Anschlag auf Berliner Autobahn

Fahrer muss in Psychiatrie

Von Swaantje Marten, Berlin
Aktualisiert am 19.08.2020
 - 19:42
Ermittler arbeiten auf der Berliner Stadtautobahn A100 in Höhe der Ausfahrt Alboinstraße.
Ermittelt wird gegen einen 30 Jahre alten Mann wegen versuchten Mordes in mindestens drei Fällen. Es gebe sowohl Hinweise auf eine radikale islamistische Gesinnung als auch auf psychische Probleme des mutmaßlichen Täters.

Nach einem mutmaßlich islamistisch motivierten Anschlag auf der Berliner Stadtautobahn kommt der Tatverdächtige vorläufig in die Psychiatrie. Das habe am Mittwoch ein Haftrichter antragsgemäß entschieden, teilte die Staatsanwaltschaft nach Angaben der Deutschen Presse-Agentur mit.

Im Kurznachrichtendienst Twitter hieß es auf dem Account der Generalstaatsanwaltschaft: „Soeben ist unter anderem wegen versuchten Mordes und gefährlichen Eingriffs in den Straßenverkehr in drei Fällen antragsgemäß die vorläufige Unterbringung des Beschuldigten in einer geschlossenen psychiatrischen Einrichtung des Maßregelvollzuges angeordnet worden.“

Der Angreifer soll auf der Berliner Stadtautobahn mit seinem Auto „quasi Jagd“ auf Motorradfahrer gemacht haben. Der krasse Ausdruck sei angemessen, sagte ein Sprecher der Staatsanwaltschaft am Mittwoch. Betroffen seien zwei Motorrad- und ein Motorrollerfahrer. Die Motorradfahrer und ein Auto seien gerammt, ein weiteres Auto gestreift worden. Die Kollisionen seien als gezielte Anschläge zu werten. Sechs Menschen seien verletzt worden, drei davon schwer. Ein Motorradfahrer habe schwerste Verletzungen an Kopf und Wirbelsäule erlitten.

Ein 30 Jahre alter Iraker, der laut Staatsanwaltschaft in Deutschland geduldet wird, hatte am Dienstagabend gegen 18.30 Uhr an drei Stellen auf der Autobahn im Westteil Berlins die Zusammenstöße verursacht.

Ermittelt wird wegen versuchten Mordes in mindestens drei Fällen. Es gebe sowohl Hinweise auf eine radikale islamistische Gesinnung als auch auf eine psychische Labilität. Ob weitere Personen in den Anschlag verwickelt waren, werde untersucht. „Wir werden jeden Stein umdrehen“, kündigte der Sprecher an.

Konkrete Hinweise auf eine Mitgliedschaft des Mannes in einer Terrorgruppe lagen der eigens für den Fall ins Leben gerufenen Ermittlungsgruppe „Motorrad“ zunächst nicht vor, hieß es von der Staatsanwaltschaft. Der mutmaßliche Täter soll vorher im Internet Hinweise auf die geplante Tat veröffentlicht haben. Nach Informationen der Deutschen Presse-Agentur postete der Iraker Fotos von dem Auto, mit dem er später absichtlich mehrere Fahrzeuge rammte, sowie religiöse Sprüche, in denen auch das Wort „Märtyrer“ vorgekommen sein soll, auf Facebook.

Dass Hinweise darauf vorliegen, dass der Tatverdächtige unter psychischen Problemen leiden könnte, mache die Sache nicht einfacher, sagte Innensenator Andreas Geisel (SPD). „Wenn sich persönliche Probleme mit religiös aufgeladenen Vorstellungen vermischen, kann dies zu unkontrollierbarem Handeln führen. Die gestrigen Ereignisse zeigen uns sehr schmerzhaft, wie verletzlich unsere freie Gesellschaft ist.“

Nachdem der Fahrer an verschiedenen Orten auf der Bundesautobahn 100 zwischen Wilmersdorf und Tempelhof vorsätzlich Zusammenstöße, unter anderem mit Motorradfahrern, verursacht hatte, kam sein Auto nach einer weiteren Kollision zum Stehen. Augenzeugen berichteten, der Täter sei daraufhin aus dem Auto ausgestiegen und habe „Allahu akbar“ („Allah ist groß“) gerufen. Nach dem Verlassen seines Fahrzeugs habe der Mann eine Munitionskiste auf dem Auto abgestellt und gedroht, die Kiste enthalte einen „gefährlichen Gegenstand“, so eine Polizeisprecherin. Daraufhin hätten Kriminaltechniker die Kiste durchleuchtet.

Die Polizei, die die Kiste später mit einem Wassergewehr öffnete, fand darin jedoch nur Werkzeug. Auch befanden sich in dem Fahrzeug des Täters keine Sprengstoffspuren. Der Autobahnabschnitt wurde gesperrt. Personen, die sich in dem Stau rund um die Unfallstelle befanden, mussten ihre Autos sicherheitshalber verlassen. Inzwischen hat die Polizei ihre Untersuchungen vor Ort weitestgehend beendet.

Mehrere AFD-Politiker kommentierten den Vorfall auf Twitter. Die Fraktionsvorsitzende der AFD im Bundestag, Alice Weidel, schrieb: „Abermals wird deutlich, dass die Einwanderungs- und Integrationspolitik vollständig gescheitert ist.“ In Anspielung auf den Terroranschlag auf dem Berliner Breitscheidplatz im Jahr 2016, fügte Weidel hinzu, ein Fall Amri dürfe sich nicht wiederholen.

Innensenator Geisel teilte in einer Stellungnahme mit, unabhängig von der Tat am Dienstag müsse man sich bewusst sein, dass Berlin weiterhin im Fokus des islamistischen Terrorismus stehe. Der Weg der Antiterrorbekämpfung sei daher der richtige. Die Behörden seien dafür gut ausgerüstet.

Quelle: FAZ.NET
  Zur Startseite
Verlagsangebot
Verlagsangebot