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Umstrittener AfD-Mitgründer

Lucke hält Vorlesung im dritten Anlauf

Von Matthias Wyssuwa, Hamburg
 - 15:00
Polizisten am Mittwoch vor dem Hörsaal der Uni Hamburg Bild: dpa

Seine erste Vorlesung kann Bernd Lucke am Mittwoch ganz sicher abhalten, frei von Geschrei und Widerspruch. Mitten auf dem Campus der Hamburger Universität, in einem großen, grauen Klotz, befindet sich ein kleiner Vorlesungssaal. Davor viele Studenten zwischen Bibliothek und Kaffeepause. Sie wissen nicht, was in dem Saal passiert. Die Türen sind abgeschlossen, und wenn man klopft, treten irgendwann zwei Männer in schwarzer Kleidung heraus, die Lederhandschuhe in die Taschen gestopft. Der eine spricht von „Bauarbeiten“, die Tür geht wieder zu.

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Aber in dem Saal gibt es keine Bauarbeiten. Bernd Lucke zeichnet seine Vorlesung schon einmal unter Ausschluss der Öffentlichkeit auf, damit er sie seinen Studenten schicken kann – sollte es mit der eigentlichen Vorlesung vor Publikum danach mal wieder nichts werden. Die Universität teilt später auf Nachfrage mit, das sei auch „ein Angebot der Universität an die teils verängstigten Studierenden, um ihnen ein Lernen unter unbehelligten Bedingungen und ohne die große mediale Aufmerksamkeit zu ermöglichen“. Ganz am Ende geht die Tür zum Vorlesungssaal auf, und man sieht Lucke am Pult stehen. Er muss los, zu seiner richtigen Vorlesung. Ein paar hundert Meter weiter, ein neuer Vorlesungssaal. Gesichert zum ersten Mal durch Zäune und Dutzende Polizisten – und so stark gesichert, kann Lucke dann auch diese zweite Vorlesung ohne Störungen halten. Nur leicht verspätet.

Die Lage in Hamburg ist verfahren. Zweimal schon hatte Bernd Lucke versucht, nach seiner Rückkehr an die Universität Hamburg seine Vorlesung „Makroökonomik II“ zu halten. Beim ersten Versuch hatten ein paar hundert Studenten vor dem Hauptgebäude der Universität gegen den einstigen Mitbegründer der AfD protestiert, der Studentenausschuss hatte dazu aufgerufen. Später ließen dann zahlreiche Störer im Vorlesungssaal Bernd Lucke nicht zu Wort kommen. Es wurde gerempelt, geflucht, Papierkügelchen flogen. Die Sicherheit von Lucke sei nie in Gefahr gewesen, hieß es später.

Die Uni will eine alternative Vorlesung anbieten

Beim zweiten Versuch in der vergangenen Woche standen dann Mitarbeiter eines Sicherheitsdienstes vor einem anderen Vorlesungssaal und ließen nur hinein, wer angemeldet war und seinen Personalausweis dabeihatte. Als allerdings etwa 15 Störer in den Saal drängten, hatten sie keine Chance mehr. Die Vorlesung wurde abgebrochen, Lucke durch einen Nebeneingang herausgeführt. Beim dritten Versuch stehen nun Polizisten in voller Montur bereit. Der neue Ort wurde nicht öffentlich bekanntgegeben und hat sich doch schnell herumgesprochen. Wieder dürfen nur Studenten hinein, die für den Kurs angemeldet sind und sich ausweisen können. Zumindest zu Beginn verläuft alles geordnet. Nur ein paar Studenten verteilen wieder Flyer. Um die Ecke stehen noch mehr Einsatzwagen der Polizei bereit.

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Die Universität hatte sich nach der gescheiterten zweiten Vorlesung mit einem Schreiben an Katharina Fegebank gewendet, die Wissenschaftssenatorin der Grünen. Darin schlug sie vor, dass als Ersatz zu der Präsenzveranstaltung nur eine digitale Vorlesung gehalten wird. Man hätte „die digitale Variante als Mittel der Deeskalation bevorzugt“, hieß es, und in dem Schreiben darauf hingewiesen, „dass die Universität mit der Verwirklichung von Sicherheitsmaßnahmen an ihre Grenzen gekommen ist“. Man habe darum gebeten, dass die „Sicherung der Veranstaltung und der beteiligten Personen vollumfänglich durch die staatlichen Ordnungskräfte erfolgt“. Die rein digitale Vorlesung habe Lucke laut Universität abgelehnt. Und der Senat hatte mit einer Dienstanweisung klargestellt, dass die Vorlesung zur selben Uhrzeit wie angekündigt stattzufinden habe.

Ob es in den nächsten Wochen so weitergeht, ist offen. In einem sogenannten „Streitgespräch“ der Wochenzeitung „Die Zeit“ forderte Lucke Fegebank dazu auf, ein Disziplinarverfahren gegen ihn einzuleiten. In diesem könne er beweisen, dass er stets aktiv und aus innerer Überzeugung für die Verfassung eingetreten sei. Fegebank reagierte zurückhaltend, sagt aber auch, es müsse alles getan werden, damit seine Vorlesungen ordnungsgemäß stattfinden könnten. Sie äußerte aber auch, er habe die Partei gegründet, die heute einen rechtsextremen Weg gehe. „Diese Verantwortung kann Ihnen niemand abnehmen, auch ich nicht.“ Seit Tagen schon sieht sich Fegebank heftiger Kritik für ihr Verhalten aus der Opposition ausgesetzt.

An der Universität Hamburg soll nun eine alternative Vorlesung „Makroökonomik II“ angeboten werden. Und die Universität macht Studenten und Mitarbeitern, die sich durch die Vorfälle belastet fühlen, noch ein anderes Angebot: „Als Sofortmaßnahme bietet die Psychotherapeutische Hochschulambulanz der Universität Hamburg Ad-hoc-Therapien zur Bewältigung von Posttraumatischen Belastungsstörungen an.“

Quelle: FAZ.NET
Matthias Wyssuwa
Politischer Korrespondent für Norddeutschland und Skandinavien mit Sitz in Hamburg.
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