A.Z.
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