Afghanistan-Einsatz

Ein Ende mit Fragezeichen

Von Johannes Leithäuser, Berlin
13.10.2021
, 19:30
Kränze für die Gefallenen am Mittwoch in Berlin
Bei einem Zapfenstreich hat der Staat die Soldaten geehrt, die über Jahre in Afghanistan Dienst taten. Dabei endete der Einsatz allzu unrühmlich. Die Aufarbeitung des Scheiterns soll noch folgen.

Die Kränze lagen als Erstes da, weiße Chrysanthemen, schwarz-rot-goldene Schleifen. Fast wie ein kleiner Gedenkfriedhof wirkten die beiden Kranzreihen am äußeren Ende des Paradeplatzes, seitlich neben dem grauen Kubus, in dem sich das Ehrenmal der Bundeswehr verbirgt. Die Paradeformation, die zu Beginn des „feierlichen Appells aus Anlass der Beendigung des Einsatzes der Bundeswehr“ aufmarschierte, wie es offiziell hieß, verdeckte die Erinnerungszeichen dann ein wenig.

Die Erinnerung an die 59 Toten, die Gefallenen und Verunglückten des Afghanistan-Einsatzes, hatte am Anfang dieses Gedenktags gestanden, der nach dem Willen von Verteidigungsministerin Annegret Kramp-Karrenbauer (CDU) vor allem auch ein Tag des Dankes sein sollte. Auf dem weiten Rechteck hinter dem Berliner Ministeriumssitz zogen Abordnungen aller Verbände und Dienststellen ein, die in zwei Jahrzehnten bei der Bundeswehr mit Afghanistan zu tun hatten: jene, die dort dienten; jene, die sie betreuten; jene, die Soldaten und Ausrüstung dorthin schickten – also vom Fernaufklärer über den Panzergrenadier bis hin zum Militärgeistlichen. Die Ecken des Platzes markierten zwei Militärfahrzeuge, ein Truppentransporter vom Typ Dingo und ein Schützenpanzer Marder, beide noch in den ockerfarbenen Wüsten-Tarnflecken lackiert, die jeder Soldat aus der afghanischen Einsatzzeit kennt.

„Den Blick freimachen auf Sie“

„Die Soldaten in der Paradeformation sind geimpft oder genesen, sodass auf Abstandsregelungen verzichtet werden kann“, teilte eine Protokoll-Sprecherin den Gästen kurz vor dem Einzug der Soldaten über Lautsprecher mit. Es war der deutlichste Hinweis darauf, wie weit weg das Land am Hindukusch schon wieder gerückt ist – zweieinhalb Monate nachdem das letzte deutsche Einsatzkontingent vollständig zurückkehrte und rund fünf Wochen, seitdem auch die riskante militärische Luftbrücke, die von Fallschirmjägern und Transportfliegern zur Rettung von Zivilisten nach Kabul geschlagen worden war, ihr Ende fand.

Der Bundespräsident und die Verteidigungsministerin würdigten im Beisein der Kanzlerin und aller anderen Verfassungsorgane an diesem Nachmittag vor allem die Leistung der Soldaten. Die Politik solle in diesem Moment in den Hintergrund rücken „und den Blick frei machen auf Sie“, sagte Kramp-Karrenbauer den angetretenen Soldaten. Sie wies hin auf den Großen Zapfenstreich, die längste militärische Zeremonie und höchste militärische Ehrung, welche die Bundeswehr zur Verfügung hat, mit der am Abend auf dem Platz der Republik vor dem Reichstagsgebäude der Dank an die Soldaten endete. Dort nahmen eine Oberfeldärztin und ein Oberstabsfeldwebel im Schein der Fackeln die angetretene militärische Formation ab. Erstmals gelte diese Ehre nicht Politikern oder historischen Ereignissen, sondern diene dazu, den Afghanistan-Veteranen selbst „alle Ehre zu erweisen“ und zu zeigen, „dass Sie stolz sein dürfen auf das, was Sie geleistet haben“, sagte die Ministerin.

Immer wieder wurden am Mittwoch die Zahlen genannt: 76 Einsatzkontingente der Bundeswehr lösten sich ab in Afghanistan, 7324 Tage waren deutsche Soldaten am Hindukusch, mehr als 150.000 deutsche Soldatinnen und Soldaten taten dort Dienst, viele von ihnen mehrfach, einige gingen bis zu 17 Mal in eines der Feldlager in Kundus, Kabul oder Mazar-i-Sharif.

Die Ministerin will noch analysieren

Kramp-Karrenbauer gab das Versprechen ab, die feierliche Zeremonie am Ende jenes Einsatzes, der die Bundeswehr stärker geprägt habe als alle anderen Auslandsmissionen, werde eine gründliche Analyse des Engagements nicht ersetzen. Es sei nicht der Tag, an dem „das Kapitel Afghanistan“ geschlossen werde. Aber sie legte im Verlauf ihrer Ansprache doch Wert darauf, dass der Zusammenbruch der vom Westen gestützten Ordnung in Kabul nicht der Bundeswehr anzulasten sei.

Sie bestand darauf, die Bundeswehr habe „das erreicht, was unter den gegebenen Umständen möglich war“. Die Bundeswehr könne ein „militärisches Fundament an Sicherheit“ legen und damit einen Raum für andere Akteure schaffen; diese Aufgabe habe sie erfüllt. Die Bundeswehr könne aber nicht den Aufbau einer Zivilgesellschaft bewerkstelligen oder die wirtschaftliche Entwicklung eines Landes beschleunigen. Daher sei es falsch, das militärische Engagement stellvertretend für die gesamten Bemühungen des Aufbaus in Afghanistan zu bewerten, sagte Kramp-Karrenbauer.

Wurde das politische Ziel je klar genug definiert?

Auch die Ausbildung der afghanischen Streitkräfte sei von den deutschen Soldaten gut bewerkstelligt worden, urteilte die Ministerin. Aber eine Armee müsse „wissen, wofür sie kämpft“. Sie brauche Rückhalt und Zusammenhalt, und beides könne man „nicht ausbilden“. Sie stellte viele weitere Fragen: Sei das Ziel in Afghanistan jemals politisch klar genug definiert worden? Müsse es in Zukunft „klarere Mandate“ und realistischere Ziele geben? Steinmeier fügte weitere Fragen hinzu: Warum sind die afghanische Staatsführung und ihre Streitkräfte in so kurzer Zeit zerfallen? Welche Lehren sind zu ziehen?

Der Bundespräsident gab an, die deutsche Außen- und Sicherheitspolitik müsse „ehrlicher, klüger und stärker“ werden, die Bundeswehr müsse eine starke Armee sein. Steinmeier sagte den Soldaten, es müsse die Abmachung gelten: „Sie sind Ihrem Land verpflichtet – und Ihr Land ist Ihnen verpflichtet.“ Doch das war in Berlin an jenem Nachmittag und Abend für die angetretenen Soldaten wohl gar nicht leicht zu empfinden. Sie standen auf dem Paradeplatz und vor dem Reichstag in einem Raum der Stille, umgeben von geladenen Gästen. Das Berliner Leben hielt die Polizei mit

Quelle: F.A.Z.
Autorenporträt / Leithäuser, Johannes (Lt.)
Johannes Leithäuser
Politischer Korrespondent in Berlin.
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