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Merkel trifft Söder

Der Mann mit den drei Masken

Von Timo Frasch, Herrenchiemsee
Aktualisiert am 14.07.2020
 - 17:27
Bayerns Ministerpräsident Markus Söder (CSU) empfängt Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) vor der gemeinsamen Schifffahrt nach Herrenchiemsee.
Bei ihrem Besuch am Chiemsee lässt sich die Kanzlerin von Markus Söder keine weiß-blaue Maske verpassen. Mit seinem doppeldeutigen Spiel rund um die Kanzlerfrage scheint Angela Merkel aber kein Problem zu haben.

Das Treffen von Bundeskanzlerin Angela Merkel und dem bayerischen Ministerpräsidenten und CSU-Chef Markus Söder findet auf Herrenchiemsee statt, einer Insel auf einem See also, der, man muss es so deutlich sagen, kein Meer ist, aber wenigstens groß genug, um „Bayerisches Meer“ genannt zu werden. Reicht das nicht schon aus zur Charakterisierung der Gastgeber?

Auch sonst sind die gemeinsame Kutsch- und Schifffahrt, für welche die gemeinsame Kabinettssitzung in der großen Spiegelgalerie des Neuen Schlosses eine schillernde Kulisse bietet, ein wahrer Schatz für alle Zeichendeuter und Tiefenpsychologen. Dass Merkel überhaupt Söders Einladung in diesen prunkvollen, Versailles nachempfundenen Bau, der wie eine Antithese zu ihrem eigenen Regierungsstil wirkt, angenommen hat, sagt das etwa nichts aus über ihre Präferenz, wer ihr im Kanzleramt nachfolgen solle? Oder will sie diesem Eindruck dann doch entgegentreten?

Als Söder ihr beim Empfang drei Gesichtsmasken darreicht – eine mit bayerischem, eine mit deutschem, eine mit europäischem Fahnenmuster – da nimmt sie sie erst einmal nicht an sich. Andererseits: Sie trägt ja schon eine Maske, die mit dem Logo der soeben begonnenen EU-Ratspräsidentschaft. Und dass sie sich keine weiß-blaue Maske überziehen kann, versteht sich von selbst. Söder hat gute Erfahrungen gemacht mit der Indienstnahme bayerischer Sehenswürdigkeiten für politische Termine, man denke nur an die Ausflüge auf die Zugspitze, aber auch mit symbolisch aufgeladenen Politikertreffen.

Als Söder im vergangenen Sommer gemeinsam mit dem Grünen Winfried Kretschmann über den Bodensee schipperte, konnte er damit den politischen Gegner ärgern und sich selbst in Richtung Landesväterlichkeit manövrieren. Aber damals wurde auch noch nicht darüber spekuliert, ob er Kanzlerkandidat der Union werden könnte. Das ist heute anders.

Söders Spiel

An der Anlegestelle in Prien haben sich einige Söder-Fans eingefunden. Einer hat ein Schild gebastelt, dass in seiner Emphase noch steigerungsfähig ist, aber doch eindeutig genug, um das Interesse des Ministerpräsidenten zu wecken: „Markus Söder Kanzlerkandidat? Ja.“ Söder geht auf die Söderianer zu, sucht aber ein gemeinsames Bild zu vermeiden. Zur Begründung verweist er auf Corona – und darauf, dass er wegen derlei Schildern im Leben schon „viel Ärger“ bekommen habe. Im November 2017 hatte er sich neben Frauen und Männern der Jungen Union ablichten lassen. Die hielten Schilder mit „Söder – unsere neue Nummer 1“ oder „MP Söder“ in Händen, wobei der damalige Finanzminister auf dem Bild keineswegs unerfreut wirkte. Ein paar Monate später war er Ministerpräsident.

Das Spiel, das Söder im Moment spielt, befeuert durch zahlreiche Journalistennachfragen, war also schon mal erfolgreich. Es besteht aus Anspielungen und Doppeldeutigkeiten. Es ist ein Balanceakt, allerdings mit Netz und doppeltem Boden. Alle, die in der Sitzung auf Herrenchiemsee bayerischen oder gar Söderschen Größenwahn erkennen mögen, werden darauf hingewiesen, dass hier schließlich die Wiege des Grundgesetzes stehe. Wer hinzusetzt, das Grundgesetz sei vom bayerischen Landtag aber abgelehnt worden, der wird freundlich daran erinnert, dass die Bayern das nur getan hätten im Wissen, dass es auch ohne sie eine ausreichende Mehrheit gebe. Dieses Spiel hat seinen Reiz, es könnte aber sein, dass die Bereitschaft, sich darauf einzulassen, nicht überall in der Republik so groß ist wie im Freistaat.

Der hohe Gast selbst schien allerdings kein Problem damit zu haben. In ihren Worten, die Merkel zur Begrüßung an die Mitglieder des bayerischen Kabinetts richtete, bemühte sie sich um persönliche Färbung. Sie erzählte von einem Besuch Bayerns mit ihren Eltern und der Oma, 1961, wobei der genaue Wortlaut in dem kathedralenhohen Saal unterging. Auch ließ sie erkennen, dass sie selbst, wenn man sie als reinen Vernunftmenschen darstellt, unterkomplex charakterisiert sein könnte. Jedenfalls sei Herrenchiemsee in diesem Jahr so etwas wie ein Ersatz für die wegen Corona ausfallenden Bayreuther Festspiele. Zum Komponisten Richard Wagner habe ja auch der Bauherr des Neuen Schlosses, Ludwig II., eine enge Beziehung gehabt.

In der Sitzung selber geht es dann vor allem um ganz große Fragen – wie so oft, wenn es wenig Konkretes zu entscheiden gibt. Man habe die Möglichkeit gehabt „zu diskutieren, in welcher Welt leben wir eigentlich“, sagt Merkel bei der Abschlusspressekonferenz auf der märchenhaften Schlosswiese, die ihren Regierungssprecher Steffen Seibert zu dem Seufzer anleitet: „Das ist ja eine Idylle hier.“

Die Fragen an die Kanzlerin konzentrieren sich nicht zu sehr auf die deutsche EU-Ratspräsidentschaft und auf Corona – bei letzterem Thema zeigt Merkel Sympathie für kreisbezogene Ausreiseverbote –, sondern kommen schnell zu dem Thema, um das es laut Söder überhaupt nicht gehen soll. Als Merkel zwei Fragen gestellt werden, die erste, ob Europa eine eigene digitale Infrastruktur brauche, die zweite, ob Markus Söder das Zeug zum Kanzler habe, da zeigt sie einen fast schon bayerischen Sinn für Theatralik. Erst macht sie sich mit konzentrierter Miene eine Notiz, dann sagt sie: „ja“ – um dann hervorzuheben, das sei ihre Einleitung zur Beantwortung der ersten Frage.

Zu Frage zwei äußerte sie dann, nun wieder ganz bei sich: „Sie wissen, dass ich als Bundeskanzlerin ja sozusagen nicht mehr zur nächsten Wahl antrete. Und mit dieser Aussage verbunden ist, dass ich mir sozusagen bei dieser Frage eine besondere Zurückhaltung auferlege.“ Deshalb werde sie „dazu in keiner Weise und in keinem Umfeld etwas kommentieren“. Sie könne nur sagen: „Bayern hat einen guten Ministerpräsidenten, und der hat mich heute eingeladen.“ Sie versichert allerdings auch, dass sie ähnliche Einladungen anderer Ministerpräsidenten auch annehmen würde, „unabhängig davon, ob sie sich zum Beispiel für den CDU-Vorsitz bewerben oder nicht“.

Aber wie erwähnt, darum sollte es laut Söder ja gar nicht gehen, sondern darum, zu dokumentieren, dass das Verhältnis zur Schwesterpartei, aber auch zu Merkel ganz persönlich nun wieder viel besser sei als etwa 2015, da sie der damalige CSU-Vorsitzende Horst Seehofer zur Hochzeit der Flüchtlingskrise auf der CSU-Parteitagsbühne abgekanzelt hat.

Nun, 2020, ist Merkel, zumindest nach den Recherchen der bayerischen Staatskanzlei, die erste in der Reihe der deutschen Kanzlerinnen und Kanzler, die das bayerische Kabinett beehrt hat, oder, je nachdem, von diesem empfangen wurde. Wie sagt Söder an diesem Mittag, der dem alten CSU-Motto „Sommer, Sonne, Bayern“ alle Ehre machte: „Es ändern sich die Zeiten.“

Das gilt freilich zu jeder Zeit und in alle Richtungen. In einem schönen Gedicht von Bertolt Brecht, das ein poesieaffiner Mann aus der CSU zum Abgang Seehofers auf den Lippen hatte, kommt dieser Satz so ähnlich vor: „Es wechseln die Zeiten.“ Danach heißt es: „Die riesigen Pläne/Der Mächtigen kommen am Ende zum Halt./Und gehn sie einher auch wie blutige Hähne/Es wechseln die Zeiten, da hilft kein Gewalt.“

Quelle: F.A.Z.
Timo Frasch - Portraitaufnahme für das Blaue Buch "Die Redaktion stellt sich vor" der Frankfurter Allgemeinen Zeitung
Timo Frasch
Politischer Korrespondent in München.
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